Es war am 9. April 1999, als Jean-Pierre Roth eine erstaunliche Prognose wagte. «Ich glaube», sagte der damalige Vizepräsident der Nationalbank der «Berner Zeitung», «dass wir in 10 Jahren beim Euro dabei sind.»

Zur gleichen Zeit publizierte ein nur wenig bekannter 36-jähriger Ökonom namens Thomas Jordan im Fachmagazin «Aussenwirtschaft» einen Aufsatz. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Nationalbank verfasste zusammen mit seinem Doktorvater Ernst Baltensperger und einem SNB-Kollegen einen 24-seitigen Text, in dem er gegen eine Anbindung an die neue europäische Einheitswährung argumentierte.

In dem Beitrag hiess es, dass die SNB durch eine Euro-Anbindung «ihre Reputation als selbstständige geldpolitische Institution» verlieren würde. «Dieser Reputationsverlust wiegt umso schwerer, je höher die Wahrscheinlichkeit für eine ungünstige Entwicklung der Währungsunion veranschlagt wird», schrieben Jordan und die beiden Co-Autoren. Und weiter: Die Reputation wäre nur «mit erheblichen Kosten» wieder herstellbar.

Der Bieler Jordan offenbarte seine euroskeptische Haltung schon früher. Er studierte an der Universität Bern und promovierte 1993 mit einer Dissertation, in der er die Schwächen und Risiken der künftigen europäischen Einheitswährung Euro benannte. Dafür lobte ihn die SVP-nahe «Weltwoche» nach seiner Ernennung zum Nachfolger von Philipp Hildebrand vor rund drei Jahren: Jordan habe die «Fehlkonstruktion Euro» frühzeitig erkannt.

Als Thomas Jordan im Januar 2012 zuerst interimistisch und dann definitiv SNB-Präsident wurde, deutete zunächst nichts darauf hin, dass dieser Wechsel die Politik der Nationalbank verändern könnte. Politiker von links bis rechts begrüssten die Wahl. Einzig dem SP-Ökonomen Rudolf Strahm schwante Böses. Er bezeichnete Jordan als «Inflationsparanoiker». In geldpolitischen Fragen «kann man ihm nicht über den Weg trauen», sagte Strahm damals. Jordan sei ein Monetarist, und Monetaristen hätten «krankhafte Angst vor Inflation und ignorieren die Probleme der Realwirtschaft». Hinter vorgehaltener Hand äusserten auch andere Linke Vorbehalte gegenüber Jordan, sogar im Bundesrat: Wie die «Schweiz am Sonntag» 2012 schrieb, war SP-Bundesrat Alain Berset wenig begeistert von Jordan.

Jordan hatte keine andere Wahl, als die Mindestkurs-Politik weiterzuführen, die unter Hildebrand am 6. September 2011 eingeführt und allseits begrüsst worden war. Doch Jordan wehrte sich gegen Forderungen, den Mindestkurs auf 1.30 oder gar 1.40 heraufzusetzen. In einer kleinen Runde sagte er einmal, er sei froh über die Kritik von «Schweiz am Sonntag»-Kolumnist Oswald Grübel am Euro-Mindestkurs, denn dank dieser Kritik seien jene Stimmen zunehmend verstummt, die eine höhere Untergrenze verlangten.

Im Gegensatz zur Fiskal- und Wirtschaftspolitik von Bundesrat und Parlament gibt es bei der Geldpolitik der Nationalbank keine institutionellen Korrektive. Es sind drei Männer, die abschliessend entscheiden, und sonst niemand. Wie die drei Direktoriumsmitglieder und insbesondere der Präsident ticken und was für ein Weltbild sie haben, prägt deren Politik. Jean-Pierre Roth (2001 bis 2009), sah die Schweiz langfristig in der Euro-Zone, heute engagiert er sich europapolitisch: Er unterzeichnete den Pro-Europa-Appell als Reaktion auf die Masseneinwanderungsinitiative.

Philipp Hildebrand (2010 bis Anfang 2012) liebte die internationale Bühne, er war vernetzt und befreundet mit Spitzenvertretern anderer Notenbanken. Man sagte ihm nach, er träume davon, dereinst EZB-Chef zu werden. Heute ist er für den weltgrössten Vermögensverwalter BlackRock in London tätig.

Thomas Jordan ist gewissermassen der Anti-Hildebrand: Ein fleissiger Schaffer im Hintergrund, der jeden Tag den Wecker auf 5.30 Uhr stellt und dann als Erstes die Devisenkurse studiert. Den grossen Auftritt sucht er nicht, und während Hildebrand vor der Einführung des Mindestkurses Bundesräte und wichtige Persönlichkeiten vorinformierte, entschied Jordan zusammen mit den beiden anderen Direktoren im stillen Kämmerlein die Aufhebung und überraschte am Donnerstag um 10.30 Uhr die ganze Welt.

Eine «graue Maus» sei Jordan, sagt Christoph Blocher, der Gegenspieler von Hildebrand bei dessen Dollar-Affäre. Er meint dies als Kompliment: «Alle guten Notenbanker sind graue Mäuse.» Einer, der Jordan kennt, sagt, mit ihm als SNB-Präsident wäre 2011 die Euro-Untergrenze kaum eingeführt worden – zu stark ausgeprägt seien bei Jordan das Unabhängigkeitsdenken und das Misstrauen gegenüber der «Fehlkonstruktion» Euro.

Anders war das bei Hildebrand. Die Einführung des Mindestkurses war seine Wette darauf, dass sich der Euro, den er für eine grossartige Sache hält, wieder stabilisieren würde.

Spätestens diese Woche wurde klar: Hildebrand hat die Wette verloren. Der St. Galler Bankier Konrad Hummler, früher Bankrat der Nationalbank, sagt: «Philipp Hildebrand kam im September 2011 zur Einschätzung, dass sich der Euroraum innerhalb von zwei bis drei Jahren erholen würde. Doch dieses Bild von Europa erwies sich als zu positiv. Was wir diese Woche gesehen haben, war die Korrektur der damaligen Einschätzung.» Laut Hummler stellte sich der Nationalbank nach den dramatischen Kursverlusten des Euro gegenüber dem Dollar die Frage: «Wollen wir mit der Welt gehen – oder nur mit Europa?» Die Nationalbank habe die richtige Entscheidung getroffen, denn sich auf Gedeih und Verderb der Euro-Zone auszuliefern, deren Mitgliedsländer bis jetzt die dringend nötigen Strukturreformen verpasst hätten, wäre langfristig gefährlich gewesen.

Ähnlich beurteilt es Christoph Blocher. Jordan, der in Harvard (USA) seine Professur erlangt hat, habe auf «Weltoffenheit» gesetzt. «Das ist die Stärke der Schweiz: Wir orientieren uns nicht nur an Europa, sondern an der ganzen Welt.» Blocher unterstützt den Entscheid, den Euro-Mindestkurs aufzugeben, obwohl er 2011 dessen Einführung für richtig hielt: «Es war immer klar, dass er nicht ewig gelten kann.» Blocher hätte es jedoch vorgezogen, wenn die Untergrenze schon früher aufgegeben worden wäre, «etwa dann, als der Kurs auf 1.22 oder 1.23 Franken geklettert war». Das habe er Jordan damals auch mitgeteilt. Die Entspannung zeigte sich Ende 2012 und im ersten Halbjahr 2013, als der Kurs zwischenzeitlich gar auf über Fr. 1.25 stieg.

Nur wenige Politiker stellten sich diese Woche so klar hinter den Nationalbank-Entscheid wie Blocher. Vor allem von Mitte-Links, von Gewerkschaften, Exporteuren und Tourismusverbänden kam Kritik. Der «Blick» brachte gestern folgende Schlagzeile: «Thomas Jordan – Job-Killer der Nation.» Die Zeitung verglich ihn mit Markus Lusser, dem Nationalbank-Präsidenten von 1986 bis 1996, der mit seiner restriktiven Geldpolitik zum Feindbild der Linken wurde. Blocher lobt Lusser auch heute: «Er wurde völlig zu Unrecht verunglimpft, er legte die Basis für den späteren Aufschwung der Wirtschaft.»

Die Debatte der 90er-Jahre könnte sich wiederholen, sollte es nun zum Stellenabbau im grossen Stil kommen. Erste Äusserungen von SP-Politikern wie Cédric Wermuth und Susanne Leutenegger Oberholzer lassen das vermuten.

Erstaunlicherweise scheint die Franken-Freigabe aber bei der Bevölkerung gut anzukommen. Auf «20 Minuten Online» haben 48 000 User die Frage beantwortet: «Hat die Nationalbank richtig entschieden?» Satte 63 Prozent sagten Ja, nur 21 Prozent Nein, der Rest ist unentschlossen. Online-Umfragen des «Blicks» und der «Aargauer Zeitung» zeigten dasselbe Bild: klare Zustimmung zur Nationalbankpolitik. In Online-Kommentaren wird die Kursfreigabe zum Teil euphorisch gefeiert – sie scheint den europakritischen helvetischen Zeitgeist zu treffen.

Vielsagend ist auch, was sich am Donnerstagabend in Horgen ZH abspielte, wo Jordan, wenige Stunden nach der historischen Pressekonferenz an einem Wahlkampfanlass der lokalen SVP und FDP auftrat. Die Organisatoren hatten befürchtet, Jordan werde ausgepfiffen. Stattdessen wurde der scheu lächelnde Nationalbankchef mit tosendem Applaus empfangen.

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