Eine Redaktion haben sie nicht, die jungen Journalisten des Zürcher Lokalmediums «Tsüri.ch». Sie schreiben ihre Artikel mit Vorliebe im Szene-Café. Vor einem Jahr sind sie angetreten, um den von «Tages-Anzeiger» und «NZZ» dominerten lokalen Medienmarkt aufzumischen. Im Monat besuchen nun im Schnitt etwa 20 000 Leser das Portal. Seit dem Start griffen schon 100 000 Rechner aus der Stadt Zürich auf die Seite zu.

Hinter «Tsüri.ch» steckt eine Gruppe Journalisten um Simon Jacoby. Der ehemalige SP-Gemeinderat aus Adliswil hat bereits die Leserzeitung «Die Perspektive» gegründet. Diesen Monat kann er sich als Geschäftsführer und Inseratmakler von «Tsüri.ch» den ersten Lohn auszahlen. Wie viel, will er nicht verraten. Es reiche zum Überleben.

Das Konzept haben Jacoby und seine Mitstreiter ausgerechnet von der Website des «Tages-Anzeigers». Dort skizzierte Constantin Seibt im September 2013 eine Lokalzeitung, die nicht mehr nach Regionen und Themen geordnet ist, sondern nach Milieus und Szenen. Eine Lokalzeitung habe nur noch eine Chance, wenn sie aus den und für die verschiedenen Milieus Insidernews verbreite, ob aus der Banker- oder Anarchisten-Szene. «Tsüri.ch» hat Teile dieses Konzeptes umgesetzt. Die zwei Dutzend Journalisten berichten etwa über Demonstrationen der Linken, aus besetzten Häusern oder aus der Künstlerszene. Einblicke ins Banker-Milieu fehlten bisher. Die Autoren erzählen oft aus der Ich-Perspektive von Erlebnissen oder bewusst provozierten Experimenten. So liessen Journalisten ihre Drogen von der Stadt Zürich testen oder schauten sich im Porno-Kino um.

Das Kachel-Design der Website ist bescheiden. Das soll sich ändern. «Tsüri.ch» lässt sich zurzeit von der Kommunikationsagentur Feinheit eine neue Website bauen. Das Kleingeld dafür – mehrere zehntausend Franken – beantragen die Jungjournalisten bei der Basler Stiftung für Medienvielfalt, die sich aus den Kassen der Milliardärin Beatrice Oeri speist. Das Geld ist noch nicht gesprochen. Die Chancen stehen dem Vernehmen nach aber gut. Aus dem gleichen Topf kam die Starthilfe: Rund 6000 Franken bekam «Tsüri.ch» für die erste Webseite und die Smartphone-App.

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