Stimmlokale sind auch Treffpunkte im Quartier. Niemand weiss das besser als Heinrich Kubny (65). Er ist langjähriger Urnenchef in Höngg. «Viele Wähler kombinieren ihren sonntäglichen Kirchgang mit dem Abstimmen», sagt er zur «Schweiz am Sonntag». Sein Wahllokal befindet sich im katholischen Kirchgemeindehaus. Die Stadt schliesst im nächsten Jahr nun 27 von 42 Wahllokalen für immer.

Alte im Nachteil
Das passt vielen Wählern nicht. Gerade ältere Personen gehen gerne am Wahlsonntag zur Urne. Rolf Krebser von Pro Senectute Kanton Zürich bedauert den Entscheid der Stadtregierung, «Es ist schade, dass die Stimmlokale dem Rotstift zum Opfer fallen. Ein weiterer Begegnungsort fällt weg. Viele Senioren schätzen das Ritual und die Möglichkeit, im Abstimmungslokal Freunde oder Bekannte zu treffen», sagt Krebser. Immerhin sei die Ausübung des Stimmrechts dank der brieflichen Stimmabgabe weiterhin möglich.

Dem Abbau steht ein relativ bescheidener Sparbetrag gegenüber: rund 50 000 Franken lassen sich jährlich durch die Schliessung der 27 Stimmlokale einsparen, sagt Stadtschreiberin Claudia Cuche-Curti auf Anfrage. Es gehe auch nicht ums Sparen. Die Wahllokale seien schlicht zu wenig frequentiert worden.

Tatsächlich gehen laut einer Erhebung der Stadt in die meisten Lokale nur zwei Prozent der Stimmenden des entsprechenden Wahlkreises. In 25 Fällen seien das weniger als 150 Personen. Wenig trösten wird das die rund 80 Personen, die bisher Wahlsonntag für Wahlsonntag an der Urne standen, Stimmrechtsausweise kontrollierten oder den korrekten Einwurf der Stimmzettel überwachten. Ihnen entgeht nun ein schönes Sackgeld. Das Urnenpersonal erhält eine Pauschale von 80 Franken für die zwei Stunden Öffnungszeit plus Auf- und Abbau. Stimmlokalverantwortliche erhalten gar 120 Franken.

Wieder Stimmen zählen
Der finanzielle Verlust hält sich fürs Urnenpersonal in Grenzen. Schwerer wiegt das Symbolische. Manch ein Wahlbüromitglied erledigte die Aufgabe seit Jahren und nicht ohne Stolz. Dass die Reduktion schmerzlich ist, weiss auch Stadtschreiberin Cuche-Curti. Sie verspricht den Betroffenen immerhin einen Abschiedsapéro. Zudem werde niemand wegen der Reduktion aus dem Dienst entlassen. Manch ein Urnenkontrolleur muss nun halt einfach wieder Stimmen zählen. Der Höngger Urnenchef Kubny bleibt übrigens im Amt. Sein Wahllokal bleibt weiterhin offen. Obwohl auch die Kirchgänger immer weniger werden.

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