Pfarrer Ernst Sieber (89) erklärt die Geburt Christi, kritisiert die Kirche und macht einen revolutionären Vorschlag.
Geräuschlos gleitet er die Strasse hinunter ins Säuliamt. Wiesen und Tannen sind mit Raureif überzogen an diesem Wintertag vor Weihnachten. Pfarrer Ernst Sieber hat das Gasthaus Leuen in Uitikon ausgewählt als Treffpunkt für ein Gespräch. Schon auf dem Parkplatz grüsst der 89-Jährige die Menschen, wünscht frohe Weihnachten und setzt zu einer kritischen Kurzpredigt an: «Vergesst das Politische nicht an Weihnachten!» Im «Leuen» ist zur Mittagszeit nicht einmal mehr Siebers Stammecke frei. Also weiter ins Nachbardorf Sellenbüren ZH. Der Reporter mit dem Velo im Windschatten von Siebers neuem Gefährt, einem feuerroten Elektromobil dekoriert mit Sonnenblumen aus Plastik. Sieber war lange mit dem Auto unterwegs. «60 000 Kilometer im Jahr nur für die Seelsorge», sagt er und berichtet von Polizisten, die beim schweizweit bekannten Obdachlosenpfarrer ein Auge zudrückten, wenn seine Mission wieder einmal wichtiger war als die Strassenverkehrsordnung. Und von seinem Unfall 2012, als er mit seinem roten Renault-Combi auf der Strasse hinunter zum Triemli in einen Laternenpfosten krachte. Nun ist er gezwungen, einen Gang zurückzuschalten. «Mein Gefährt kommt nur noch auf 15 Stundenkilometer», witzelt Sieber.

Die Fahrer der entgegenkommenden Autos grüssen, wenn sie Sieber erkennen. Seine Erscheinung, der braune Hirtenhut, der weisse Schal und natürlich sein Bart sind längst zur Ikone geworden. 1991 wählte die Bevölkerung ihn auf der Liste der Evangelischen Volkspartei in den Nationalrat, wo er sich für die Gründung eines Obdachlosendorfes einsetzte. Der reformierte Pfarrer ist mit kaum jemandem per Sie. Er begegnet den Menschen auf Augenhöhe. So führten wir auch dieses Interview per Du.

Pfarrer Sieber, wenn du das Weltgeschehen beobachtest. Terror und Krieg. Wie denkst du darüber? Wo ist Gott in Syrien?
Ernst Sieber: Wenn du diese egozentrischen Lebenswege siehst, die überall eine wichtige Rolle spielen, dann müssen wir uns fragen: Warum lassen wir die Wunder der Schöpfung verrecken? Wir strafen uns selber. Da können wir nicht sagen, das ist der liebe Gott. Das sind wir selber. Gott gab uns eine Schöpfung, die ich als Bauernknecht erleben konnte. Was wir heute alles versauen, das können wir nicht dem Herrgott in die Schuhe schieben. Der Herrgott will uns nicht als Marionetten.

Was ist dein Rat für die Menschen an Weihnachten?
Zuerst einmal: Freut euch, mit Freunden, Kollegen, Eltern. Macht ein Fest! Und dann bereitet die Weihnachtsgeschichte vor. Lukas 2, dort steht es. Jeder ist gescheit genug, dort ein paar Hauptgedanken herauszunehmen. Und dann überlegt, wo könnte ein Mensch sein, der sich freut, wenn man ihm seine Reverenz erweist. Jemand, der nie erwarten würde, dass man an ihn denkt. Und dann würde ich in die Kirche gehen und wieder mal hören, was die verzapfen.

Auf dem Parkplatz hast du die heutige Art, Weihnachten zu feiern, kritisiert. Was meinst du genau?
Individuell nehmen wir alles entgegen von Gott. Er soll uns zum Beispiel im Tod beistehen. Was mir fehlt an Weihnachten, ist das Bewusstsein von Kirchen und Theologen, dass Weihnachten eine revolutionäre Angelegenheit ist. Es geht um Menschenrechte, Bürgerrechte und Freiheit. Weihnachten ist für mich nicht nur ein paar Tage Fest, sondern eine Veränderung, die das ganze Jahr durch laufen muss. Weihnachten ist die Menschwerdung Gottes: Gott wird Mitmensch. Man muss ja gar nicht die Bibel aufschlagen, um zu verstehen, dass wir uns um die Schwächsten kümmern müssen. In der Bundesverfassung steht in der Präambel: «Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.»

Die Kirchen sind leer, aber die Konsumtempel sind gut gefüllt. Gerade vor Weihnachten. Stört dich das?
Wenn es vom Herzen kommt, dann sind Geschenke in Ordnung. Aber wenn man schon berechnet, dass man dann im nächsten Jahr etwas zurückbekommt, dann ist das falsch. Besser, als einfach etwas zu schenken mit einem Silber- oder Goldbändeli, ist es, auf die Menschen zuzugehen. Zudem wüsste ich schon etwas anzufangen mit den leeren Kirchen. Was soll denn eine Kirche sein? Das griechische Verb «synerchestai» heisst zusammenkommen. Also ein Ort, wo man zusammenkommen kann. Die Kirchgemeinden sollen fusionieren. In den überzähligen Kirchen könnten die zusammenkommen, für die es sonst keinen Platz gibt. Es ist eine Schande, wenn wir Weihnachten feiern und nachher schlafen gehen, obwohl wir wissen, dass da draussen noch Menschen frieren.

Du sprichst von deinem alten Traum vom Bundesdörflein der Armen und Obdachlosen.
Ich sage eben nicht «Gloschare», Plattenschieber, Vaganten, Debile, Labile, Imbezile, Neurotiker und was alles auch immer. Das sind die nicht. Das sind zuerst einmal Mitmenschen. Wenn ich von den Armen rede, dann ist das nicht eine Klientel, die man verwaltet. Das sind Mitmenschen. Sie hocken auch jetzt im eigenen Scheissdreck, in der Kälte. Die Welt kann sich gratulieren, dass der Jesus in Hudeln gekleidet in einer Krippe gelegen hat und zu den Armen gehört hat. Und aufzeigt, dass Gott die Adressaten für seine Botschaft von seinem Gottesreich und für die Veränderung auf dieser Welt als Nächste anschaut.

Aber warum sind die Kirchen überhaupt leer?
Ich habe nie eine leere Kirche gehabt. Ich habe beim Vieh das Predigen gelernt. Als ich Knecht war, sagte der Bauer zu mir: Wenn du es fertig bringst, dass die Kühe am Abend alle in die gleiche Richtung schauen, bekommst du zwei Franken. Und ich habe gemerkt, wenn ich denen ein Gedicht aufsage, dann folgen die Kühe. Mann muss eben mal eine halbe Nacht ein Gedicht auswendig lernen oder einen Witz erzählen in der Kirche.

Du bist seit den 1960er-Jahren auf den Gassen von Zürich mit Obdachlosen unterwegs. Was hat sich verändert?
Heute gibt es mehr psychische Leiden. Früher hatten die Leute einfach Hunger, heute haben sie Depressionen. Es werden viel zu viele Psychopharmaka verschrieben. Man nennt Leute schizophren, die das gar nicht sind. Manche werden von den Medikamenten krank. Man sollte mehr auf Naturheilmittel setzen.

Wie meinst du das?
Ich kenne das von mir. Statt dass ich endlos Herzmittel fresse, gehe ich jeden Tag eine Stunde spazieren. Oft habe ich Kopfweh, aber das legt sich draussen.

Wer kommt zu Dir in den Pfuusbus. Hattest du auch schon Banker?
Ja, wir haben Aspiranten aus allen Berufen. Es gibt viele, die einfach nicht mehr mithalten können und dann bei einem Berufswechsel den Tritt verliehen. Bei vielen Konzernen heisst es: statt «der Mensch im Mittelpunkt», «der Mensch als Mittel. Punkt.»

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