Die Wunden sind noch nicht verheilt. Zwei Opfer von Manuel O. (24†) liegen weiterhin im Spital, weil sie am 19. Dezember in der Moschee an der Eisgasse in Zürich von Schüssen getroffen wurden. Opfer der Attacke wurde auch der Imam. Er erholt sich zurzeit in einer Rehaklinik von seinen Verletzungen. Dies sagt Mustafa Bashir Gobdon, Leiter des somalischen Kulturvereins in Zürich, auf Anfrage. Die Verunsicherung ist gross in der somalischen Gemeinschaft, welche an der Eisgasse betet. Noch immer ist unklar, warum Manuel O., ein Schweizer mit ghanaischen Wurzeln, die unscheinbare Moschee in einer Seitengasse nahe des Zürcher Hauptbahnhofs aufsuchte und um sich schoss. Selber kann er keine Antworten mehr geben. Er richtete die Waffe später gegen sich selbst. Die Polizei fand seine Leiche kurze Zeit nach dem Vorfall am Ufer der Sihl.

«Warum gibt es Bilder vom Attentäter von Berlin, nicht aber vom Täter in Zürich?», fragt sich Gobdon. «Wir wissen nicht, was passiert ist. Das führt zu grosser Verunsicherung.» Unmittelbar nach der Tat verstärkte die Polizei ihre Präsenz vor Moscheen. Mittlerweile herrscht wieder Normalbetrieb. Laut Sprecher Marco Cortesi geht die Stadtpolizei von einem Einzelfall aus. Zu Einsatztaktiken schweigt die Polizei. Einen speziellen Schutz für Moscheen scheint sie aber nicht aufzuziehen.

Die Angst der Muslime ist auch bei der Stadtpolizei spürbar. Beim Projekt «Brückenbauer», das den Kontakt zu Menschen und Institutionen aus anderen Kulturen und Religionen sucht, häuften sich nach dem Vorfall die Anfragen. Auch die Somalier von der Eisgasse haben einen Termin beim «Brückenbauer». Sie erhoffen sich neue Erkenntnisse und Tipps, wie sie ihre Moschee schützen können. Mittlerweile hat sie wieder geöffnet – ohne zusätzliche Sicherheitsmassnahmen.

Wolff besuchte Moschee
Unmittelbar nach den Schüssen an der Eisgasse fühlten sich die Muslime von Behörden und Medien im Stich gelassen. In Radio, Fernsehen und Zeitungen dominierte die Amokfahrt des islamistischen Lastwagenfahrers von Berlin. Stadtpräsidentin Corine Mauch kondolierte auf Facebook den Berlinern, erwähnte aber die Verletzten von der Eisgasse nicht. Die Schweizer Ausgabe der «Zeit» hob darob den Mahnfinger: «Was gehen uns die Schüsse auf die anderen an?», titelte sie und kritisierte die Stadtregierung. Allerdings erhielt die Moschee auch Unterstützung. Gemäss Recherchen besuchte Sicherheitsvorsteher Richard Wolff am Heiligabend eine Moschee an der Rötelstrasse. Ein Sprecher des Sicherheitsdepartements bestätigt den Besuch auf Anfrage: «Stadtrat Richard Wolff war es ein Anliegen, der somalischen Gemeinde sein Mitgefühl auszudrücken und dieser zu versichern, dass die Stadtpolizei ein besonderes Augenmerk auf ihre Sicherheit richten wird.» Solidaritätsbekundungen erhielt die Gemeinde der somalischen Muslime auch aus der reformierten Kirche. Stadtpräsidentin Mauch wandte sich zudem doch noch mit einem Brief an sie. «Jetzt spüren wir die Unterstützung», sagt Mahmoud El Guindi. Der Präsident des Dachverbands der Zürcher Muslime (Vioz) sagt, es sei schwierig, die rund vierzig muslimischen Gebetsräume in Zürich zu schützen. Er bringt darum eine alte Idee ins Spiel. «Es bräuchte eine zentrale Moschee für alle Muslime in Zürich. Die könnte man dann auch besser schützen», sagt er und fügt gleich an: «Leider können wir diesen Traum im aktuellen politischen Klima nicht verwirklichen.» Seit der Annahme einer Volksinitiative im Jahr 2009 ist der Bau von Minaretten verboten.

Szenenwechsel: Die Tür der Mahmud-Moschee beim Zürcher Balgrist ist verschlossen. Eine kleine Kamera beobachtet den Besucher. Dann surrt der Einlasser. Auch im ältesten Gebetshaus der Muslime in der Schweiz ist man vorsichtiger geworden. Die Schüsse an der Eisgasse hallen auch hier nach. Das Telefon von Imam Abdul Basit Tariq klingelte am Tag der Attacke pausenlos. Die Mahmud-Moschee ist bekannt. Als internationale Medien über den Vorfall berichteten, sorgten sich Muslime weltweit um ihre Glaubensbrüder. Imam Tariq konnte die Anrufer aus Italien, Kanada oder Pakistan fürs Erste beruhigen. Es war nicht seine Moschee, die betroffen war.

Verschlossene Tür
Die Überwachungskameras sind seit zwei Jahren installiert. Die Tür zur Moschee war allerdings vor drei Monaten noch offen, wie es sich für ein Gotteshaus eigentlich gehört. Während des Freitagsgebets hat ein junger Mann nun zudem ein Auge darauf, wer zum Beten kommt. «Dieses Amt gab es schon früher, doch seit einigen Monaten messen wir ihm mehr Bedeutung bei», sagt Tariq. Er sorgt sich um die Mitglieder seiner Gemeinde. Nicht nur Verwirrte oder Islamhasser sieht er als potenzielle Gefahr, sondern auch radikale Muslime. Die Mitglieder seiner Gemeinde, welche zur Ahmadiyya-Bewegung gehört, gelten bei Islamisten als Ungläubige. Tariq nimmt den Vorfall gelassen, will im Februar aber mit der Moschee-Gemeinde weitere Sicherheitsmassnahmen diskutieren. «Ich bete für alle Kirchen, Synagogen und Moscheen», sagt er.

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