Das Ziel ist ambitioniert. Bis 2025 sollen sich die Velofrequenzen in der Stadt Zürich gegenüber 2015 verdoppeln. Das versprach der Stadtrat mit seinem Gegenvorschlag zur «Veloinitiative», welchen die Zürcher vor eineinhalb Jahren annahmen. 120 Millionen Franken stehen zur Verfügung.

Doch der Velo-Boom bleibt aus. Während die Velofrequenzen zwischen 2012 und 2015 jedes Jahr stark wuchsen, resultierte letztes Jahr zum ersten Mal ein kleines Minus von etwas mehr als einem Prozent. Das zeigt eine Auswertung der Daten von zehn Zählstellen des Tiefbauamts während der Monate April bis September. Weil die Einwohnerzahl der Stadt im gleichen Zeitraum um knapp 1,3 Prozent stieg, nahm der Anteil des Veloverkehrs an allen zurückgelegten Wegen noch deutlicher ab. Das Tiefbauamt bestätigt die Analyse. Der Rückgang sei aber allein durch das Wetter beeinflusst, sagt Sprecher Stefan Hackh. Letztes Jahr habe es deutlich mehr Tage mit schlechter Witterung gegeben. Wenn man diesen Effekt herausrechne, hätten die Frequenzen zugenommen.

«Strategie kaum umgesetzt»
Es sei plausibel, dass der Rückgang im 2016 mehrheitlich dem Wetter geschuldet sei, sagt Res Marti, Präsident von Pro Velo Kanton Zürich. Die Lage für Velofahrer sei in Zürich ja nicht schlechter geworden – aber eben auch nicht besser. «Die Situation für Velofahrer ist in Zürich nicht gut», sagt er. Die Stadt sei zwar nicht untätig. Es gebe etwa Versuche mit Velostrassen oder einer besseren farblichen Gestaltung der Velo-Spuren. Zu einem grossen Teil seien das aber «Pflästerli», um Dinge zu reparieren, die vorher schiefgelaufen sind. Die Planung der Veloinfrastruktur bei der Sanierung von Strassenabschnitten oder Knoten funktioniere hingegen sehr oft nicht. In der Umsetzung von durchgehenden Velorouten sei die Stadt überhaupt nicht konsequent, obwohl das Stimmvolk diese mehrfach gewünscht habe. Ein systematisches Velonetz werde nicht aufgebaut. «Der Masterplan Velo wird an vielen Stellen einfach nicht umgesetzt, sogar wenn eine Strassensanierung ansteht und wenn Pro Velo eine Einwendung macht», sagt Marti. «Die Strategie wäre gut, nur umgesetzt wird sie leider schlecht bis kaum.»

Den Grund dafür verortet Matthias Probst, Gemeinderat der Grünen, bei der politischen Führung. Seit FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger das Tiefbauamt leite, herrsche Stillstand. «Es geschieht mehr oder weniger gar nichts mehr zugunsten des Veloverkehrs», sagt Probst. Hie und da komme es zu Notlösungen, widerwillig werde das Nötigste gemacht. Nach wie vor gebe es keine Veloabstellplätze für Schüler, und diese dürften nicht mit dem Velo zur Schule fahren, obwohl ein Verbot nicht erlaubt sei. «Es wächst eine ganze Generation Stadtkinder ohne Veloerfahrung heran», sagt Probst. «Wir bewegen uns zurzeit rückwärts mit der Veloförderung.» So sei die erste velorelevante Handlung Leuteneggers gewesen, dass er die Normen für Velowege ohne triftigen Grund so verkleinert habe, dass die neuen Streifen unnütz geworden seien. Seit Neustem würden zudem Strassenquerungen mit zwei Inseln nicht mehr durchgehend grün geschalten. «Wie sollen Familien mit Kindern da durchfahren?», fragt Probst. Das mache die Bevölkerung sauer. «So kann das definitiv nicht weitergehen.»

Das Tiefbauamt geht hingegen davon aus, dass der Veloverkehr in Zukunft zunehmen wird. Einerseits wachse die Bevölkerung der Stadt weiter, sagt Sprecher Stefan Hackh. Andererseits investiere die Stadt viel in den Ausbau des Velonetzes, etwa in der Binzmühle- und der Albisriederstrasse. In diesem Herbst gehe zudem die Velostation Europaplatz beim Hauptbahnhof mit über 1 600 Abstellplätzen in Betrieb – und auch am Bahnhof Stadelhofen entstünden neue Plätze. Das Wetter werde aber immer eine entscheidende Rolle spielen.

Und gegen einen weiteren Trend kann auch die Politik nichts ausrichten. Zwischen 1994 und 2010 halbierte sich der Anteil der unter 18-jährigen Velofahrer. Sie bevorzugen den öffentlichen Verkehr – denn der ist sozialer, und in Bussen und Trams kann das Smartphone genutzt werden.

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