Mit Freude erfüllen Heidi Weber (89) Vernissagen im bunten, vom Stararchitekten entworfenen Haus an der Blatterwiese am Zürichsee normalerweise. Viele davon hat sie erlebt, seit das Corbusier-Haus am 17. Juli 1967 eröffnet worden war.

Am kommenden Mittwoch ist alles anders. Heidi Weber, die ehemalige Vertraute Le Corbusiers, ist wütend. Nicht wegen der neuen Ausstellung. Heidi Weber schätzt die Fotografien René Burris, die ab Mittwoch gezeigt werden – auch weil der Starfotograf sie selber zusammen mit Corbusier verewigt hat.

Heidi Weber empört sich über Corine Mauch und Peter Haerle. Die Stadtpräsidentin und der Direktor der Dienstabteilung Kultur hätten es nicht für nötig gehalten, «die respektvolle Namensbezeichnung von ‹Heidi Weber Haus von Le Corbusier› beizubehalten. Und dies obwohl das Gebäude seit über 50 Jahren offiziell so heisst», lässt Heidi Weber über ihren Sohn Bernard der «Schweiz am Sonntag» ausrichten. Tatsächlich ist der Name Weber aus der Bezeichnung des Museums verschwunden. Der Kunstraum heisst nun «Pavillon Le Corbusier».

Um Heidi Webers Kränkung zu verstehen, muss man wissen, wie sie mit dem Corbusier-Haus verbunden ist. Weber arbeitete in den 1960er-Jahren eng mit dem Künstler-Architekten zusammen, liess etwa dessen Möbel produzieren. Darunter die Kultsessel, für die Le Corbusier einem breiten Publikum bekannt ist. Weber hatte den Bau des Hauses am Zürichsee angeregt, und es wurde nach Le Corbusiers Tod 1965 unter ihrer Leitung fertiggestellt. «Meine Mutter leistete harte Überzeugungsarbeit, um Le Corbusier überhaupt nach Zürich zu holen. Sie war alleinerziehend und praktisch mittellos und hat den Unterhalt des Hauses 50 Jahre lang selbst erwirtschaftet. Dass ihr Name jetzt getilgt wurde, ist respektlos», sagt Sohn Bernard.

Heidi Weber räumte Museum
Die Stadt hatte ihr 1964 den öffentlichen Grund für 50 Jahre zur Verfügung gestellt. 2014 lief die Frist aus, das Baurecht fiel zurück an die Stadt, und Weber war gezwungen, ihr Lebenswerk für den Preis von einer Million Franken an die Stadt zu verkaufen. Für Heidi Weber ein viel zu tiefer Preis. Sohn Bernard rechnet vor, dass sich nur schon die Baukosten inflationsbereinigt auf 18 Millionen Franken beliefen. Der geschätzte Kunstwert des Hauses liege gar zwischen 45 und 70 Millionen Franken. Der Heimfall des Hauses an die Stadt liess den latenten Konflikt zwischen Heidi Weber und der Stadt wieder aufleben, der zwischenzeitlich gelöst schien. Es geht seither nicht nur um den Namen und den aus Sicht Webers viel zu tiefen Verkaufspreis. Es geht auch um die Inneneinrichtung des Le-Corbusier-Museums. Mitte Mai liess Heidi Weber das Haus räumen, zügelte die Bilder ab, Skizzen, Skulpturen, Wandteppich, Möbel, Originalmodelle des Gebäudes und ein Archiv mit Briefen und Aufzeichnungen. «Eine letzte Offerte und ein letztes Entgegenkommen von Heidi Weber mit einer Dauerleihgabe an die Stadt Zürich, um das Gesamtkunstwerk Le Corbusiers zu erhalten, wurden freundlich abgelehnt. Daher sah sie sich gezwungen, sämtliche geliehenen Gegenstände aus dem Haus entfernen zu lassen», erklärt Sohn Bernard.

Das Präsidialdepartement der Stadt Zürich bestätigt die Räumung auf Anfrage. Sich zu einigen, sei an Heidi Webers Preisvorstellungen gescheitert. Für eine Verlängerung der Leihgaben habe sie jährlich fast 200 000 Franken für Mobiliar und Bilder verlangt. «Darauf konnte die Stadt nicht eingehen», sagt Nat Bächtold, Sprecher des Präsidialdepartements. «Es geht hier letztlich um Steuergelder.» Ein Kaufangebot wiederum habe Weber abgelehnt. Auch in Sachen Namensgebung sieht das Departement Mauch die Schuld bei Weber. Die Stadt habe das Museum «Centre Le Corbusier / Museum Heidi Weber» taufen wollen. Weber habe diesen Namen verboten. Die Positionen könnten weiter nicht auseinanderliegen, in einer Frage jedoch herrscht Einigkeit. Sowohl Heidi Weber als auch die Stadt wollen das Corbusier-Haus als Gesamtkunstwerk erhalten, Architektur, Möbel und Kunst als Ganzes präsentieren. Die Webers prangern an, dass dies nach der Räumung nicht mehr gegeben sei.

Doch die Stadt hat für Ersatz gesorgt. «Der Pavillon konnte wieder gut und ähnlich wertig bestückt werden», sagt Sprecher Bächtold. Kosten: einmalig 30 000 Franken. Unwahrscheinlich ist, dass die extern beschafften Exponate Heidi Weber versöhnlich stimmen. Sie fühlt sich von der Stadt hintergangen und erhebt schwere Vorwürfe gegen Stadtpräsidentin Mauch. Sie habe ihr versprochen, eine öffentlich-rechtliche Stiftung zu gründen, die das Corbusier-Haus führen soll. Nun untersteht das Museum aber der Kultur-Abteilung der Stadt, die verweist auf Gesetzesänderungen, nach denen die Gründung einer solchen Stiftung nicht mehr zweckmässig sei.

Corbusier-Haus in Schanghai?
Stadtpräsidentin Mauch, der auch die Kulturabteilung untersteht, bemüht sich, die Wogen zu glätten. «Ich habe sehr grosse Anstrengungen unternommen, um mit Frau Weber zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen. Daran liegt mir und der Stadt Zürich weiterhin viel», sagt Mauch auf Anfrage. «Wir wollen den Pavillon im Sinne von Frau Weber weiterführen.» Beim Empfang werde neu eine Plakette auf ihre Verdienste hinweisen und den Dank der Stadt festhalten. Heidi Weber indes verhandelt mit den Städten Schanghai und Santiago de Chile über die Eröffnung eines Corbusier-Hauses in Übersee. «Auf diese Weise tragen wir die Werke Corbusiers in die Welt hinaus. Das ist ein kleiner Trost für meine Mutter», sagt Sohn Bernard.

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