Heute stimmen die Stadtzürcher über Objektkredite im Umfang von über 115 Millionen ab. Dazu kommt ein Darlehen von 120 Millionen Franken. Gut möglich, dass die Stimmbevölkerung heute all die Millionen bewilligt. Herr und Frau Zürcher sind grosszügig. Ob Schulhausanlage oder Autobahndach, Objektkredite für Infrastruktur werden meist emotionslos bewilligt. Nicht einmal gegen das Eishockeystadion, ein Projekt von SVP-nahen ZSClern, das die Stadt einen jährlichen Betriebszuschuss von bis zu 2 Millionen kostet, wird im rot-grünen Zürich opponiert.

Nur ein Thema wurde an der Limmat ernsthaft diskutiert. Die «Änderung der Vorschriften über die Parkierungs- und Parkuhrkontrollgebühren». Folgt die Stimmbevölkerung heute der Empfehlung des Stadtrates, kostet eine Stunde Parkieren in der Innenstadt und im Zentrum von Oerlikon künftig einen Franken statt 50 Rappen. Zudem wird die Zeit des Gratisparkierens am Samstag verkürzt.

Gegen dieses Vorhaben laufen eine ganze Reihe Verbände sowie SVP und FDP Sturm. «Nein zur Parkgebühren-Abzocke» haben sie sich auf die Fahne geschrieben. Mit Vokabular, das sonst nur in grundsätzlichen Kapitalismusdebatten Anwendung findet, streitet Zürich über Parkplätze.

Die Debatte über Parkgebühren ist nur ein Gefecht im Glaubenskrieg um das Auto. Ausgefochten wird er mitunter auf der Strasse. Manchmal in kleinen Sticheleien zwischen Velo- und Autofahrern beim Warten vor der Ampel. Manchmal an offiziellen Demonstrationen. So etwa diesen Donnerstag. Hunderte Velos fuhren vom Bürkliplatz durch die Stadt. Aus mitgerollten Boxen klangen Samba-Rhythmen, und auf einem grünen Transparent stand die Forderung «Mir wänd Veloroute». Zudem brauche es mehr Parkplätze – freilich für Velos. Autofahrer, die warten mussten, bis die Velo-Demo vorbeigefahren war, verdrehten die Augen.

Zwei Stadträte ohne Fahrausweis
Andere schalten Inserate. In Quartierzeitungen prangert ein «Komitee Moskito» einen «amtlich bewilligten Rechtsfreien Raum» an. Weil der «rotgrüne Stadtrat Velofahrer zu seinem Wahlvolk» zähle, schaue er zu, wie nachts ohne Licht gefahren, Rechtsvortritte verweigert, Fussgänger vom Trottoir gedrängt oder Rotlichter ignoriert würden. Verkehrspolitik wird zur Verschwörungstheorie.

Wie steht es wirklich um das Verhältnis der Stadträte zum Auto? Die «Schweiz am Sonntag» befragte die Mitglieder der Zürcher Regierung nach ihrer Mobilität. Das Resultat dürfte Autofans schockieren. Keiner der Stadträte kommt mit dem Auto zur Arbeit. In der Stadt sind sie mit Velo, E-Bike oder Roller schneller. Zwei von neun Exekutivmitgliedern könnten nicht einmal zur Arbeit fahren, wenn sie wollten. Raphael Golta (SP), Vorsteher des Sozialdepartements, und André Odermatt (SP), Vorsteher des Hochbaudepartements, haben keinen Fahrausweis. Golta kommt zu Fuss oder mit dem Tram zur Arbeit, Odermatt nimmt das Velo. Golta kennt den Stadtverkehr aber vom Beifahrersitz aus. «Ab und zu leiht meine Frau das Auto ihrer Eltern aus», schrieb er auf Anfrage. «Es ist ein Kombi.»

Nur vier von neun Stadträten besitzen ein Auto. Polizeivorsteher Richard Wolff (AL) hat von seiner Mutter das Kultauto Peugeot 106 geerbt. Baujahr 1998. Zur Arbeit fährt er aber «fast immer mit dem Velo». Weniger hip als der französische Kleinwagen des AL-Stadtrates ist der Wagen von Stadtrat Andres Türler (FDP), dafür robust. Er fährt einen Geländewagen der rumänischen Firma Dacia, Modell Duster, Baujahr 2013. Der Verantwortliche für die VBZ steigt auf seinem Arbeitsweg nur bei schlechtem Wetter auf Tram oder Bus um. Wenn immer möglich kommt er mit dem Roller oder zu Fuss. Regen und Schnee, die gegen das Helmvisier peitschen, machen Filippo Leutenegger (FDP) hingegen nichts aus. Bei trockenem Wetter nimmt der Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements das Velo, bei Nässe oder Schneefall steigt er um auf seine orange Vespa. Ist Leutenegger mit dem Nachwuchs unterwegs, nutzt er manchmal einen Toyota, ein Familienmodell Baujahr 2002. Auch die Laubers haben ein Familienauto. Stadtrat Gerold Lauber (CVP) will nicht verraten, welches Modell. Nur so viel: Es ist eine Occasion. Bei der Arbeit fährt der Vorsteher des Schul- und Sportdepartements mit dem Roller vor.

Der stolze Mobility-Pionier
Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) sitzt ab und zu hinter dem Steuer eines der Autos von Mobility. Die Auto-Genossenschaft ist im gesamten Stadtrat beliebt. Nach ihrem Auto befragt, antwortete Velofahrerin Claudia Nielsen (SP): «Marke, Modell und Jahrgang sind variabel. Die Farbe ist immer rot.»

Daniel Leupi (Grüne) ist gar stolz darauf, zu den ersten 1200 Mobility-Mitgliedern zu zählen. Auch wenn er mit dem Velo zur Arbeit fährt. Die Autobesitzer Türler und Leutenegger nutzen den Dienst als Ergänzung zum öffentlichen Verkehr. Zumindest der Stadtrat setzt in der Glaubensfrage Auto auf Kombination statt Konfrontation.

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