«Der Stadtrat wird beauftragt, eine Liegenschaft für ein städtisches Bordell zur Verfügung zu stellen.» So lautet eine Motion, die SP-Gemeinderätin Christine Seidler diese Woche einreichte. «Die überwiegende Mehrheit der Sexarbeiterinnen arbeitet freiwillig und selbstbestimmt, dies ist wichtig, wird jedoch mit den jetzt geltenden Reglementierungen immer mehr verhindert», sagt Seidler gegenüber der «Schweiz am Sonntag». So entstehe die Gefahr, dass Sexarbeiterinnen aus den Quartieren verdrängt würden und sich in Abhängigkeit von Zuhältern begeben müssten. Ein städtisches Bordell würde die Arbeitsbedingungen von Prostituierten substanziell verbessern.

Tatsächlich kommen selbstständige Sexarbeiterinnen in der Stadt Zürich unter Druck. Seit Einführung der Prostitutionsgewerbeverordnung vor drei Jahren werden auch kleine Salons in Wohnquartieren strenger kontrolliert.

Wo früher weggeschaut wurde, pocht die Stadt nun auf Einhaltung der Bauzonenverordnung. Sie verbannt das Sexgewerbe aus Zonen, in denen der Wohnanteil über 50 Prozent liegt. Zurzeit wird die Bauzonenordnung revidiert. Linke und Alternative pochen auf eine Aufhebung der Regelung, die das Sexgewerbe gegenüber anderen Gewerblern diskriminiere.

Der Vorschlag eines Staatsbordells sorgt auf bürgerlicher Seite für rote Köpfe. «Es kann nicht Aufgabe der Stadt sein, mit Steuergeldern ein Puff zu betreiben», sagt SVP-Fraktionschef Martin Götzl. Die Stadt brauche die Liegenschaften für andere Zwecke. Er betont, dass seine Fraktion aber noch nicht über die Motion diskutiert habe.

Innerhalb der SP-Fraktion war gemäss Seidler die Frage umstritten, ob man gegen Prostitution und gleichzeitig für ein städtisches Bordell sein könne. Für sie ist klar: «Ich bin gegen Prostitution, aber diese ist eine zu akzeptierende Realität. Es gilt, für Sexarbeiterinnen bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen.» Auch das Argument, die Stadt würde so zum Zuhälter, lässt sie nicht gelten. «Die Stadt macht sich mit der Methadonabgabe auch nicht zum Dealer.»

Seidler schwebt ein Bordell vor, das «von den Sexarbeiterinnen selbstverwaltet und im Kollektiv geführt wird». Sie betont, das Projekt sei realistisch. Bevor sie den Vorstoss einreichte, habe sie mit dem Stadtrat Kontakt aufgenommen. Dieser habe ihr signalisiert, dass die Stadt entsprechende Möglichkeiten habe. Findet die Motion im Gemeinderat eine Mehrheit, hat der Stadtrat zwei Jahre Zeit, einen Vorschlag für die Umsetzung zu formulieren.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper