«Erlaubt ist, was nicht stört»: Mit diesem Spruch warb die Stadt Zürich in der Vergangenheit für gegenseitige Rücksichtnahme im öffentlichen Raum. Regeln gibt es auch für künstlerische Darbietungen. Strassenmusik ist in der Stadt Zürich ausschliesslich in den dafür bezeichneten Gebieten rund ums Seebecken erlaubt, wobei die Nachtruhe eingehalten werden muss. Verboten sind Verstärker und Bühnenaufbauten. Ausserdem müssen Musiker und andere Künstler den Standort alle 20 Minuten wechseln und dürfen nur passiv Geld sammeln, etwa einen Hut oder Instrumentenkoffer aufstellen.

Doch nicht alle, die sich mit Gitarre und Gesang eine kleine Spende von den Passanten erhoffen, halten sich an die Regeln. «In den letzten Jahren haben die Verzeigungen von Strassenmusikanten generell zugenommen», sagt Marion Engeler, Sprecherin der Stadtpolizei Zürich. 2013 und 2014 seien es noch zwischen 15 und 20 Verzeigungen gewesen, im letzten Jahr bereits 30. Engeler geht davon aus, dass dieser Wert im laufenden Jahr noch einmal überschritten wird. Die Verzeigungen erfolgten häufig, weil Musikanten ausserhalb der erlaubten Zonen ums Seebecken auftreten. Fehlbare Strassenmusikanten treffe man etwa im Niederdorf, an der Bahnhofstrasse sowie in Parkanlagen, an Plätzen und Bahnhöfen an. Hielten sich Strassenmusiker nicht im erlaubten Bereich um das Seebecken herum auf, werden sie wegen Benützen des öffentlichen Grundes ohne Bewilligung verzeigt, allenfalls auch wegen Bettelns. Ihre Erklärung für den Anstieg: «Passanten und Ladenbesitzer melden sich häufiger, wenn sie sich von Strassenmusikanten gestört fühlen.»

«Wir sind keine Kriminellen»
«Ich glaube nicht an diese Begründung», sagt ein Mitglied der Formation Soulmaniacs. Die Gruppe von rund 15 professionellen Musikern musiziert seit Jahren in unterschiedlichen Zusammensetzungen in Zürich auf der Strasse. «Im Sommer 2015 hat eindeutig eine Praxisänderung stattgefunden.» Bis vor zwei Jahren habe sich die Polizei noch kulant gezeigt und es auch mal bei einer mündlichen Verwarnung belassen. «Da hiess es noch: Spielt noch zwei Songs und geht dann an einen anderen Ort.» Wenn gebüsst wurde, sei bloss ein einziges Bandmitglied betroffen gewesen – nicht die ganze Band wie heute. Pro Sommer habe es vielleicht zwei- oder dreimal Bussen gegeben. Von der einstigen Kulanz sei heute nichts mehr zu spüren.

Der Musiker, der anonym bleiben will, gesteht zwar ein, dass die Soulmaniacs die Vorschriften nicht immer einhalten. Zum Teil spielt die Band ausserhalb der vorgesehenen Zonen oder benutzt kleine, batteriebetriebene Verstärker. Die seien aber nicht lauter als eine Trompete – dieses Instrument ist nicht verboten. Die Einnahmen aus der Strassenmusik seien für die Bandmitglieder eine wichtige Einnahmequelle: «Damit füllen wir unseren Kühlschrank.» Die Band liefere den Zuschauern eine qualitativ hochwertige Show. Für die in seinen Augen unverhältnismässig gewordene Praxis der Polizei hat er deshalb kein Verständnis: «Wir sind bloss Musiker und keine Kriminellen und wollen einfach nur normal behandelt werden.»

Im Sommer 2015 sei es auf dem Rosenhof im Niederdorf – ausserhalb der für Strassenmusik bezeichneten Zone – zu einem Grosseinsatz mit Kastenwagen gegen die Soulmaniacs gekommen: «Wir mussten uns gegen die Wand stellen wie Schwerverbrecher und die Polizei beschlagnahmte unsere gesamten Einnahmen aus dem Konzert.» Bis heute habe die Band nichts davon zurückerhalten. Weil sie nicht bereit ist, die «enormen» Bussen gegen mehrere Bandmitglieder zu bezahlen und den Tatbestand des Bettelns bestreitet, hat sich die Gruppe einen Anwalt genommen. Sie seien optimistisch, zumindest teilweise Recht und endlich die Einnahmen des Konzerts zu erhalten. Die neue Härte der Stadtpolizei mindere die Lust an Auftritten. «Wir haben Familienväter in der Band, da braucht es Mut, bei jedem Konzert eine unangenehme Begegnung mit der Polizei zu riskieren.»

Enttäuscht von stadträtlichen Fans
Auf dem Rosenhof im Niederdorf sei schon immer musiziert worden, sagt der Musiker. Die Band habe das Gespräch mit den Anwohnern und anderen Musikern gesucht und eine einvernehmliche Lösung gefunden. Auch die Barbetreiber rund um den Rosenhof schätzten die Auftritte der Band. An einem schönen Sommerabend ziehe man schnell einmal 250 Leute an: «So ein Gratiskonzert gehört doch einfach zu einer Stadt.» Die Band sehe das auch als Dienst an der Gesellschaft: «Es herrscht eine ganz andere Stimmung und Energie als an normalen Konzerten. Strassenmusik lebt von der Überraschung.»

Enttäuscht ist der Schweizer Musiker von den Behörden: «Obwohl uns auch schon mal amtierende Stadträte nach einem Auftritt gratuliert und versprochen haben, sich für die Anliegen der Strassenmusiker einzusetzen, ist das Vorgehen der Polizei so repressiv wie noch nie.» Marion Engeler von der Stadtpolizei widerspricht: «An der grundsätzlichen Praxis der Stadtpolizei Zürich hat sich nichts geändert.» Einzelne Einsätze kommentiert die Polizei nicht. Welche Massnahmen die Polizei bei fehlbaren Strassenmusikanten ergreift, unterscheide sich je nach Situation: «Erfolgt der Einsatz aufgrund einer Anzeige aus der Bevölkerung, wird konsequent eingeschritten.»

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