Der Sechseläutenplatz ist Zürichs ganzer Stolz. Auf ihm fühlt sich der Zürcher mondän. Lächelnd posieren die neun Stadträte auf der 17 Millionen Franken teuren Fläche aus Valser Quarzit für ihr Gruppenfoto. Seit der Eröffnung wird aber auch gestritten. Es geht um Hecken, welche die Sicht auf den See versperren, oder Seifenblasen, deren Produktion von der Polizei unterbunden wurde. Zusätzlich befeuert wird die Diskussion regelmässig von Anrainern. Der Intendant des Opernhauses beschwerte sich über Tierexkremente und Zirkuswagen, zwischen denen sich seine noblen Gäste ihren Weg an die Premiere bahnen mussten.

Journalisten einer regionalen Zeitung, deren Personal offenbar viel Zeit hat, das Geschehen auf dem Platz zu beobachten, fahren eine Kampagne für einen Platz frei von Events. Sie druckten Weissraum statt eines Bildes und verlangten «reine Leere». Gefordert wird dies auch vom Komitee «Freier Sechseläutenplatz», das eine Volksinitiative eingereicht hat. Sie will, dass der Platz an 300 Tagen der Bevölkerung zur freien Nutzung zur Verfügung steht. Das bedeutet: Nur noch 65 Tage für Sechseläuten, Circus Knie, Filmfestival oder Weihnachtsmarkt. Die Initianten wollen, dass die Bewohner der Stadt den Platz für nicht kommerzielle Aktivitäten nutzen können.

Fast jeden zweiten Tag Events
Wie das Polizeidepartement auf Anfrage offenlegt, wird der Platz dieses Jahr an 165 Tagen belegt sein. Damit wird die offizielle Limite von 185 Tagen zwar nicht überschritten, es sind aber ganze 100 Tage mehr, als die von den Initianten geforderte Obergrenze. Im Vorjahr waren es – auch wegen der Bellevue-Baustelle – noch 126 Tage. «Das ist viel zu viel. Jeder Event verhindert, dass die Menschen die Weite des Platzes geniessen können», sagt Samuel Hug vom Komitee «Freier Sechseläutenplatz». Eine Aussprache mit FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger konnte Hug nicht beschwichtigen. Leutenegger selbst ist optimistisch. «Wir werden eine ausgewogene Lösung finden.» Er gibt zu bedenken, dass der Platz nicht nur als Freifläche äusserst beliebt ist. «Die Zürcher lieben auch den Circus Knie oder das Züri-Fäscht. Das unterschätzen die Verfechter eines freien Sechseläutenplatzes.» Zurzeit arbeitet er an einem Gegenvorschlag. Voraussichtlich nächstes Jahr kommt er zur Abstimmung.

Ein erstes Opfer hat die Kampagne der Platzpuristen bereits gefordert. Anfang Jahr schrieben die Zeitungen über eine Vergrösserung des Züri-Fäschts. Das war geschickte PR-Arbeit. Tatsächlich ist das Fest nur von der Fläche her grösser. Zeitlich wurde es gekürzt. Denn die Chilbi-Bahnen dürfen nicht wie sonst nach dem Festwochenende zwei zusätzliche Wochen auf dem Sechseläuten-Platz sein. Ein entsprechendes Gesuch der Organisatoren wurde abgelehnt. Dadurch entgehen den Organisatoren 70 000 Franken Umsatz und den Stadtkindern jede Menge Spass. Einzelne Schausteller verzichten laut Geschäftsführer Roland Stahel gar auf das Fest. «Wir sind enttäuscht, dass die Verlängerung nicht kommt, akzeptieren aber den politischen Entscheid», so Stahel. Eine attraktive Chilbi sei sichergestellt. Hug vom Komitee für einen Freien Platz sagt: «Das Züri-Fäscht ist ein toller Event, aber ein Wochenende ist genug. Schliesslich gibt es genug andere Chilbis. Zum Beispiel das Knabenschiessen.»

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