Er ist der wohl einflussreichste Schweizer in der digitalen Welt: Urs Hölzle, aufgewachsen in Liestal, Absolvent der ETH, forscht und arbeitet seit 25 Jahren im Silicon Valley. Kurz nach der Gründung von Google, im Jahr 1999, stiess er als achter Mitarbeiter zum Start-up. Heute ist er nach den beiden Firmengründern Sergej Brin und Larry Page der dienstälteste Google-Mitarbeiter. Weil er das World Wide Web mitgeprägt hat, wurde ihm soeben der Ehrenpreis der «Best of Swiss Web»-Awards verliehen.

Wie Eric Schmidt, Chef der Google-Muttergesellschaft Alphabet, am WEF gegenüber der «Schweiz am Sonntag» sagte, war es Hölzle, der damals vorgeschlagen hatte, in Zürich einen Forschungsstandort zu eröffnen. Der 51-jährige Hölzle ist am Hauptsitz in Mountain View (Kalifornien) stationiert, besucht aber hin und wieder den Standort Zürich und pflegt auch Kontakte zur ETH. Still und heimlich ist der Standort Zürich weiter gewachsen: Bislang sprach Google von 1600 Angestellten, aktuell sind es bereits 1800. Und der Ausbau soll weitergehen.

Herr Hölzle, Sie sind seit den Anfängen der Firma dabei. Wann haben Sie erkannt, dass Google ein riesiges Potenzial hat und zur wertvollsten Firma der Welt wird?
Urs Hölzle: Die wertvollste Firma waren wir ja nur für ein paar Stunden (Anm. der Redaktion: Inzwischen ist wieder Apple knapp vorn). Der heutige Erfolg von Google war als solcher sicher nicht vorhersehbar. Da kam vieles zusammen, das gepasst hat – das Kernprodukt, die Google-Suche, die am Anfang des Erfolgs stand, Google AdWords als innovatives Modell zur Monetarisierung, aber vor allem auch das Team und die Firmenkultur. Ich merkte schon früh, wohl schon 1999, als ich zum Team rund um Larry und Sergey stiess, dass das Potenzial gross war, weil das Produkt so gut war. Aber es war wahrscheinlich erst etwa vier Jahre später klar, dass wir ein sehr gutes Geschäftsmodell gefunden hatten.

Was ist der entscheidende Grund für den Erfolg von Google beziehungsweise der Muttergesellschaft Alphabet?
Es gehörte durchaus auch viel Glück dazu. Ein entscheidender Faktor ist die Auswahl der Mitarbeiter. Wir haben ganz von Anfang an stark darauf geachtet, die besten Teams zusammenzustellen. Denn wenn man wirklich gute Produkte entwickeln will, muss man wirklich gute Mitarbeiter haben, und das braucht viel Aufwand. Deswegen geben wir uns ja auch sehr Mühe, die besten Leute zu finden und einen tollen Arbeitsplatz zu bieten.

Tun das nicht alle?
Bei vielen Firmen haben Manager beispielsweise häufig keinen technischen Background. Das ist bei uns nicht so, denn selbst von unseren Managern verlangen wir ein grosses Technologieverständnis. Das braucht es, damit sie mit den Engineering-Leads zusammenarbeiten und deren Entscheidungsbasis verstehen. Ein Manager muss bei uns Daten und Fakten hinter einer Produktentwicklung voll verstehen und somit die technischen Aspekte im Gesamtbild neben den organisatorischen und wirtschaftlichen Faktoren nachvollziehen können. So haben wir in den vergangenen Jahren gezeigt, dass wir völlig neue Märkte schaffen können, wenn es uns gelingt, ein bestimmtes Problem durch einen technischen Ansatz zu lösen.

Was ist zurzeit Ihre grösste Herausforderung und Ihr nächstes Projekt?
Die Google Cloud Platform, mit der wir es Drittfirmen ermöglichen, dieselbe Infrastruktur wie Google zu benutzen. Cloud Computing wird die IT noch viel stärker verändern, als viele heute annehmen. Zum Beispiel beim Thema Sicherheit: Heute ist das oft noch eine Frage, aber es wird nicht lange dauern, bis diese Frage auf den Kopf gestellt wird: Kann ich es mir wirklich leisten, meine Daten NICHT in der viel ausgereifteren und sicheren Cloud zu speichern? Heute klingt das wie Zukunftsmusik, in drei Jahren wird es breit herum akzeptiert sein.

Zürich ist heute der drittgrösste Google-Standort und wächst stark. Geht das so weiter?
Ich verfolge nun seit 2004 das stetige Wachstum in Zürich. Angefangen hat es mit zunächst vier Mitarbeitern in einem kleinen Mietbüro am Limmatquai – gleich unterhalb der ETH Zürich –, und jetzt, rund zwölf Jahre später, ist Zürich mit 1800 Mitarbeitenden aus 75 Nationen das grösste Entwicklungszentrum von Google ausserhalb der Vereinigten Staaten. In Zürich arbeiten unsere Entwickler an Diensten für Millionen von Nutzern weltweit, wie beispielsweise der Google-Suche, Google Maps, Gmail, Calendar oder Youtube; sozusagen Engineering for the world «Made in Switzerland». Diese Schweizer Google-Erfolgsstory macht mich natürlich als Schweizer und ETH-Absolvent auch ein wenig stolz. Und wir wollen auch in den kommenden Jahren weiter investieren, so werden wir an der Europaallee am Zürcher HB neue Bürogebäude beziehen.

Kann die ETH eine ähnliche Rolle spielen wie die Stanford University, wo enorm viele Firmengründungen hervorgebracht werden?
Absolut, die ETH und die EPFL gehören in die Spitzengruppe für Informatik weltweit. So war zu meiner Studienzeit beispielsweise die Ausstattung an der ETH besser als jene in Stanford. Es gibt aber auch Unterschiede. Stanford war seit je nicht nur eine Schule, sondern ein Treffpunkt für Gleichgesinnte und hatte schon zu meiner Zeit einen sehr engen Kontakt zur Industrie. Es war normal, dass Lehrende und Professoren sich aktiv in Start-ups und als Entrepreneure engagierten. Hier haben die ETH Zürich und auch die EPF in Lausanne in den vergangenen Jahren sicher nachgelegt. Ich freue mich, zu sehen, dass die ETH beispielsweise mit uns bei Google aktive Forschungs- und Projektpartnerschaften geknüpft hat. Ein solcher Dialog und Wissensaustausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft befruchtet das ganze Schweizer Ökosystem und lokale Start-ups.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper