Die Gesamtzahl der Flüchtlingskinder, die ohne Begleitung in der Schweiz leben, war noch nie so hoch wie heute. Über 5000 sind derzeit im Asylprozess. Und es kommen laufend mehr Kinder und Jugendliche an der Schweizer Grenze an. Allein von Januar bis Ende August registrierten die Behörden 1358 neue Fälle von sogenannten unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMA). Das zeigen aktuelle Zahlen des Staatssekretariats für Migration.

Die meisten sind männlich und 16 oder 17 Jahre alt. Sie kommen wie schon in den Jahren zuvor aus Eritrea und Afghanistan. Deutlich zugenommen hat die Zahl der jugendlichen Flüchtlinge aus Somalia und Äthiopien. Für Bund, Kantone und Gemeinden stellen die jungen Flüchtlinge eine Herausforderung dar. Die Jugendlichen schlugen sich ohne erwachsene Bezugspersonen durch und zeigen deshalb Symptome von Vernachlässigung. Eine Mehrheit leidet unter psychischen Problemen.

Jürg Eberle, Leiter des Migrationsamtes St. Gallen, kennt die Situation im grössten UMA-Zentrum des Kantons. Er sagt: «Etwa 80 Prozent sind dort teilweise schwer traumatisiert.» Schweizweit dürfte das Problem gar noch dramatischer sein. Franziska Müller, Soziologin und Bereichsleiterin bei Interface Politikstudien in Luzern, hat die gesundheitliche Verfassung von Asylsuchenden untersucht. Dabei hat sich gezeigt, dass praktisch alle UMA traumatisiert sind.

Zum Warten verdammt
Dies scheint nicht allen Kantonen bewusst zu sein. So schreibt die Sicherheitsdirektion des Kantons Zürichs auf Anfrage zwar: «Die UMA erhalten die notwendige medizinische Pflege und Betreuung.» Doch wie die «Schweiz am Sonntag» erfahren hat, erhängte sich erst vor zwei Wochen ein junger Flüchtling aus Eritrea in seiner Unterkunft in Zürch. Laut Fana Asefaw, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, ist dies kein Einzelfall. Täglich hat sie im Ambulatorium der Clienia in Winterthur mit den Schicksalen junger Asylsuchender zu tun. Sie sagt: «Die Zahl der Minderjährigen im Asylprozess, die sich suizidieren nimmt zu.» Zahlen und Statistiken gibt es jedoch keine.

«Die Situation ist alarmierend.» Fachpersonen seien im Umgang mit den psychisch angeschlagenen Jugendlichen überfordert. Es brauche Brückenbauern zwischen den Kulturen. Asefaw weiss, wovon sie spricht. Sie ist selber gebürtige Eritreerin. «Jugendliche aus Somalia oder Eritrea haben ein anderes Verständnis von ihrer Psyche als wir.» Oftmals hätten sie noch nie Medikamente eingenommen. «Statt einer Übermedizinierung brauchen die jungen Menschen jemanden, mit dem sie in ihrer Muttersprache reden können.»

Die meisten Jugendlichen, die in der Schweiz ankommen, haben im Heimatland oder auf der Flucht Traumatisches erlebt: Sie litten Hunger und Durst, bangten auf Booten um ihr Leben oder wurden vergewaltigt. «Doch viele stürzen erst in der Schweiz in eine psychische Krise oder erleiden eine Posttraumatische Belastungsstörung. Zum einen, weil sie hier loslassen können, aber auch, weil sie sich ohne Perspektive wähnen», sagt Ärtzin Asefaw.

Die Flüchtlingskinder realisieren hier, dass sie nicht einfach arbeiten können, sondern erst einmal warten müssen. Warten auf den Asylentscheid. Das zermürbt viele. Sie fühlen sich nutzlos. «Diese Kinder sind es sich nicht gewohnt, nicht zu arbeiten», sagt Asefaw. Sie hätten sich das Geld für die Flucht häufig selber verdient und würden sich schlecht fühlen, dass sie nun vom Staat leben. «Das ist für sie wie betteln.»
Die Ärztin ist überzeugt: Jugendliche brauchen eine Tagesstruktur, Perspektiven und sinnvolle Anreize. «Sie wollen arbeiten und etwas lernen.» Viele seien handwerklich geschickt, die Pflege von Menschen oder das Hüten von Kindern gewohnt. «Da sollte die Schweiz ansetzen. Es würde Kosten sparen, weil die Jugendlichen das Erlebte besser verarbeiten könnten und weniger Therapien notwendig wären.» Das sieht man auch beim Amt für Migration in Bern so. «Sinnvolle Tagesstrukturen sind ausschlaggebend, um die psychische Gesundheit der Kinder zu fördern», sagt Geschäftsleiter Markus Aeschlimann.

Niemand hat einen Überblick
Sieben Prozent aller Asylsuchenden in der Schweiz sind minderjährig und alleinreisend. Sie brauchen spezifischen Schutz. Deshalb haben nach dem Asyl-Rekordjahr 2015 viele Kantone spezielle Unterkünfte für UMA eröffnet. Doch es fehlt noch immer an geeigneten Plätzen. So sucht der Kanton Aargau derzeit Platzierungsmöglichkeiten für schulpflichtige Kinder unter 16.

Ein Manko besteht auch bei den gesundheitlichen Untersuchungen. «Wichtig ist, dass die Jugendlichen sofort nach ihrer Ankunft medizinisch, psychotraumatologisch und schulisch betreut werden», sagt Boris Tschirky, der im Kanton St. Gallen für die Unterbringung von UMA zuständig ist. Doch dies wird nicht überall so gehandhabt. Kommen die UMA in den Empfangszentren des Bundes an, werden sie auf übertragbare Krankheiten untersucht. Wer psychologische Hilfe braucht, muss aktiv auf das Gesundheitspersonal zugehen.

«Der Bund weiss sehr wenig über die psychische Gesundheit der UMA», sagt Soziologin Franziska Müller. Auch später, wenn die UMA auf die Kantone verteilt werden, fehlen einheitliche Richtlinien. Jeder Kanton handhabt die gesundheitlichen Abklärungen individuell. «Es kommt darum zu grossen Unterschieden, und das führt dazu, dass niemand einen gesamtschweizerischen Überblick hat», sagt Müller.

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