Die Solidarität der Stadtzürcher Bevölkerung mit den Flüchtlingen ist ungebrochen. Morgen Montag stellt die Stadt Zürich unter dem Titel «Zürich hilft Flüchtlingen» verschiedene Projekte der Flüchtlingsintegration vor. Es geht um Zürcher, die mit Flüchtlingen wohnen, und die Integration von Schulkindern. Recherchen der «Schweiz am Sonntag» zeigen nun, dass die Asylorganisation Zürich (AOZ) die Solidarität der Zürcher vermehrt nutzt. Auf Anfang Jahr schuf sie eine Fachstelle Freiwilligenarbeit. Eine neue Online-Plattform soll die Vermittlung von Freiwilligen erleichtern. Hintergrund ist das anhaltende Interesse von Zürcherinnen und Zürchern, sich für Flüchtlinge zu engagieren. Bis zu fünf Personen melden sich pro Woche. Im Verlauf des letzten Jahres waren insgesamt mehrere hundert Personen im Einsatz, wie Thomas Schmutz, Kommunikationschef der AOZ, auf Anfrage sagt. Die Freiwilligen leisteten insgesamt rund 12 000 Einsatzstunden.

Die Freiwilligen helfen den Flüchtlingen, ihren Alltag zu bewältigen. Manche begleiten Asylsuchende beim Gang auf Ämter, schreiben für sie Bewerbungen für Wohnungen oder üben mit ihnen Deutsch. Andere treiben Sport mit ihnen, geben Yoga-Stunden, malen, tanzen oder wandern. Seit dem Sommer und Herbst 2015, als das Schicksal der Flüchtlinge in Europa Zehntausende bewegte und eine Willkommenskultur bewirkte, haben die Anfragen zwar wieder etwas abgenommen, sagt Schmutz.

Dafür würden sich heute Menschen melden, die sich die Sache gut überlegen und auch regelmässig und langfristiger helfen wollen. Die meisten dieser Freiwilligen sind relativ gut ausgebildet, zum Beispiel Lehrerinnen, Sozialarbeiter oder Studentinnen. Es engagieren sich auch ehemalige Politiker. Drei Viertel des Engagements werden von Frauen geleistet. Sie stammen vorwiegend aus der Schweiz oder aus dem europäischen Umland. In letzter Zeit meldeten sich auch einige aus dem arabischen Raum, sagt Sprecher Schmutz.

Nicht jeder, der helfen will, eignet sich für diese Art von Freiwilligenarbeit. Gute Deutschkenntnisse sind Voraussetzung für ein Engagement. Zudem muss man in der Regel bereit sein, während mindestens sechs Monaten rund zwei Stunden pro Woche zur Verfügung zu stehen. Kommt es zu einem «Tandem», bestehend aus einem Flüchtling und einem Helfer, werden diese Zusammenarbeit und die Zielsetzung periodisch überprüft. Es gibt bei der AOZ aber auch einen Pool mit Freiwilligen für Kurzeinsätze.

Einsätze in anderen Gemeinden
Die Freiwilligen leisten einen Beitrag zur Integration. «Für viele Asylsuchende und Flüchtlinge sind freiwillige Begleiterinnen und Begleiter eine wichtige Brücke zur Schweizer Gesellschaft», sagt AOZ-Sprecher Schmutz. Von Freiwilligen erhielten sie ein Stück ganz normale Aufmerksamkeit und Zuwendung, würden von Mensch zu Mensch und für einmal nicht als Klient oder Klientin angesprochen. Schmutz erzählt von einem Flüchtling, der sagte: «Freiwillige behandeln mich als Menschen. Gegenüber den Behörden fühle ich mich oft als Nummer, als Fall.» Die Stadt Zürich lässt sich die Vermittlung von Freiwilligen einiges kosten. Im Jahr 2015 zahlte sie über 100 000 Franken.

Die AOZ, eine selbstständige öffentlich-rechtliche Anstalt der Stadt Zürich, organisiert Freiwilligenarbeit auch im Auftrag einiger anderer Gemeinden im Kanton. Dafür berechnet sie eine pauschale Vermittlungsgebühr von 600 bis 800 Franken pro Tandem. Die Gemeinde Embrach unterstützt sie aktuell beim Aufbau eines eigenen Freiwilligenprogramms. Das zeigt: Auch ausserhalb der Stadt Zürich ist die Bereitschaft hoch, sich für Flüchtlinge zu engagieren.

Die Flüchtlingszahlen sanken 2016 indes im Vergleich zum Vorjahr stark. Die letzten verfügbaren Monatszahlen des Staatssekretariats für Migration zeigen für den Monat November einen Rückgang von zwei Dritteln gegenüber der Vorjahresperiode. Über das ganze Jahr dürfte die Zahl um 30 Prozent zurückgegangen sein. Wieder eingeführte Grenzkontrollen und Höchstzahlen von Staaten wie Österreich erschwerten die Fluchtbewegungen über den Balkan. Mit der Anzahl Flüchtlinge verringert sich auch die Intensität der Berichterstattung in den Medien. Die Solidarität der Zürcher ist vom Rückgang nicht betroffen.

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