Von Kaspar Kägi

Pfarrer Salomon Schinz war tief schockiert, als er im Frühling 1817 das Fischenthal und das Zürcher Oberland bereiste. Dem Zürcher Kirchenrat berichtete er: «Mit jedem Tage sahen die Menschen blässer und ausgemergelter aus. Viele Hungernde welkten dahin wie Pflanzen in der Dürre des Sommers. Und solche, nicht durch den Hunger in wenigen Tagen, aber durch den Mangel an Sättigung während vieler Monate, aufgeriebene Menschen zählten die Totenregister der Gemeinden nicht wenige.»

Schinz übertrieb nicht. Die Hungerkrise von 1816/17 traf ganz Europa, vor allem aber die Schweiz. Besonders schwer litten die Ostschweiz und das Zürcher Oberland. Dort starben wohl mehr als 15 000 Menschen an Entkräftung, Hungerkrankheiten, an der Ruhr und an Typhus. Allein in den beiden Appenzell kamen mindestens 6000 Menschen um. In manchen Gebieten starb über zehn Prozent der Bevölkerung.

Folgen eines Vulkanausbruchs
Ursachen für die Krise gab es mehrere. Zunächst das miserable Wetter: Im Februar 1816 wurde die Schweiz von einer Kältewelle heimgesucht. Der Frühling und der Sommer waren aussergewöhnlich kalt und nass. Noch im Juni schneite es bis auf 1000 Meter hinunter. In Bern regnete es in den Sommermonaten an 52 Tagen, Neuenburger-, Murten- und Bielersee bildeten den ganzen Sommer hindurch einen zusammenhängenden See. Im Kanton Zürich vergingen Wochen ohne Sonnenschein. Und bereits Anfang November lag auch schon im Flachland eine dicke Schneedecke. Zurückzuführen ist dies auf den Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815, den grössten Vulkanausbruch der letzten 20 000 Jahre. Das ausgestossene Schwefeldioxid schränkte die Sonnenstrahlung ein und beeinflusste das weltweite Klima. In der Schweiz führte dies zum bisher kältesten Jahr in der Geschichte der Neuzeit. Man spricht deshalb auch vom «Jahr ohne Sommer».

Entsprechend schlecht fiel 1816 die Ernte aus. «Die Heuernte war eine erbärmliche und die späte, späte Kornernte, o wie dünn und mager war sie!», schrieb der Zürcher Oberländer Schriftsteller Jakob Stutz in seinen Lebenserinnerungen. Als Folge verdoppelten sich ab dem Herbst 1816 die Preise für Lebensmittel. Und im Frühling 1817 kostete ein Sack Getreide im Kanton Zürich mehr als dreimal so viel wie ein Jahr zuvor, in Rohrschach sogar fünfmal so viel. «Und endlich», so Stutz, «erhielt man kaum mehr etwas um bares Geld.»

Doch die Hungerkrise nur als Folge des schlechten Wetters anzusehen, greift zu kurz. Hungerkrisen sind, wie der Historiker Hans Medick bemerkt, komplexe Phänomene. Soziale, ökonomische und politische Faktoren tragen dazu bei, dass ein Teil der Gesellschaft sich in einem Zustand der höheren Verletzlichkeit befindet und sich bei einem Anstieg der Lebensmittelpreise nicht mehr ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgen kann.

Tatsächlich waren Teile der Gesellschaft damals in erhöhtem Mass verletzlich. So war die Armut zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Schweiz weit verbreitet. Vor allem unter landlosen Heimarbeitern und Tagelöhnern. Ein Viertel der Menschen gehörte zur Unterschicht, die bereits in normalen Jahren etwa 80 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben musste. Sanken die Löhne oder stiegen die Preise auch nur leicht, implodierte ihr Haushaltsbudget.

In der Ostschweiz und im Zürcher Oberland, den damaligen Zentren des Textilgewerbes in der Schweiz, kam ein weiterer Faktor hinzu: der Konjunktureinbruch in Folge der Aufhebung der Kontinentalsperre. 1806 hatte Napoleon sämtlichen Handel zwischen Kontinentaleuropa und Grossbritannien unterbunden. Das Schweizer Textilgewerbe profitierte, es konnte seine Produkte in ganz Europa verkaufen. Nach dem Untergang Napoleons wurde der europäische Markt ab 1814 mit maschinell hergestellten und deshalb billigen und qualitativ höherstehenden Textilien überschwemmt. Die Handspinnerei brach innert weniger Jahre vollständig zusammen, und auch viele mechanische Kleinbetriebe waren der englischen Konkurrenz nicht gewachsen und gingen ein. Beschäftigte, die noch Arbeit hatten, mussten starke Lohneinbussen in Kauf nehmen. Innert weniger Monate verloren Tausende Menschen ihre Arbeit. Allein im Zürcher Oberland, so stellte eine Kommission der Zürcher Regierung im Herbst 1816 fest, hätten innerhalb eines Jahres 20 000 Menschen ihre Arbeit und damit all ihre Verdienstmöglichkeiten verloren.

Zerstrittene Kantone
Verschlimmert wurde die Krise durch fehlende Zusammenarbeit auf eidgenössischer Ebene. Der damalige Staatenbund war schwach und stand 1814/15 mehrmals am Rand eines Bürgerkriegs. Die vorab auf ihre Souveränität bedachten Kantone waren untereinander zerstritten. Statt sich angesichts der Hungerkrise gegenseitig zu unterstützen, schlossen sie die Grenzen und verboten Getreidelieferungen in andere Kantone. Für den Kanton Glarus beispielsweise war dies verheerend, da fast alle Getreidetransporte ins Glarnerland über den Zürichsee liefen.

Zudem reagierten viele Kantonsregierungen spät und zögerlich. Der Kanton Zürich etwa war noch im August 1816 – der Ernterückgang war bereits absehbar – der Ansicht, der Staat dürfe nicht in den freien Markt eingreifen, also beispielsweise Getreide ankaufen und anschliessend verbilligt verkaufen. Und auch die Ostschweizer Kantone ergriffen erst spät Massnahmen gegen die drohende Hungerkrise. Dass es auch anders ging, zeigt das Beispiel des Kantons Genf, der schon früh erste Massnahmen ergriff, um die Nahrungsmittelknappheit zu lindern. Bereits im Sommer 1816 kaufte die Genfer Regierung im nahen Frankreich Getreide an. Und im Januar 1817 legte sie Höchstpreise für Getreide fest. Eine riskante Massnahme, die aber dazu führte, dass der Getreidepreis im Frühling 1817 in Genf deutlich tiefer war als in Zürich und der Ostschweiz.

Bettler sollen verhungern
Viele Menschen konnten sich bereits im Winter 1816/17 keine Lebensmittel mehr leisten. Sie ernährten sich von dem, was auf den Wiesen und im Wald zu finden war. «Was ehedem Schweinen nicht wäre vorgeworfen worden, das genossen nun die Hungrigen als köstliche Speise», berichtete der St. Galler Pfarrer Ruprecht Zollikofer im Frühjahr 1817 von einer Reise ins Appenzell. Viele Menschen hätten sich von gedörrten Kartoffelschalen, erfrorenen Feldbohnen, Löwenzahn, Brennnesseln, Kräutern und Gräsern ernährt. Suppe aus braunem Heu sei als schmackhafte Speise betrachtet worden. Auch Schnecken und sogar Tierhäute oder zermahlene Knochen dienten als Nahrungsmittel. «Dieser schreckliche Zustand», so Zollikofer weiter, «bewirkte, dass die Hungrigen blasses, gelbes Aussehen bekamen, angeschwollen wurden, am ganzen Körper mit Ausschlägen und Geschwüren bedeckt waren; dass sie oft vor Entkräftung niederfielen, über Brennen und Zehren des Magens klagten.»

Im Frühling 1817 verteilten Gemeinden und private Hilfsgesellschaften Suppe an Hungernde. In Bäretswil im Zürcher Oberland etwa wurden in wenigen Monaten über 52 000 Portionen Suppe ausgegeben. Die Almosenverteilung war für viele Hungernde jedoch eine demütigende Prozedur. Wer eine solche «Liebesgabe» wollte, musste oft in der Kirche vorsprechen und sich vor der Gemeinde fromme Sprüche anhören. Manche Leute waren ihrer Lage zum Trotz zu stolz dafür. Andere gingen nicht hin, weil sie keine anständigen Kleider hatten oder weil sie zu schwach waren für den Weg. Auch verwirkten sie ihr Aktivbürgerrecht, wenn sie Almosen annahmen. Bettler und andere «unwürdige» Arme waren ganz von der Hilfe ausgeschlossen. In einem Spendenaufruf der Zürcher Hilfsgesellschaft etwa hiess es: «Der Müssiggänger, der Liederliche, der Bettler muss in diesen Zeiten sich anstrengen lernen, oder ohne Gnade verhungern.»

Kaum Thema an Schulen
Obwohl laut dem Historiker John D. Post kein anderes Land stärker litt als die Schweiz, ist die Hungerkrise von 1816/17 heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Kein Denkmal erinnert an die Hungernden. Und auch im Schulunterricht wird die letzte grosse Hungerkrise nur selten thematisiert. Dabei würden uns die Ereignisse einen anderen, wohl realistischeren Blick auf die Schweizer Geschichte ermöglichen, einen Blick weg von den «grossen Schlachten» und Heldengeschichten, hin zum oft harten und entbehrungsreichen Alltag vieler Menschen.

* Kaspar Kägi ist Historiker, unterrichtet Geschichte am Realgymnasium Rämibühl und schrieb eine Lizarbeit zur Hungerkrise 1816/17.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper