Noch etwas benommen stehe ich im Hof des Ausbildungszentrums Rohwiesen und klopfe mir innerlich auf die Schultern. Rechtzeitig und in Uniform bin ich zum Zivilschutz-Wiederholungskurs erschienen. «Das muss mit einem Nussgipfel gefeiert werden», denke ich, da höre ich plötzlich eine Stimme. Ich brauche ein paar Momente, um zu verstehen, was sie von mir will. Dann wird mir klar, das orange Shirt soll in die feldgrüne Hose! Während ich mein Tenü korrigiere, realisiere ich: Der Zivilschutz hat seine Gelassenheit verloren.

Denn die früher unvorstellbare Liebe für Uniformdetails ist nicht die einzige Neuerung. Dem Aufgebot lag diesmal ein Drohbrief bei. Wer sich nicht an die Regeln hält, müsse zahlen. Und die Drohung ist ernst gemeint. 137 Verwarnungen beziehungsweise Verzeigungen sprachen Zürcher Zivilschutz-Kader bis Ende August 2016 aus. Im ganzen Vorjahr waren es 130 gewesen.

Bussen und Nationalhymne
Auch der Empfang im Ausbildungszentrum folgt einem neuen Konzept. Bisher fand man sich gemächlich auf dem Hof ein. Während der Kommandant die Namen der Aufgebotenen aufrief, hustete manch einer ein «Ja» für einen noch nicht eingetroffenen Kollegen. Dieses Mal erwartete uns ein Spiessrutenlauf. Schon am Eingang wurden die Einrückenden abgefangen und gemustert. Wer auch nur ein paar Sekunden zu spät war oder keine komplette Ausrüstung vorweisen konnte, wurde als «Straffälliger» isoliert und musste sich im Theoriesaal eine Strafpredigt anhören. Und es gab Verweise à 80 Franken. Dann hielt ein Vorgesetzter eine Ansprache. Sie wurde nur von der Nationalhymne unterbrochen. «Tritts im Morgenrot daher» ist nicht nur der Klingelton des Vorgesetzten, sondern auch der neue Soundtrack der orange-grünen Truppe.

Der Zürcher Zivilschutz unternimmt alles, um von seinem Image als Faulenzer-Brigade wegzukommen. Die Cafeteria wurde zur roten Zone erklärt, der Nussgipfelnachschub ist abgeschnitten. Das hat Symbolwert. Lange genug hatte Komiker Viktor Giacobbo die Männer in Orange vom benachbarten Fernsehstudio aus als Nussgipfeltruppe verhöhnt. Auf Facebook und Twitter sind die orange-grünen Uniformen meist in der Horizontalen zu sehen oder beim Kaffeetrinken. Um das zu ändern, sollen nun aus zwanzig gemütlichen Kompanien fünf straffe Einheiten werden. Die Zusammenarbeit mit Feuerwehr und Sanität ist enger. Sogar der Betreuer-Fahrdienst «Aktiv Plus» wird nun von der Einsatzzentrale der Rettungskräfte disponiert. Die Miliz wurde entmachtet, die Professionellen übernahmen.

Seit einem Jahr gilt ein neues Dienstreglement. Der Zivilschützer «erscheint korrekt gekleidet zum Schutzdienst», heisst es da, und es gilt eine Selfie-Verbot: Fotografieren und Filmen ist nicht erlaubt. Zudem dürfen keine «Auskünfte über die Diensttätigkeit» erteilt werden. «Es ist an die zuständige Pressestelle zu verweisen.» Darum sei an dieser Stelle auch nicht verraten, was in diesem WK weiter geschah. Nicht verschwiegen werden soll, was vorgefallen war, als Zivilschützer das letzte Mal den Medien Auskunft gaben. So viel vorweg: Es sorgte bei «Tele-Züri»-Chef Markus Gilli für den Frust der Woche und kostete die Stadt einen schönen Batzen.

Die 420 000-Franken-Übung
Die Sonne war kaum aufgegangen über dem Schrebergartenareal an der Pfingstweidstrasse, als wir Zivilschützer uns an einem Herbsttag im Jahr 2013 daran machten, die ersten Gartenhäuschen kurz und klein zu schlagen. Als die erste Ladung Schutt in die Mulde donnerte, ahnte noch niemand, dass am Abend die «Tagesschau» darüber berichten würde. Dabei hätte der Einsatz zur perfekten Übung werden können. Dem Familiengartenverein fehlte das Geld, um den Platz zu räumen, und der Zivilschutz lechzte danach, sich nützlich zu machen. Weil Zürich von Katastrophen wie Hochwasser meist verschont bleibt, beschränken sich dessen Einsätze auf Taxifahrten für Senioren und Verkehrsdienst bei Grossanlässen. Mit entsprechendem Eifer machten sich die Zivilschützer ans Werk. Häuschen um Häuschen wurde niedergerissen. Ein Zivilschützer, der im echten Leben Elektronik-Artikel verkauft, lief zu Bestform auf. Er kurvte mit dem Kippmuldenfahrzeug durchs Areal, als hätte er nie etwas anderes getan. Die Mulde kippte, der Staub stieb. Niemand interessierte sich für den Dunst, der aus der Mulde kam, bis ein hässliches Wort die Runde machte: «Asbest». Der perfide Baustoff kann schon bei kleinsten Mengen und entsprechender Veranlagung zu tödlichem Krebs führen. Als die Schrebergartenhäuschen gebaut wurden, wusste das noch niemand und das Material wurde fleissig verbaut, weil es billig und feuerfest war. Abbrechen dürfte man sie nur vorsichtig und mit Atemschutzmasken.

Als solche endlich verteilt wurden, war die Übung bereits eine Meldung auf «20 Minuten». Wir Zivilschützer streikten, der Einsatz wurde abgebrochen. Schliesslich musste eine Spezialfirma das Areal entgiften. Die Übungen kostete die Stadt 420 000 Franken. Ein Gutachten machte später «organisatorische Mängel und Schwächen in der Führung» für das Asbest-Fiasko verantwortlich. Konsequenzen hatte der Einsatz für die Vorgesetzten dennoch keine. Uns in den Asbest schicken war gratis, zu spät kommen kostet nun 80 Franken.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper.