Vor zwei Jahren wurde er verlacht. Roland Goethe, Präsident des Verbands Swissmechanics und Unternehmer, erinnert sich: «Wir warnten, die Aufhebung des Mindestkurses könne zu einer Deindustrialisierung führen.» Das habe keiner wahrhaben wollen. «Bis heute hat die Politik nichts getan, die Industrie-KMU werden allein gelassen.»

Ein solches KMU findet sich in Wetzikon, im Zürcher Oberland. Herbert Rutz hat dort in drei Jahrzehnten die Femec AG aufgebaut, einen Metall-Verarbeiter mit 50 Mitarbeitern und 6 Lehrlingen. In einem umgebauten Stall hatte er 1979 mit einer Werkstatt angefangen und sich hochgearbeitet. Am 15. Januar 2015 hob die Nationalbank (SNB) den Mindestkurs auf.

Zunächst schien es, als halte sich der Schaden in Grenzen. «Unsere Schweizer Kunden erklärten sich bereit, die Hälfte der Preisaufschläge selber zu tragen», erzählt Rutz. Doch nach ein paar Wochen habe sich gezeigt, dass sie es nicht dabei bewenden liessen. «Es gingen Aufträge nach Polen, Tschechien oder nach China, die früher wir bekommen hätten.» Man dürfe nicht vergessen, sagt Rutz, dass der Franken schon vor dem 15. Januar eine massive Aufwertung hinter sich gehabt habe. «Unsere Kunden hielten deshalb schon länger Ausschau nach neuen Zulieferern, aber warteten noch ab.» Einen neuen Lieferanten zu nehmen, sei immer auch ein Risiko und verursache zunächst einmal zusätzliche Kosten.

Nach der Mindestkurs-Aufhebung waren alle Hemmungen weg. «Von einem Kunden kriegen wir noch 20 Prozent der früheren Aufträge, den Rest holt er aus China», sagt Rutz. So würden es viele grosse Industrieunternehmen machen. «Sie verlassen die Schweiz, produzieren im Ausland, kaufen dort Vorprodukte ein: Zurück bleiben Verwaltung sowie Forschung und Entwicklung.»

Weg vom Fenster
Zwölf Mitarbeiter musste Rutz seither entlassen, eine Lehrstelle dieses Jahr streichen. Er löste Rückstellungen für schlechte Zeiten auf, um für eine Million Franken eine neue Maschine zu kaufen. «Damit können wir in kurzer Zeit spezielle Anfertigungen in kleiner Stückzahl herstellen. Solche Anfragen bekommen wir nun häufiger.» Die grossen Aufträge gehen ins Ausland.

Auf Dauer droht das Aus. «Derzeit kommen wir zwar verlustfrei durchs Jahr. Aber um eine Zukunft zu haben, brauchen wir Gewinne», sagt Rutz. Er müsse jedes Jahr effizienter produzieren, das würden die Kunden einfordern. Drei oder vier Jahre lang schaffe er dies, indem er seine Prozesse verbessere. «Dann brauche ich Geld für die neuesten Maschinen, sonst bin ich weg vom Fenster.»

Weg vom Fenster zu sein – davor fürchtet sich nicht nur Rutz. Tausende Industrie-KMU kommen mit dem Frankenschock noch immer nicht zurecht. Auch zwei Jahre nach der Aufhebung des Mindestkurses beurteilen kleine Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern ihre Geschäftslage klar als «schlecht», wie eine Umfrage der KOF Konjunkturforschungsstelle zeigt.

Der Swissmechanics-Präsident Roland Goethe warnt deshalb auch heute: «Wie sollen wir etwa in die Industrie 4.0 oder die Robotik investieren, wenn wir keine Gewinne schreiben?» Der Maschinenpark in der Schweiz werde auf diese Weise veralten. «Es ist schon heute feststellbar: Die Werkplatz-KMU geben die Massenproduktion und Innovationen schleichend auf.»

SNB-Investitionsfonds gefordert
Swissmechanics nimmt deshalb nochmals einen Anlauf. «Die SNB soll aus ihren Gewinnen einen Investitions-Fonds für die Industrie eröffnen», fordert Goethe. Konkret würde die SNB den Banken eine Sicherheit geben, wenn diese wiederum Kredite an Industrie-KMU vergeben. «Der Kredit-Kanal ist heute verstopft. Die Banken erhalten ihr Geld fast gratis, aber geben es nicht an die Industrie weiter – oder bloss zu überteuerten Konditionen.»

Herbert Rutz ist vom Bundesrat enttäuscht. «Wir Industrie-KMU werden gern als Rückgrat der Wirtschaft bezeichnet. Doch unser Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann tut gegen den Frankenschock nichts.» Da hätte Rutz lieber den früheren Preisüberwacher und SP-Nationalrat Rudolf Strahm im Bundesrat. Der sei zwar ein Linker, und er wähle sonst bürgerlich. «Aber Strahm hat begriffen, dass die Industrie endlich Hilfe braucht.»

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