Von Simon Jäggi

In der Öffentlichkeit präsentiert sich der Zivildienst als Einsatzgebiet für einfache Hilfskräfte. Botengänge in der Bibliothek, mit der Spitzhacke im Feld oder Rollstühle schieben im Altersheim. Doch im Internet vermitteln die ausgeschriebenen Zivildienst-Einsätze oft einen ganz anderen Eindruck: Betriebe suchen dort Notärzte mit mehrjähriger Berufserfahrung, Umweltingenieure für Forschungsprojekte oder auch Informatiker mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung.

Zwanzig Jahre nach seiner Einführung ist der Zivildienst so gefragt wie nie. Im Jahr 1992 stimmte die Schweiz als eines der letzten Länder Westeuropas einem zivilen Ersatzdienst zu. Vier Jahre später traten die ersten Männer den neu geschaffenen Dienst an. Die Zahl der Einsatzplätze hat sich seither auf über 15 000 verfünffacht. Und die Nachfrage steigt weiter an. Immer mehr junge Männer entscheiden sich gegen die Armee und für den Zivildienst. Im vergangenen Jahr leisteten bereits 18 000 Personen rund 1,6 Millionen Diensttage. Ein neuer Rekord.

Von der Öffentlichkeit grösstenteils unbeachtet, hat sich der Zivildienst über die vergangenen Jahre zur attraktiven Stellenbörse entwickelt. Wo Studienabgänger wertvolle Arbeitserfahrung sammeln und auf der Karriereleiter ein paar Sprossen höher steigen. Wo Einsatzbetriebe für erstaunlich wenig Geld spezialisierte Mitarbeiter auf Zeit finden. Keine unproblematische Entwicklung. Denn der Zivildienst, so steht es im Gesetz, darf keine bestehenden Arbeitsplätze gefährden und die Wettbewerbsbedingungen nicht verfälschen.

Gegen den Ärztemangel
Zu den Fachkräften im Zivildienst zählt auch Michael Künzler. Der ausgebildete Arzt leistete bis vor wenigen Wochen seinen Dienst in der orthopädischen Abteilung am Berner Inselspital. In weissem Kittel in der Sprechstunde, mit Mundschutz, Schürze und Handschuhen im Operationssaal. Künzler untersuchte in den Sprechstunden Patienten, stellte Diagnosen, assistierte bei Operationen. «Meine Arbeiten entsprachen zum grössten Teil der Tätigkeit eines Assistenzarztes», sagt Künzler. Der grösste Unterschied war das Namensschild an seinem Kittel, das den Dr. med. als Zivildienstleistenden auswies.

Das Berner Inselspital ist eines von mehreren Spitälern, das im Rahmen des Zivildienstes auch ausgebildete Ärzte beschäftigt. Das Sparpotenzial für die Kliniken ist dabei beträchtlich. Verdient ein Assistenzarzt im ersten Jahr durchschnittlich über 7000 Franken, bezahlen die Spitäler pro Zivildienstleistenden und Monat gerade mal knapp 2500 Franken.

Aus Sicht des Zivildienstes ist der Einsatz von Ärzten kein Problem. «Von rund 11 500 Pflichtenheften des Zivildiensts gibt es rund 100 für Ärzte», sagt Mediensprecher Thomas Brückner. Die Möglichkeit für solche Einsätze habe die paritätisch zusammengesetzte Anerkennungskommission vor vielen Jahren geschaffen. «Schliesslich haben wir in der Schweiz einen Ärztemangel.»

Dafür, dass Einsatzplätze den Arbeitsmarkt nicht konkurrenzieren, hat der Zivildienst massgeblich selber zu sorgen. In der Anfangszeit wachte darüber noch die vom Bund eingesetzte Kommission, bestehend aus Vertretern der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbände. Seit 2007 prüfen die Mitarbeitenden in den regionalen Zivildienstzentren selbstständig, ob neue Betriebe und Pflichtenhefte zugelassen werden oder nicht.

Wenn ein Betrieb mehr als zehn Zivildienstleistende beschäftigen darf, muss zudem die kantonale Arbeitsmarktbehörde beigezogen werden. Die Mitarbeitenden der Regionalzentren stützen sich bei ihren Entscheiden auf die Richtlinien, welche die Kommission erarbeitet hat. Gesetzlich festgelegt ist zudem eine individuelle Obergrenze der Anzahl Zivildienstleistender, die ein einzelner Betrieb maximal beschäftigen darf. Sowie eine regelmässige Überprüfung der Einsatzbetriebe. «Diese bestehenden Regeln sind ausreichend», sagt Brückner.

25 Prozent des Bruttolohnes
Es sind indessen nicht nur Spitäler, die mittels Zivildienst günstig zu Fachkräften gelangen. Auch zahlreiche NGO, Forschungsanstalten und Bundesstellen machen davon regen Gebrauch. Sie suchen Informatiker, Archäologen, Handwerker oder Naturwissenschafter. Einer der Spitzenreiter ist Agroscope, das landwirtschaftliche Forschungszentrum des Bundes. Wenig andere Institutionen bieten mehr Einsatzplätze für Zivildienstleistende an. Rund sechzig sogenannte Pflichtenhefte hat das Unternehmen im Netz publiziert. Mehr als die Hälfte richtet sich an Arbeitskräfte mit spezifischem Hochschulstudium oder Berufsabschluss. Gesucht sind etwa Landmaschinen-Mechaniker, Landwirte zur Durchführung von Studien, Pflanzenbiologen mit Doktortitel oder Agronomen zur Mitarbeit in Forschungsprojekten.

Rund neunzig Zivildienstleistende beschäftigt Agroscope pro Jahr. Die Anforderungen an die Zivildienstleistenden seien dabei deutlich tiefer als an reguläre Angestellte, sagt Personalleiterin Sabrina Plumettaz. Wie genau sich die Arbeiten der Zivildienstleistenden in den einzelnen Pflichtenheften von gewöhnlichen Angestellten unterscheiden, kann die Forschungsanstalt nur pauschal beantworten: Zivildienstleistende seien eine zeitlich begrenzte Unterstützung für wenige Monate, die keine eigene Forschung betreiben. Wie viel Kosten dank dem Zivildienst eingespart werden, ist für die Forschungsanstalt ebenfalls schwierig zu sagen. Die Abgabe betrage maximal 25 Prozent des Bruttolohns für eine vergleichbare Arbeitskraft, dazu kämen Reise- und Verpflegungskosten plus Betreuungsaufwand. In einem Punkt ist sich Sabrina Plumettaz jedoch sicher: «Mit dem Zivildienst werden keine Arbeitsstellen eingespart.»

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