Ein Manager eines grossen Reiseanbieters sagt hinter vorgehaltener Hand, was viele in der Branche denken: «Während wir unsere Preise nach der Mindestkursaufhebung auf eigenes Risiko sofort gesenkt haben, macht die Swiss einfach nichts.» Nur auf Flügen Richtung Osten würde sie die Preise aus Konkurrenzgründen anpassen.

Stimmt der Vorwurf? Die «Schweiz am Sonntag» wollte es wissen und ermittelte die Flugpreise pro Minute für das gesamte Swiss-Streckennetz. Analysiert wurden alle verfügbaren Direktflüge für eine zehntägige Reise vom 20. bis 30. April. Die Resultate geben Hinweise darauf, wo die Lufthansa-Tochter mit starker Konkurrenz konfrontiert ist und wo sie freie Bahn hat (siehe Tabelle).

Die höchsten Tarife fallen für Passagiere auf Deutschland-Flügen an, dem Heimmarkt der Swiss-Eigentümerin Lufthansa. Fr. 1.37 kostet hier die Flugminute im Durchschnitt. Dass Kurzstrecken einen höheren Minutenpreis als Langstrecken aufweisen, ist wegen der Fixkosten logisch. Doch auch in Bezug auf andere Kurzstrecken sind die Deutschland-Tarife überdurchschnittlich hoch: Die untersuchten Flugminuten nach Spanien kosten im Schnitt 97 Rappen, nach Frankreich 96 und nach Skandinavien gar nur 86.

Innerhalb Deutschlands zeigen sich allerdings grosse Unterschiede. So kosten die Reisen nach Frankfurt, Nürnberg und München über 2 Franken pro Minute. Nach Dresden und Leipzig – Strecken, auf denen die Swiss gegen Etihad Regional kämpft – verlangt sie maximal 91 Rappen pro Flugminute. Am günstigsten ist Berlin mit 65 Rappen. Hier macht sich Konkurrentin Air Berlin bemerkbar.

Auch der Vergleich der Interkontinentalflüge bestätigt die These: Die Nordamerika-Tarife sind mit durchschnittlich 86 Rappen pro Minute 15 Prozent teurer als die Flüge in den Nahen Osten und nach Asien. Besonders eindrücklich ist der Wettbewerb nach Singapur angesichts des Swiss-Tarifs von nur 55 Rappen pro Minute. Und das, obwohl Konkurrent Singapore Airlines ein Partner aus der Star Alliance ist. Doch dieser tritt mit dem Riesenvogel A380 und Billigstpreisen an. Erst kürzlich warb die Airline für Flüge nach Singapur ab 499, nach Phuket ab 589 und nach Sydney ab 1199 Franken. Dass ab März auf der lukrativen Hongkong-Route mit Cathay Pacific ein Konkurrent dazustösst, wirkt sich bereits aus: Der Swiss-Flug kostet nur 897 Franken – 60 Rappen pro Minute.

Andreas Wittmer, Leiter des Center for Aviation Competence an der Universität St. Gallen, bestätigt das Fazit: «Auf Nordamerika-Flügen verdienen die Airlines zurzeit gutes Geld, auch weil dort die Allianzen zum Tragen kommen.» Im deutschen Heimmarkt profitiere die Swiss vielfach von der Stellung ihrer Muttergesellschaft Lufthansa. «Die Expansion von Emirates und Etihad in der Schweiz, unter anderem mit dem A380, hat bei der Swiss aber zu signifikanten Umsatz- und Gewinneinbussen auf Flügen in den Osten geführt.» Swiss-Sprecherin Sonja Ptassek sagt, man orientiere sich beim Preis stark an Angebot und Nachfrage. Dies habe zuletzt deutliche Preisreduktionen ergeben.

Zurzeit hilft der Swiss der tiefe Ölpreis, denn das Kerosin, das in Dollar bezahlt wird, macht rund 30 Prozent der Kosten aus. Swiss-Chef Harry Hohmeister gibt diesen Vorteil nicht weiter, und so dürfte 2014 ein guter Gewinn resultieren. Dennoch schmerzt die Frankenstärke. Einen Grossteil der Erträge erzielt die Swiss in Fremdwährungen. Preiserhöhungen im Ausland seien keine Option, da die Wettbewerbsfähigkeit leiden würde, heisst es bei der Swiss. Für Schweizer Passagiere hat sie jedoch kürzlich die USA-Tarife erhöht. Gleichzeitig können ausländische Airlines ihre Preise hierzulande senken, ohne Einbussen in der Lokalwährung zu spüren.

Im aktuellen Personalmagazin kündigt Hohmeister Sparpläne an, die rot-weisse Zitrone wird weiter ausgepresst: «In unserem Fokus ist alles, das nicht in der Schweiz produziert werden muss und nicht zur Swissness beiträgt.» Man werde auf günstigere Lieferanten aus der Euro-Zone ausweichen, und auch die Auslagerung von Swiss-Stellen sei kein Tabu.

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