Wer ins Verkehrshaus der Schweiz geht und ein wenig herumschlendert, wird viele Produkte entdecken, die Kinderaugen zum Glänzen bringen. Es ist ein sehr emotionales Museum, auch wenn viel Technik oder Technologie gezeigt wird. Die Produkte, die dort ausgestellt sind, zeugen von der Lust am Erfinden und Produzieren.

Hier sieht man, wie wichtig Marken und Produkte für unsere Identität sind, und, noch wichtiger, wann sie hier bei uns in der Region oder in unserem Land erfunden worden sind und hergestellt werden oder wurden.

Viele der Marken, deren innovative Produkte dort ausgestellt sind, gibt es leider nicht mehr. Sie sind ausgestorben, wie die Dinosaurier. Nicht durch eine Naturkatastrophe, sondern sie wurden wie in der natürlichen Evolution ersetzt durch neue andere, vielleicht manchmal bessere, Produkte, aber oftmals durch Katastrophen, von Menschenhand herbeigeführt. Die kleine Schweiz ist, wenn es um innovative Produkte und Marken geht, eine Weltmacht. Wir mussten und wollten immer unsere Unabhängigkeit verteidigen, vielleicht auch, weil wir ein so kleines Land sind.

Die Geisteshaltung, die zur Existenz dieser Marken und Produkte geführt hat, gibt es noch vielerorts in der Schweiz, auch wenn eigentlich alles dafür getan wird sie auszurotten.

Es braucht Lust, Fantasie, Neugierde und eine Menge Energie, um Hindernisse zu überwinden, um in der Schweiz Produkte und vor allem industrielle Produkte herzustellen. In letzter Zeit ist es noch etwas schwieriger geworden als auch schon. IT, pure R&D, Dienstleistungen, das scheint sexy zu sein . . . vor allem braucht man dafür keine Fabriken, die noch dazu die Landschaft verschandeln. Die Produktion von Gütern ist aber das Herz einer langfristigen, gesunden Wertschöpfungskette. Sie sichert uns den sozialen Frieden und sorgt nicht für kurzfristigen Reichtum, sondern für die langfristige Sicherung einer Mittelschicht. Ein Produkt zu entwickeln und herzustellen, braucht Zeit, Geld und einen Markt. Die Schweiz ist klein, hat aber eine starke Industriegeschichte, weil sie die internationalen Märkte früh erobert hat, und zwar nicht nur in Nischen.

Dazu braucht sie nicht tiefste Löhne, auch nicht schlechte Arbeitsbedingungen. Nein, sie braucht die pragmatische Geisteshaltung von Unternehmern, Gewerkschaften und Politikern, und es braucht Vertrauen.

Hindernisse der Unternehmer ist und war immer die jedes Risiko scheuende Bankermentalität, wenn es um langfristige Investitionen in nicht spekulative Operationen geht, und mutlose Politiker, die nur in der Welt der Regulierung und Standardisierung leben.

Die neuste und dazu sehr gefährliche Gruppe ist die nicht mehr in der Industrie eingebettete Bevölkerung – und die wird immer grösser. Sie konsumiert, alles scheint – Amerika sei Dank – nur über den Preis zu spielen. Markenprodukte will man zwar haben, aber sie müssen verkauft werden wie ein Handelsgut, eine Commodity (Rohstoffe).

Der extrem überbewertete Schweizer Franken verstärkt diesen Commodity-Gedanken zusätzlich . . . weil ja im Konsum im nahen Ausland und auch – Rabatt sei Dank – im Inland alles günstiger wird für uns alle. Welch ein gefährlicher Trugschluss!

Unsere Währungshüter von der braven, etwas biederen Nationalbank haben uns deutlich gezeigt, wie schwach wir mittlerweile geworden sind. Wir können uns nicht wehren, wir sind zu klein, und das Risiko ist zu gross. Die Welt der Schweizer Nationalbanker ist die der Theorien, der Rechtfertigungen, die von Ratlosigkeit, Mutlosigkeit und mangelnder Kreativität zeugen. Es ist die Geisteshaltung von Verwaltern anstatt von Gestaltern.

Nun gut, damit müssen wir leben . . . aber wir dürfen diese sehr gefährliche Geisteshaltung, die unsere Unabhängigkeit und Identität ins Mark trifft, nicht übernehmen, sondern müssen weiter dafür kämpfen, in diesem Land Produkte, auch Massenprodukte, herzustellen – und sie nicht nur im Museum zu bewundern.


* Unternehmer Nick Hayek (61) ist CEO der Swatch Group. Er arbeitete als Regisseur, bis er 1994 in den von seinem Vater geführten Uhrenkonzern einstieg.

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