Herr Stahlmann, Sie sind in Kolumbien geboren, in Bolivien und Paraguay aufgewachsen, haben in Deutschland, Japan und Südafrika gewohnt. Wo ist Ihre Heimat?
Klaus Stahlmann: Dort, wo ich bin. Jetzt also gerade in der Schweiz.

Das heisst, Sie sind überall und nirgendwo zu Hause?
Ich sage es mal anders: Wenn Sie so viel unterwegs sind wie ich, können Sie sich nicht immer woanders hin orientieren und sagen: Das ist jetzt nicht meine Heimat. Wenn Sie das tun, werden Sie nie zufrieden und heimisch werden in dem Land, wo Sie gerade sind.

Haben Sie keine Wurzeln?
Ich habe Wurzeln, keine Frage. Ich würde sagen, ich habe drei starke Referenzpunkte: einerseits Südamerika, wo ich aufgewachsen bin, anderseits Deutschland oder Europa insgesamt, drittens aber auch Afrika. Alle drei Orientierungspunkte sind für mich extrem wichtig, jeder hat Vor- und Nachteile.

Kurz nach Ihrem Start als neuer Konzernchef haben Sie verkündet, dass Sulzer verstärkt nach Akquisitionen suchen wird. In welchen Bereichen und Regionen wird das geschehen?
In der Division Turbo Services könnte eine Akquisition in Asien und dem Mittleren Osten sinnvoll sein. In unserem grössten Geschäft, den Pumpen, sehen wir weitere Möglichkeiten im Wasser- und Abwasserbereich. Wir haben dort noch nicht das komplette Produktportfolio. Das Gleiche gilt bei Öl und Gas. Wir sind stark im Transport, würden uns aber gerne auch in der Förderung und in der weiterverarbeitenden Industrie verstärken.

Wie viel Geld können Sie für Akquisitionen einsetzen?
Wir könnten auch mehrere grössere Akquisitionen schultern, das heisst bis zu 1 Milliarde Franken.

Woher nehmen Sie das viele Geld?
Wir haben eine gesunde Bilanz. Wir würden das in einem Mix aus Eigen- und Fremdkapital finanzieren. Zur Finanzierung der grossen Akquisition im Wasserbereich haben wir letztes Jahr im Juni erfolgreich eine Obligationenanleihe von 500 Millionen Franken aufgelegt – in diese Richtung könnte es auch bei weiteren Akquisitionen gehen.

Bleibt es bei den vier Standbeinen Pumpen, Oberflächentechnologie, Chemieanlagen und Turbowartung? Oder wollen Sie ein fünftes, sechstes Standbein dazunehmen?
Wir sind mit den bestehenden vier Geschäftseinheiten gut aufgestellt.

Umgekehrt passt das Beschichtungsgeschäft wenig zu den anderen von der Energieindustrie abhängigen Sparten. Ist ein Verkauf von Sulzer Metco denkbar?
Nein. Wir haben dank der Division Metco, die ein klassischer Frühzykliker ist, einen guten Ausgleich zu den Spätzyklikern Pumpen und Chemtech. Das gibt uns eine Balance und macht darum Sinn. Es ist interessant: Immer wenn es einer Branche gut geht, schreien alle danach, sich darauf zu konzentrieren und alles andere zu verkaufen. Wenn es plötzlich nicht mehr so gut läuft, sind alle froh, wenn es ausgleichende Geschäftsbereiche gibt.

Wie bei anderen Firmen gibt es bei Sulzer eine dramatische Verschiebung der Nachfrage Richtung Asien und Lateinamerika. Heisst das, dass Sie in Europa Stellen abbauen müssen?
Ich rechne damit, dass auch in Europa der Markt geringfügig weiterwachsen wird. Aber er dürfte nicht in eine riesige Rezession abgleiten. Wenn sich eine weitere Delle ergeben sollte, werden wir eher über den Abbau von Temporärmitarbeitern reagieren als über Werksschliessungen oder die Streichung fester Stellen.

Wie stark sind Ihre Werke in der Schweiz ausgelastet?
In unseren Schweizer Werken in Winterthur, Wohlen, Haag und Allschwil sind wir noch gut ausgelastet. Es sind keine Kapazitätsanpassungsmassnahmen zu erwarten.

Müssen die Schweizer Beschäftigten wegen des starken Frankens Angst um ihre Stelle haben?
Nein, wir produzieren schon jetzt das meiste im Ausland. Von den 1400 Schweizer Mitarbeitern ist nur die Hälfte in der Produktion. Und die ist so stark spezialisiert, dass wir gar nicht woanders hin verlagern können.

Sulzer erhoffte sich von der CO2-Abscheidung und –speicherung ein grosses Geschäft. Wird es dazu wirklich kommen?
Vor drei, vier Jahren glaubte man an einen Boom. Bislang wurden aber nur kleinere Pilotanlagen gebaut. Es gibt momentan keinen Markt und auch keine Gespräche mit den grossen CO2-Produzenten.

Ein Boom-Markt sind hingegen Installationen auf dem Meeresgrund, die den Abbau von Öl- und Gasvorkommen ermöglichen. Wird Sulzer da aktiv?
Ja. Eine unserer Gesellschaften in England hat zusammen mit einem Partner Pumpen getestet, die auf dem Meeresgrund zum Hochpumpen von Öl-Gas-Gemischen eingesetzt werden. Die Tests sind alle erfolgreich abgelaufen. Wir sind jetzt daran, das Produkt auf dem Markt einzuführen. Ich sehe das in der Zukunft als einen ziemlich grossen Markt.

Wie stark hilft der Hauptaktionär Viktor Vekselberg Sulzer, sich in Russland auszudehnen? Man hat den Eindruck, nicht sonderlich.
Ich muss Ihnen widersprechen: Gerade in diesem Jahr ist Russland für uns zu einem extrem wichtigen Markt geworden, der jetzt sogar unter den fünf wichtigsten Märkten für Sulzer steht. Wir haben in Russland Wachstumsraten erzielt wie in keinem anderen Land.

Ohne Vekselberg wäre das nicht möglich gewesen?
Die Kontakte und die Möglichkeiten, die wir über den Hauptaktionär Renova haben, sind sicherlich ein Vorteil, um dort die entsprechenden Kontakte zu schaffen. Durch die von Renova gehaltenen Gesellschaften kommen wir auf sehr hoher Ebene mit den richtigen Entscheidungsträgern in Kontakt.

Wie gehen Sie mit dem Korruptionsrisiko in Russland um?
Wir machen nur ein Geschäft, wenn es hundertprozentig sauber ist. Wir haben zero Tolerance, egal in welchem Land.

Wie viele Geschäfte scheitern denn, weil jemand illegale Zahlungen will?
Da scheitern schon einige.

Nulltoleranz und hohe Wachstumsraten in Russland: Ist das nicht ein grundlegender Widerspruch?
Nein, definitiv nicht. Es ist möglich, in Russland sauber zu geschäften, sonst würden wir wirklich keine Geschäfte machen.

Haben Sie Vekselberg seit Ihrem Amtsantritt schon einmal getroffen?
Nein. Das wird über den Verwaltungsrat gemacht. Dort sitzen die Vertreter von Renova. Mit denen spreche ich wie mit dem gesamten Verwaltungsrat.

Der Auftragseingang hat in den ersten neun Monaten um 12,3 Prozent zugenommen, um Akquisitions- und Währungseffekte bereinigt aber nur um 0,5 Prozent. Wie verhält es sich im vierten Quartal?
Es schaut gut aus. Das Wachstum geht ähnlich voran wie in den ersten drei Quartalen.

Wie sieht die Auftragslage für 2013 aus?
Dieses Jahr steigt der Auftragsbestand weiter. Für 2013 erwarte ich, dass er sich stabilisieren wird.

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