Andreas Meier steigt durch seinen Schau-Weinberg in Würenlingen AG, in dem er von zahlreichen Rebsorten ein paar Stöcke angepflanzt hat. Vor einem Riesling bleibt er stehen. Zahlreiche, prall mit Beeren bestückte Trauben hängen an den Trieben. So müssten Trauben aussehen. Dann geht er zu einem Cabernet Sauvignon. Hier zeigt sich ein mageres Bild: Die Beeren sind klein, teilweise sind sie gar nicht erst entwickelt. Einzelne Blätter sind verkümmert. «Das ist die verheerende Wirkung des Spritzmittels ‹Moon Privilege› von Bayer», sagt Meier.

Eigentlich sollten alle Pflanzen in Meiers Weinberg gleich voll sein, denn sie wurden mit denselben Mitteln behandelt. Doch bei einigen Pflanzen prangen Lücken in der Traubenzone. Vereinzelt sieht man missgebildete Blätter. Hinter all dem steht – so der Verdacht – «Moon Privilege», das im letzten Sommer gespritzt worden war. Meier ist gut vernetzt. Er führt nicht nur zwei Weinbaubetriebe, sondern produziert auch im grossen Stil Reben, die er in die ganze Schweiz verkauft. Daher weiss er: Im ganzen Land zeigt sich das gleiche Bild.

Für Bayer dürfte die Geschichte teuer werden. Verschiedene Quellen sprechen von einem Ausfall von rund 10 Prozent der Schweizer Ernte. Die Waadtländer Behörden schätzen die Schäden im eigenen Kanton auf 40 Millionen Franken. In Bern sind gemäss offiziellen Meldungen 50 von 240 Hektaren betroffen. Da die Bauern höchst unterschiedlich betroffen sind, könne das in Einzelfällen existenzielle Folgen haben, sagt Robin Haug vom Branchenverband Deutschschweizer Wein. Die Schäden seien vergleichbar mit einem starken Hagelfall. Nur bezahlt dort die Versicherung.

Winzer Meier rechnet vor: Bei einem angenommenen Ausfall von 10 Prozent und einem konservativ geschätzten Produzentenpreis von 10 Franken pro Flasche komme man schweizweit auf einen Schaden von 135 Millionen Franken. «Der Schaden wird auf jeden Fall im dreistelligen Millionenbereich liegen.» Meier sagt, er habe bereits Schadenersatzklage gegen Bayer eingereicht. Zudem habe er der zur Fenaco-Gruppe gehörenden Landi, über die er das Fungizid bezogen hatte, eine Mängelrüge zugestellt. Bayer und Fenaco äussern sich nicht zur Zahl der eingegangenen Klagen oder Beschwerden.

Hinter den Kulissen arbeitet Bayer bereits an der Vorbereitung von Schadenersatzzahlungen. Diese Woche hat sich der Chemiekonzern wieder an die Winzer gewandt. In einem Brief gesteht Bayer ein, man sehe «eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen Zusammenhang» zwischen dem Spritzmittel und den Schäden. Mit Blick auf «wirtschaftliche Folgen» werden die Bauern aufgefordert, die Erntemengen genau zu dokumentieren. Im Herbst will sich Bayer zu «möglichen Schadenersatzleistungen» äussern.

Wie jetzt bekannt wird, will Bayer zudem Expertisen anerkennen, die auf Wunsch der Winzer von der Hagelversicherung erstellt wurden. Die Zeit drängt. Dieser Tage beginnt die Ernte, und die Schäden müssen vorher belegt sein.

«Moon Privilege» – im Ausland als «Luna Privilege» vertrieben – wurde erst vor kurzem zugelassen und 2014 erstmals eingesetzt. Das Fungizid wurde vom eidgenössischen Forschungsinstitut Agroscope offensiv zum Einsatz gegen Graufäule empfohlen, wie Unterlagen zeigen. Alles deutete zunächst darauf hin, dass ein effektives, neues Mittel gegen Pilzbefall gefunden wurde.

Beim Bund sieht man sich wegen der Empfehlungen nicht in der Verantwortung. Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) habe das Produkt vor der Zulassung nach internationalen Standards geprüft, sagt Olivier Felix, Leiter des Fachbereichs nachhaltiger Pflanzenschutz. «Mit solchen möglichen Nebenwirkungen hat niemand gerechnet.» Das Amt habe nach den ersten Meldungen schnell reagiert und die Zulassung suspendiert. Auch das BLW geht davon aus, dass die Schäden vom Bayer-Fungizid verursacht wurden: «Aufgrund der beobachteten Symptome spricht vieles dafür, dass es einen Zusammenhang mit ‹Moon Privilege› gibt.»

Es sei das erste Mal, dass bei einem Fungizid erst im Folgejahr Nebenwirkungen beobachtet werden, sagt Felix. Viele Experten halten sich denn auch mit Kommentaren zurück. Züchter Meier vermutet, dass der Wirkstoff von der Pflanze in einen hormonähnlichen Stoff umgewandelt und im Stamm eingelagert worden ist. Im Folgejahr stieg dieser dann zurück in die Triebe. Es falle auf, dass jeweils die ersten Blätter missgebildet seien, sagt er. Zudem seien die Schäden nur an ganzen Pflanzen zu beobachten, die im Vorjahr gespritzt wurden. «Aus diesen gezogene Stecklinge weisen jedoch keine Schäden auf.»

Für Bayer sind die Schweizer Rebberge nur ein Teil des Problems. Das Fungizid wurde in ganze Europa verkauft, auch in die grossen Weinmärkte in den Nachbarländern. So berichtete der österreichische «Kurier» von Schäden unter anderem in der Wachau oder im Anbaugebiet Krems. Auch aus Südbaden wurden in den Medien bereits Ernteausfälle vermeldet. Insgesamt dürften die Forderungen gegen Bayer riesig werden.

Dass nicht alle Regionen gleich stark betroffen sind, hängt mit den angebauten Rebsorten zusammen. Besonders empfindlich hat die für die Schweiz typische Sorte Chasselas reagiert, die in Meiers Schau-Rebberg Ausfälle von rund 70 Prozent aufweist. Auch Chardonnay, Sauvignon blanc oder Gewürztraminer scheinen stark betroffen zu sein. Typische Walliser Sorten wie Petite Arvine oder Humagne Rouge hingegen zeigten überhaupt keine Symptome, sagt Züchter Meier.

«Es fällt auf, dass deutsche Sorten wie Sylvaner oder Riesling ebenfalls nicht betroffen sind», sagt Meier. Er vermutet, dass Bayer den Wirkstoff an diesen Sorten getestet und daher für unproblematisch befunden habe. Die Schweizer Behörden stellten dann darauf ab. «Da stellt sich die Frage, ob man nicht die Zulassungsprozesse ändern müsste.»

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