Die Megafusion zwischen dem Schweizer Agrochemiekonzern Syngenta und dem Konkurrenten Monsanto scheiterte an zuletzt enorm hohen Forderungen von Syngenta-Präsident Michel Demaré. Dies geht aus Dokumenten einer mit den Verhandlungen vertrauten Person hervor, die der «Schweiz am Sonntag» vorliegen. Die Unterlagen schildern den genauen Ablauf der Gespräche zwischen den beiden Grosskonzernen, die am 17. April begonnen hatten und am 26. August beendet wurden.

Die beiden wichtigsten Figuren in diesem Übernahmepoker sind Michel Demaré und Hugh Grant, CEO und Chairman von Monsanto. Getroffen haben sie sich während der vier Monate dauernden Gespräche gerade zwei Mal: am 17. April und am 18. August jeweils in Zürich. Syngenta war von Beginn weg sehr negativ eingestellt. So heisst es in den Dokumenten, dass die beiden Topmanager Demaré und CEO Mick Mack, der ebenfalls am ersten Meeting in Zürich dabei war, «sehr kühl» auf das Angebot reagiert hätten. Sie hätten zugehört, aber in keinen Dialog eintreten wollen, wie die beiden Firmen hätten zusammengelegt werden können.

Bei nächsten Treffen vier Monate später – dazwischen wurden Briefe ausgetauscht und Telefonate geführt – war die Atmosphäre nicht viel besser.

Es dauerte nur schon Wochen, bis der Termin überhaupt organisiert werden konnte. Als die beiden am 18. August dann in Zürich zusammenkamen, unterbreitete Monsanto-Chef Hugh Grant dem Syngenta-Präsidenten ein deutlich verbessertes Angebot: 470 Franken pro Aktie, was einer Prämie von 50 Prozent gegenüber dem Aktienkurs entsprach, eine um 20 Prozent verbesserte Cash-Komponente sowie eine um 50 Prozent erhöhte Break-up-Fee auf 3 Milliarden US-Dollar – als Entschädigung für den Fall, dass der Deal nicht zustande kommt. Das war die Diskussionsgrundlage.

Acht Tage später, am 26. August, sprachen sich die beiden Spitzenmanager am frühen Morgen (Schweizer Zeit) länger amTelefon. Michael Demaré machte klar, dass er das bereits zum zweiten Mal verbesserte Angebot nach wie vor für unbefriedigend halte. Er ging darauf nicht ein, sondern brachte eine völlig neue Zahl ins Spiel: Er gab Grant zu verstehen, dass der Preis näher bei 600 Franken pro Aktie liegen sollte als bei den angebotenen 470 Franken.

Er zitierte dabei eine Analystenstudie, die das Kursziel von weit über 600 Franken pro Syngenta-Aktie nannte. Er glaubte wohl selbst nicht so recht an diesen hohen Preis und sagte, dass diese Analyse wohl nochmals überarbeitet werden müsse («go back to school»). Aber der Wert von Syngenta liege doch viel näher bei dieser Schätzung als beim Angebot, das Monsanto machte.

Wenn Grant unter diesen Voraussetzungen wirklich in Verhandlungen treten wolle, führte Demaré kühl weiter aus, dann könnten sich die die Banker «in ein paar Wochen» treffen, um den Deal aufzugleisen. Und dann könnte auch er sagen, dass er mitziehen werde. Nach diesem Telefongespräch brauchte Monsanto nicht mehr lange zu überlegen: Mit dieser überrissenen Forderung würde ein Deal auf einvernehmliche Weise nie zustande kommen.

Die Option eines unfreundlichen Angebots kam für Monsanto offenbar nicht infrage. Zu viele Unsicherheiten hätten sich ergeben. Eine Diskussion über mögliche potenzielle Probleme klemmte Demaré bereits am 18. August ab.

An diesem Treffen wollte sich Grant mit ihm unter anderem über einen Rechtsfall unterhalten (dabei ging es um eine Maissorte in den USA). Demaré sagte nur kühl, dass er nicht darüber diskutieren wolle – was so geklungen habe, als ob er «nichts mehr darüber wissen wollte».

Am 26. August um 10.21 Uhr verschickte Monsanto eine Presseerklärung, in der sie den Abbruch der Gespräche bekannt gab. Die Meldung schlug ein wie eine Bombe: Die Syngenta-Aktie brach ein. Viele Anleger haben viel Geld verloren. Doch nicht alle, einige haben richtig viel Geld verdient. Eine Auswertung von sogenannten Put-Optionen ergibt, dass in den Tagen vor dem Abbruch kräftig wertlose Optionen aufgekauft wurden. Deren Wert jedoch hochschnellte, als der Kurs in den Keller rutschte.

Die «Schweiz am Sonntag» untersuchte die Bewegungen von drei Optionsreihen mit kurzen Laufzeiten und Ausübungspreisen von 350, 360 und 370 Franken. Bei allen drei Reihen schnellte das gehandelte Volumen in der Woche vom 17. August bis zum Abbruch am 26. August in die Höhe. Es besteht der Verdacht, dass Insider ihr Wissen ausgenutzt hatten, um vom fallenden Kurs zu profitieren.

Letzte Woche wurde bekannt, dass die Deutsche Börsenaufsicht Bafin Ermittlungen aufgenommen hat. Die US-Behörden sind in der Sache aktiv geworden. Gemäss Recherchen untersucht auch die Schweizer Bundesanwaltschaft die auffälligen Kursbewegungen wegen Insider-Verdachts.

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