Erleichterung machte sich breit beim Stromkonzern Axpo, als am Freitag definitiv verkündet wurde, wer die neue Pipeline für Gas aus Aserbaidschan bauen dürfe. Denn der Zuschlag ging an die Transadriatische Pipeline (TAP), an welcher der Badener Konzern mit 42,5 Prozent beteiligt ist. Weitere 42,5 Prozent trägt die norwegische Statoil, 15 Prozent gehören der deutschen EON.

Dem Abschluss des Milliardendeals gingen jahrelange Verhandlungen voraus. Es galt, sich gegen das von der EU unterstützte österreichische Nabucco-Projekt durchzusetzen, für das der frühere deutsche Aussenminister Joschka Fischer weibelte. Dass TAP den Zuschlag erhalten würde, hatte sich jedoch abgezeichnet. Schon am Mittwoch brachen die Österreicher offenbar eine Kommunikationssperrfrist, als sie ihre Niederlage vermeldeten – zwei Tage vor der offiziellen Bestätigung in Baku.

Die Vergabe ist ein Erfolg für den Aargau, den Heimatkanton der Axpo. Nicht nur CEO Heinz Karrer kann feiern, sondern auch ein Quartett von politischen Strippenziehern. Dazu gehört der Aargauer Walter Steinmann, der sich als Direktor des Bundesamts für Energie (BFE) seit sechs Jahren persönlich um das Dossier kümmert. Im Bundesrat sorgte die Aargauer Energieministerin Doris Leuthard für den nötigen Rückhalt. Auf der Strasse gab es Hilfe vom Aargauer Migros-Chef Herbert Bolliger: Der Detailhändler kooperiert seit 2012 mit der TAP-Investorin Socar und betreibt die Läden der Schweizer Tankstellen, die Socar vor einem Jahr von Esso übernommen hatte.

Und die Aargauer Ständerätin Christine Egerszegi sorgte im Sinn der Axpo mit regelmässiger Kontaktpflege zu aserbaidschanischen Politikern für das richtige Klima. Diese sehen im neutralen Kleinstaat Schweiz einen verlässlichen Partner. Wegen ihrer Vermittlungsdienste im Südkaukasus gilt die Schweiz zudem als glaubwürdige Akteurin in der Region.

Besonders die Bundesvertreter spielten eine wichtige Rolle. TAP war nicht einfach ein Projekt der Axpo, TAP war ein Projekt der Schweizer Aussenpolitik: Die fragwürdige Menschenrechtssituation in Aserbaidschan kommentiert die Schweiz auffallend zurückhaltend. Dafür besucht man sich gerne gegenseitig: Am letzten World Economic Forum (WEF) konnte man Steinmann, Bolliger und die Axpo-Vertreter beim Apéro an der offiziellen Party Aserbaidschans beobachten. Bundespräsident Ueli Maurer und Aussenminister Didier Burkhalter empfingen in Davos den aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev. Für Aserbaidschan war das WEF schon länger ein fester Termin. Dieses Jahr warben die Aserbaidschaner auffällig auf den Davoser Bussen.

Zahlreiche Treffen auf höchster Ebene sind in den letzten Jahren dokumentiert. Seit 2002 fanden in der Schweiz ein Dutzend offizielle Treffen statt, an denen aserbaidschanische Delegationen durch Bundesräte empfangen wurden. Und auch die Schweizer waren reisefreudig. In der gleichen Zeit reisten neunmal Bundesräte ins kleine Land am Kaspischen Meer, das so reich an Gas und Erdöl ist.

Und so ist auch kaum verwunderlich, dass Aserbaidschan 2005 nebst der Vertretung bei der UNO auch eine Botschaft in Genf eröffnete, obwohl die Zahl der Aserbaidschaner in der Schweiz überschaubar ist. Die besondere Beziehung zur Schweiz ist indes etwas älter: Seit 1992 sichert sich die Schweiz ihren Sitz bei IWF und Weltbank über die Helvetistan-Stimmrechtsgruppe auch dank der Stimmen Aserbaidschans.

Befeuert wurde das Engagement für das Gas offenbar durch die Erkenntnis, dass die Schweiz im europäischen Strommarkt zunehmend ins Abseits zu geraten droht. Wichtige Netzprojekte wurden plötzlich um die Schweiz herum geplant. Das sollte beim Gas nicht passieren, führt doch eine der bedeutendsten Nord-Süd-Achsen heute mitten durch die Schweiz: von Wallbach AG zum Griespass VS.

Diese Transitgas-Pipeline macht auch das TAP-Projekt interessant, denn heute fliesst das Gas ausschliesslich von Deutschland nach Italien. Mit TAP und dem aserbaidschanischen Gas nimmt der Druck im Süden zu. Im Extremfall könnte sich der Fluss umkehren. Damit steigt das verfügbare Angebot an Gas, etwa um damit dereinst Gaskraftwerke zu beliefern, die durch den Atomausstieg notwendig werden könnten. Auch wirbt die Axpo bereits heute um industrielle Grossabnehmer, die ihr Gas bisher von den Regionalversorgern beziehen.

Noch aber gibt es viele Fragezeichen. So ist mit der Vergabe der Pipeline noch nichts darüber gesagt, wer wie viel Gas aus Aserbaidschan beziehen darf. Zudem braucht die Axpo zwingend weitere Investoren für das Pipeline-Projekt, denn die 42,5 Prozent des Milliardenprojekts will die Axpo nicht allein stemmen. Die Energiefirmen BP, Socar und Total besitzen eine Option auf bis zu 50 Prozent der TAP-Röhre. Ziel der Axpo ist, den eigenen Anteil unter 15 Prozent zu drücken.

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