Ueli Jost ist kein Möbelschreiner. Er hat die Lehre als Maschinenschlosser gemacht, ging später an die Technikerschule und wurde Manager bei ABB und Alstom. Er baute und restrukturierte Fabriken in Indien und in Osteuropa. 2001 wurde er zum damals schlingernden Küchenhersteller Veriset in Root bei Luzern gerufen. Er sanierte das Unternehmen, automatisierte die Prozesse und kaufte die Firma 2003 schliesslich selber.

Heute ist Veriset der grösste Küchenhersteller der Schweiz. «Wir haben alles selber entwickelt. Dabei ist mir meine Industrieerfahrung zugutegekommen,» sagt Jost. Hätte er nicht in die Automatisierung der Küchenfabrik investiert, würden an diesem Standort kaum mehr Küchen gebaut, ist er überzeugt. Gekostet hätten die Investitionen in die Industrieroboter rund 50 Millionen Franken.

Ueli Jost, Geschäftsleiter und Inhaber der Küchenfabrik Veriset in Root LU, hat 50 Millionen Franken in die automatisierte Produktion gesteckt. SEVERIN BIGLER

Ueli Jost, Geschäftsleiter und Inhaber der Küchenfabrik Veriset in Root LU, hat 50 Millionen Franken in die automatisierte Produktion gesteckt. SEVERIN BIGLER

Diese Woche kündigte der Unternehmer an, dass er rückwirkend auf den 1. Januar den Aargauer Küchenhändler ISP gekauft hat. Durch den Kauf eines der grössten Küchenhändler der Schweiz will Jost mit Veriset noch stärker wachsen, noch mehr Küchen produzieren. «Wir haben diese Strategie nach dem Frankenschock vom Januar 2015 beschlossen. Es geht darum, die Stückzahlen zu erhöhen, um mit der Konkurrenz aus dem Ausland mitzuhalten.» Heute werden 20 000 Küchen pro Jahr produziert. Das Ziel ist es, mittelfristig 25 000 Küchen pro Jahr herzustellen.

13 000 Stellen gingen verloren

Seit dem 15. Januar 2015 ist die Industrieproduktion in der Schweiz stark unter Druck. An diesem Tag hob die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Mindestkurs zum Euro auf, der Franken wurde gegenüber dem Euro aufgewertet. Auf einen Schlag wurden Produkte, die in der Schweiz hergestellt wurden, im Vergleich zur Konkurrenz aus dem europäischen Umland 20 Prozent teurer.

Rezepte gegen den starken Franken waren rasch gefunden: Wer konnte, lagerte arbeitsintensive Prozesse ins Ausland aus. Andere versuchten, mit Investitionen in die Automatisierung die Kosten zu senken. Viele kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) hatten als Zulieferer der Grossen das Nachsehen und mussten Leute entlassen. Insgesamt kostete dieser Prozess laut Schätzungen der Credit Suisse bisher über 13 000 Stellen.

Laut Yngve Abrahamsen von der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH scheint die Anpassung der Industrie vorerst abgeschlossen. Es gebe noch vereinzelt Unternehmen, die Stellen streichen. Ein Beispiel ist hier wohl die ehemalige Firma des Wirtschaftsministers Johann Schneider-Ammann, die Ammann Group, die im bernischen Langenthal in der Produktion von einfachen Bauteilen 130 Stellen abbauen will. «Der Frankenschock ist noch nicht überall komplett verdaut», sagt der Bundesrat denn auch im Interview mit der «Schweiz am Wochenende».

Eurokurs erholt sich leicht

Die Stimmung in der Industrie hellt sich zwar leicht auf. Am Montag übersprang der Euro erstmals seit September 2016 die Marke von 1.10 zum Schweizer Franken. Und auch die Nachfrage nach industriell produzierten Gütern nimmt wieder zu.

Doch Hans Hess, Präsident des Verbandes der Industrieunternehmen Swissmem, mag diesem Hoch noch nicht trauen. Er sieht für die Betriebe, die in der Schweiz produzieren möchten, keine Alternative als eine noch stärkere Automatisierung. Auch die Digitalisierung böte eine Chance, um Kosten weiter zu senken.

Doch er schränkt gleichzeitig ein: «Man kann nicht alle Bereiche automatisieren. Das haben wir bei Reichle & De-Massari gesehen, wo ich Verwaltungsratspräsident bin. Für Handarbeitsplätze wird es in der Schweiz wegen der hohen Lohnkosten immer enger.» Der Kabelhersteller Reichle & De-Massari hat im März 2015 50 Stellen von Wetzikon ZH ins Ausland verlagert.

Hohe Kosten und hohe Preise

Laut Hess bleiben die Produktionskosten im Vergleich zum Ausland hoch. Weil der Industrielle weiss, dass die Löhne nicht einfach gesenkt werden können, hat er sich mit einer brisanten Forderung an die Politik gewandt: Er möchte, dass der Hochpreisinsel Schweiz der Kampf angesagt wird.

Weniger Regulierungen in der Schweiz, das forderte auch Ems-Chefin Magdalena Martullo Blocher gestern anlässlich der Präsentation der Halbjahresergebnisse. Sie hat seit dem Frankenschock die Produktion massiv erhöht, aber auch an den Kosten geschraubt. Angeboten werden nur noch hoch spezialisierte Kunststoffe. Hier spielt der Preis eine geringere Rolle als bei den gewöhnlichen Kunststoffen.

Mit dieser Strategie segelt die Ems derzeit von Erfolg zu Erfolg. Der Nettoumsatz erhöhte sich im ersten Halbjahr um 6,5 Prozent auf 1,07 Milliarden. Der Gewinn stieg im gleichen Zeitraum um 19 Prozent auf 456 Millionen. Die Produktionsprozesse sind bei Ems nicht sehr personalintensiv. Deshalb findet nach wie vor ein Grossteil der Produktion in der Schweiz statt.

Küchen direkt verkaufen

Zurück zum Küchenbauer im luzernischen Root. Durch den Kauf von ISP kommen nicht nur fünf Verkaufsstellen hinzu. Der Markt für Küchen wird auch aufgemischt: Wer bisher eine Küche kaufen wollte, wurde an einen Fachhändler wie ISP oder Sanitas Troesch oder einen Schreiner verwiesen. Mit dem ISP-Deal wird sich dieses System ändern. Obwohl der Fachhandel immer noch der wichtigste Vertriebspartner bleibt, kann Veriset seine Küchen bei den grossen Objekten nun direkt an die Endkundschaft verkaufen.

Auch aus der Sicht Jean Consolis, des ehemaligen Inhabers der ISP, macht diese Strategie Sinn: «Im immer härter umkämpfen Markt für Objektküchen ist ein nachhaltiges und gesichertes Wachstum nur noch möglich, wenn man als Händler direkt an einen Produzenten angebunden ist.» Aktuell beschäftigt Veriset 210 Mitarbeiter. Mit dem Kauf von ISP kommen noch einmal 25 dazu, sagt Ueli Jost. «Wir wollen mit dem Kauf nicht eine Sparübung durchziehen, sondern unternehmerisch wachsen. Wir werden also am Schluss der Transaktion mehr Leute beschäftigen als heute.»