René Ilg steht vor einem Scherbenhaufen. Der 61-Jährige wollte bald kürzertreten, das Geschäft seinem Sohn überlassen. 27 Jahre lang lieferte Ilg für Interio Möbel aus. Mit vielen Stammkunden ist er per Du. Doch nun ist Schluss. Die Migros-Tochter hat ihm und zehn weiteren regionalen Transportfirmen in der ganzen Schweiz auf Ende Jahr gekündigt.

Ilg muss der Post Platz machen. Der gelbe Riese hat sich den ausgeschriebenen Auftrag von Interio geschnappt. Das Staatsunternehmen hat in den letzten zwei Jahren, ohne gross Aufsehen zu erregen, einen Möbeltransportdienst auf die Beine gestellt. Inzwischen zählt er am Stützpunkt in Dintikon AG sieben Lieferwagen und 30 Angestellte, die intern geschult werden. Auf der Homepage wirbt die Post: «Ob Fernseher, Fitnessgerät, Grill oder Gefrierschrank: Mit dem Aufstellservice liefern wir sorgfältig und rechtzeitig an jeden gewünschten Ort.» Zur Kundschaft gehört auch die Coop-Elektroniktochter Fust. «Wir erwarten, dass das Geschäft in den kommenden ein bis zwei Jahren weiter wächst», sagt Post-Sprecher Bernhard Bürki.

Wie mehrere Lieferanten gegenüber der «Schweiz am Sonntag» vermuten, gewann die Post die Interio-Ausschreibung dank einer sehr tiefen Preiseingabe. Dabei hat sich die Post auch gegen ausländische Mitbieter durchgesetzt, denn das Migros-Möbelhaus hatte auch Transportfirmen im günstigeren Deutschland und Österreich an der Ausschreibung teilnehmen lassen. Interio gestaltet die Liefer- und Montagekosten neu. Bisher waren diese vom Kaufspreis abhängig. Interio will neu einen fixen Lieferpreis anbieten, dem Vernehmen nach soll dieser stets 100 Franken betragen, egal ob nur ein Stuhl oder auch noch ein Tisch und ein Sofa transportiert werden.

«Wir müssen mit kostendeckenden Preisen arbeiten können», sagt Gaby Döbeli von der Firma Döbeli Transport in Glattbrugg ZH. Auch ihr und ihrem siebenköpfigen Team wurde auf Ende Jahr gekündigt, genauso wie Walter Graf aus Pratteln, seines Zeichens seit über sechs Jahren Partner von Interio. «Weil viele Kunden im Ausland einkaufen, musste ich bereits zwei Angestellten kündigen», sagt Graf. Heute arbeitet er noch mit zwei Lieferwagen und zwei Angestellten.

Interio-Sprecherin Anne Witte spricht von einer «Komplexitätsreduktion», da man nun mit der Post nur noch einen Partner habe. Zudem habe die Post bereits Bestellungen vom Interio-Onlineshop ausgeliefert. Die Erfahrungen seien «sehr gut» gewesen. Diese Aussage widerspricht Stimmen aus der Branche. Von Qualitätsproblemen ist die Rede.

Mehrere Lieferanten bestätigen, dass nun ihr Geschäft in Gefahr ist. «Das ist ein Schock für uns», sagt Marco Bennardo, der eine Transportfirma in Brione TI betreibt. «Ich arbeite seit drei Jahren mit Interio und habe drei neue Mitarbeiter angestellt. Das sind junge Männer mit Familien, deren Zukunft nun unklar ist.» Bennardo erzielt rund 60 Prozent seines Umsatzes mit Interio. Bei anderen Firmen sind es 100 Prozent.

Rückendeckung erhalten die geschassten Transporteure von Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands. «Das Vorgehen der Post ist ein klares No-go.» Sein Verband unterstütze die parlamentarische Initiative des Berner SVP-Nationalrats Rudolf Joder. Diese fordert eine Anpassung des Postgesetzes, die der Post den Verkauf Post-ferner Produkte verbieten soll. «Die Post hat sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren», sagt Bigler. Beim Vordringen in andere Geschäftsfelder schaffe sie aufgrund ihrer Stellung als Staatsunternehmen eine «eklatante Marktverzerrung»: «Das Montieren von Wohneinrichtungen hat nichts mit Service public zu tun.»

SVP-Nationalrat Adrian Amstutz, der als Präsident des Schweizerischen Nutzfahrzeugverbands Astag Schweizer Zügelfirmen vertritt, übt Kritik: «Es ist grundsätzlich problematisch, wenn sich die im Staatsbesitz befindliche Post immer weiter in kerngeschäftsfremde Bereiche ausdehnt.» Es müsse sichergestellt werden, dass firmenintern keine Quersubventionierungen fliessen würden. «Es wäre nicht zulässig, wenn die angeblich tiefen Marktpreise im Möbelsegment der Post mit quasi ‹staatlichen Beiträgen› zustande kämen.» Man werde diese Entwicklung sehr genau verfolgen.

Im Fall des Interio-Auftrags bleibt den elf Lieferanten eine kleine Hintertür offen. In den nächsten Wochen stehen Gespräche mit der Post an. Dort soll eruiert werden, ob eine Zusammenarbeit möglich ist. Die Lieferanten bangen um ihre Zukunft. «Aber optimistisch bin ich nicht», sagt ein Lieferant, der nicht genannt werden will. «Die Post will ja auch etwas verdienen, und wir können nicht noch tiefere Preise anbieten.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper