Swissness zieht nicht mehr, nicht in der europäischen Industrie. Das berichtet Oliver Müller, Direktor des KMU-Industrieverbands Swissmechanic. «Früher konnten wir so punkten. Seit dem Frankenschock ist Swissness ein Nachteil.» Viele europäische Kunden würden den Standort Schweiz für hoffnungslos überteuert halten und ihn von vorneherein meiden. Müller sagt: «Ich kenne Unternehmen, die darum dieses Jahr erstmals an Industrie-Messen nicht die Schweizer Fahne an ihrem Stand aufhängten.»

Das Verstecken der eigenen Fahne mag unpatriotisch scheinen. Doch die von der Frankenkrise gebeutelte Industrie kann sich kein Handicap im Wettlauf mit der Konkurrenz leisten. «Es kommt vor, dass unsere Betriebe von europäischen Kunden gar nicht erst angefragt werden», sagt Müller. Kämen sie doch ins Gespräch, müssten sie gegen das Teuer-Image kämpfen. «Gerade gegenüber deutschen Konkurrenten haben sie dadurch schon am Start einen Rückstand, den sie erst einmal aufholen müssen.»

12 000 Stellen verschwunden
Dieser Swissness-Malus ist bitter für die Industrie. Zumal sie dafür nichts kann. «Der Werkplatz Schweiz hat sonst nichts eingebüsst», sagt Müller. «Was Präzision, Zuverlässigkeit oder Innovation anbelangt, haben wir nach wie vor einen exzellenten Ruf.» Nur werde dies allzu oft vom Image der teuren Schweiz überdeckt. «Dabei können wir selbst dieses Argument meist wiederlegen, wenn wir konkret verhandeln können.»

Die Image-Probleme treffen die Schweizer Industrie zur Unzeit. Seit dem Frankenschock gingen ihr 12 000 Arbeitsplätze verloren, wie Swissmechanic diese Woche bekannt gab. Und gemäss Umfragen trifft es vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen. Diese KMU, gerne als Rückgrat der Industrie bezeichnet, beurteilen ihre Geschäftslage schlicht als «schlecht», wobei die Kleinen die Dinge nochmals schwärzer sehen als die Mittleren.

Im Gegensatz zu den KMU überwinden grosse Betriebe die Frankenkrise scheinbar leichtfüssig und sehen ihre Lage als «gut» an. Dieses Auseinanderdriften von Grossindustrie und KMU-Wirtschaft lässt sich zum Teil dadurch erklären, dass Grossunternehmen unter dem Druck der Frankenaufwertung langjährige Beziehungen zu Schweizer Zulieferern kappten.

Wo Gefühle noch wichtig sind
Swissmechanic-Direktor Müller sagt: «Die Grossbetriebe haben den Frankenschock teilweise verdaut: Sie kaufen heute deutlich mehr Vorleistungen im Ausland ein. Doch die KMU müssen nun im Ausland neue Kunden suchen.» Diese Suche nach neuen Märkten wird alles andere als ein gemütlicher Spaziergang. Immerhin lässt eine Umfrage der Universität St. Gallen hoffen, dass Swissness in Europa doch nicht allzu sehr beschädigt ist.

Stephan Feige, Studienleiter des Projektes «Swissness Worldwide» der Universität St. Gallen, sagt: «Unsere Sonderanalyse für Industriegüter zeigt, das europäische Kunden für Swissness immerhin 1 bis 2 Prozent mehr zahlen.» In einem extrem harten Wettbewerb sei dies bereits ein relevanter Aufschlag, den Schweizer Betriebe quasi gratis dazubekämen.

Nach wie vor in hellen Farben erstrahlt die Swissness zudem in Indien, China oder Brasilien. Die Swissness-Umfrage ergibt, dass Inder (plus 6 Prozent), Chinesen und Brasilianer (plus 10 Prozent) noch immer gern tiefer ins Portemonnaie greifen für ein Schweizer Kreuz. Für Feige zeigt dies, dass selbst in der haargenau kalkulierenden Industrie noch Emotionen hineinspielen. «Vor allem dort spielen sie eine Rolle, wo Vertrauen in Zuverlässigkeit und Qualität wichtig sind.»

Die Fahne aus der Kiste holen
Swissness hin oder her, finden Schweizer KMU in China, Indien oder Brasilien indessen genügend Hindernisse vor. Brasilien steckt in der tiefsten Rezession seit den Dreissigerjahren, in China kühlt sich das Wachstum rapide ab. Swissmechnic-Direktor Müller sagt: «Mittelfristig sind diese Märkte sicherlich interessant, doch derzeit machen diese Länder schwierige Zeiten durch.»

In Europa die Schweizer Fahne im Kasten lassen, um sie in Asien wieder hochzuziehen. So müsse es die Schweizer Industrie nach Ansicht von Müller halten. «In Deutschland muss ich nicht mit Swissness kommen, da muss mein Produkt überzeugen. In Indien oder China hingegen bekomme ich mit dem Schweizer Kreuz einen Vertrauensvorschuss.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper