Thomas Jordan ist seit April 2012 Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Auf dem Höhepunkt der Eurokrise hat er eine der grössten Herausforderungen im Land angenommen: die Bändigung des Frankens. Ein Jahr zuvor hatte Vorgänger Philipp Hildebrand den Euro-Mindestkurs von Fr. 1.20 eingeführt.

Jordan konnte ihn knapp drei Jahre verteidigen. Als absehbar wurde, dass die Europäische Zentralbank (EZB) im Frühjahr 2015 die Schleusen öffnen und die Märkte mit Euros fluten würde, zog Jordan die Notbremse, am 15. Januar 2015 war der Mindestkurs Geschichte.

Seither schwankt die Kritik an der SNB zwischen der Aufforderung, mehr gegen den Franken zu tun, und jener, die durch Devisenkäufe aufgeblähte Bilanz zurückzufahren. Jordan findet dennoch, das Verständnis der Schweizer für seine Arbeit sei gross.

Herr Jordan, wo steht die Weltwirtschaft fast zehn Jahre nach Ausbruch der globalen Finanzkrise?

Thomas Jordan: Die Weltwirtschaft läuft besser als in den letzten Jahren. Selbst der Internationale Währungsfonds IWF hat seine Prognose für die nächsten Jahre leicht angehoben.

Bisher mussten die Prognosen stets nach unten revidiert werden.

Richtig. Diesmal ist die Erholung aber recht breit abgestützt. In den USA herrscht praktisch Vollbeschäftigung, in Europa sehen wir eine Stärkung der Konjunktur, wenn auch nicht überall gleich. In Asien hat sich die positive Wirtschaftsentwicklung fortgesetzt.

Gute Neuigkeiten für die SNB, oder?

Grundsätzlich ja. Aber wir sehen eine deutliche Zunahme der politischen Risiken. Wichtige Wahlen in Frankreich und Deutschland stehen an, die politische Entwicklung in Italien ist unklar. In Grossbritannien herrscht Unsicherheit, wie der Brexit genau ausgestaltet werden soll. Und in den USA muss sich erst zeigen, welche Wirtschafts- und Handelspolitik die Regierung unter Präsident Donald Trump verfolgen wird. Solche Phasen erhöhter politischer Unsicherheit sind für uns heikel, da die Schweiz als sicherer Hafen betrachtet wird.

Hat sich die Lage nicht genug verbessert, um an ein Ende der Negativzinsen zu denken?

Noch nicht. Unsere Geldpolitik bleibt expansiv, weil die Inflation immer noch sehr tief ist, die Produktionskapazitäten nicht ausreichend ausgelastet sind und der Franken weiter deutlich überbewertet ist. Unsere Geldpolitik stützt sich auf zwei Säulen: den Negativzins und die Bereitschaft, am Devisenmarkt zu intervenieren. Es ist unverzichtbar, dass wir in der Schweiz tiefere Zinsen haben als im Euroraum, da sonst der Franken für Investoren noch attraktiver würde.

Der Franken ist so stark wie seit Monaten nicht mehr. Glauben Sie, dass diese Unsicherheit noch das ganze Jahr herrscht?

Einige Ungewissheiten dürften nach den Wahlen in Europa im Verlauf dieses Jahres wegfallen, andere dürften andauern; etwa in Bezug auf die konkreten Schritte und Umstände des Austritts von Grossbritannien aus der EU.

Donald Trump, Brexit, Abstimmungen: Derzeit scheint es, dass besonders viele Einflussfaktoren auch für die Nationalbank aus der Politik kommen. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit als Notenbanker aus?

Politische Entscheidungen beeinflussen den Verlauf der Weltwirtschaft und die Situation an den internationalen Finanzmärkten. Wir müssen das berücksichtigen, wenn wir unsere Geldpolitik festlegen. In der aktuellen Situation sind der Negativzins und die Interventionsbereitschaft die geeigneten Instrumente. Wir sehen derzeit keinen Grund zur Anpassung unserer Geldpolitik.

Die Situation in den USA ist ja schon interessant: Einerseits läuft es wirtschaftlich so gut, anderseits hat man aufgrund von Äusserungen des US-Präsidenten dennoch das Gefühl, die USA steckten in einer Krise.

Das reflektiert vor allem die innenpolitischen Auseinandersetzungen in den USA. Tatsache ist aber auch, dass wir im Grunde permanent mit Unsicherheiten rechnen müssen, die plötzlich irgendwo in der Welt auftreten können.

Wo sehen Sie den grösseren Risikoherd, in den USA oder in Europa?

Schwer zu sagen. Aber die Eurozone ist unser wichtigster Handelspartner und der Euro stellt die wichtigste Währung für den Aussenhandel der Schweiz dar. Die Entwicklungen in Europa bleiben deshalb besonders im Fokus der SNB.

Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank, erklärt der «Schweiz am Wochenende» seine Geldpolitik. Dahinter die Galerie seiner Vorgänger.

Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank, erklärt der «Schweiz am Wochenende» seine Geldpolitik. Dahinter die Galerie seiner Vorgänger.

Sie werden nicht müde zu behaupten, der Franken sei massiv überbewertet. Doch die Flucht in den Franken ist ja schon lange nicht mehr akut. Wieso sind Sie so sicher, dass er nicht einfach so bleibt?

Alle unsere Modelle zeigen, dass er deutlich überbewertet ist. Er hat sich insbesondere in zwei Schüben aufgewertet: Zu Beginn der Finanzkrise gab es eine Flucht in sichere Werte und dadurch eine isolierte Frankenaufwertung. Seit Mitte 2014 hat sich der Euro auf breiter Front abgewertet. Das hat ebenfalls zur Überbewertung unserer Währung beigetragen.

Was wäre ein fairer Wert des Frankens für die SNB? Für die Industrie gilt Fr. 1.10 pro Euro als inoffizielle Schmerzgrenze.

Wir geben keine Schätzungen zum fairen Wert des Frankens ab. Es wäre auch schwierig, das genau festzumachen. Viele Faktoren spielen eine Rolle.

Politisch ist alles möglich, das hat uns 2016 gelehrt: Sollte Marine Le Pen Präsidentin in Frankreich werden, was könnte die SNB noch tun, um den Franken zu schwächen? Die Bilanz noch weiter ausdehnen?

Wir haben bei unseren Instrumenten noch genug Spielraum, um auf weitere Schocks zu reagieren. Selbstverständlich nehmen wir immer eine Güterabwägung vor, ob der Einsatz unserer Mittel gerechtfertigt ist.

Der Schweiz wird vorgeworfen, ein Währungsmanipulator zu sein. Letztes Jahr landete sie auf einer entsprechenden Watchlist des US-Finanzministeriums.

Wenn wir intervenieren, tun wir das nicht, um der Schweiz Vorteile durch eine unterbewertete Währung zu verschaffen. Im Gegenteil, wir müssen intervenieren, um die Schweiz gegen die deutliche Überbewertung des Frankens und deren negative Folgen für die Inflation und die Konjunktur zu schützen. In unserem regelmässigen Austausch mit Behörden im Ausland und internationalen Organisationen wird dies auch anerkannt.

Die Europäische Zentralbank wird im April ihre Wertschriftenkäufe von monatlich 80 auf 60 Milliarden Euro senken. Auch hier gute Nachrichten für die SNB.

Für uns sind gute Nachrichten, wenn sich die Eurozone wirtschaftlich weiter erholt und sich die Inflation wieder Richtung Zielwert von knapp unter 2 Prozent bewegt. Dann bekommt auch die Europäische Zentralbank die Chance, ihre Geldpolitik zu normalisieren.

Wie läuft die Schweizer Wirtschaft?

Für 2017 erwarten wir rund 1,5 Prozent Wachstum. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass die Produktionskapazitäten in einigen Branchen noch nicht ausgelastet sind. Auch die Arbeitslosigkeit ist noch nicht so tief wie früher. Die Inflation ist zudem erst gerade knapp über null, das ist aber noch immer sehr tief.

Der starke Franken bleibt eine Herausforderung für die Wirtschaft.

Ja, besonders für exportorientierte Unternehmen und solche, die mit ausländischen Firmen im Wettbewerb stehen. Strukturelle Veränderungen in vielen Branchen überlagern zudem konjunkturelle Aspekte, etwa im Detailhandel, der durch die Digitalisierung unter Anpassungsdruck steht. Insgesamt, glaube ich, ist die Digitalisierung aber für die Schweiz eine grosse Chance.

Ist die Rückkehr zu hohen Wachstumsraten wie früher möglich?

Das hängt von vielem ab, darunter Demografie, Wettbewerbsfähigkeit und Offenheit der Märkte. Am wichtigsten ist für die Schweiz, die guten Rahmenbedingungen zu bewahren, damit die Wirtschaft im globalen Wettbewerb ihr Potenzial ausschöpfen kann.

Das Volk sieht das derzeit anders: Die Unternehmenssteuerreform III wurde abgeschmettert. Wie nahmen Sie die Abstimmung wahr?

Ich kommentiere keine Abstimmungen, die nicht direkt die SNB betreffen. Generell kann man sagen: Direkte Demokratie bringt Stabilität. Die Schweizer wissen grundsätzlich, wie wichtig gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft sind. Das ist ein grosser Vorteil. Werden gewisse Veränderungen notwendig, um den Wohlstand langfristig zu wahren, muss man die Bevölkerung davon überzeugen können. Das ist hier offenbar nicht gelungen.

Nationalbanken rufen zu Strukturreformen auf, auch in Europa. Stösst die Geldpolitik an Grenzen?

Geldpolitik kann in Krisensituationen stabilisierend eingreifen, sie kann aber nicht strukturelle Probleme wie Wettbewerbsschwäche oder einen unflexiblen Arbeitsmarkt ausgleichen. Sie vermag, Preisstabilität sicherzustellen – das ist ein entscheidender Beitrag für Wachstum – und kann in konjunkturellen Schwächephasen ausgleichend wirken. Strukturreformen kann nur die Wirtschaftspolitik einleiten, und dies hat dann einen wichtigen Einfluss auf das künftige Wachstumspotenzial.

Die Notenbanken haben die Zinsen in der Krise gesenkt, damit Unternehmen günstige Kredite erhalten und investieren. Hat die Ankurbelung der Investitionen funktioniert?

Die lockere Geldpolitik hat insgesamt gewirkt, aber weniger stark als erwartet und es hat länger gedauert als erwartet. Die Verzögerung bei nötigen Strukturreformen hat insbesondere den Kreditkanal der Geldpolitik weltweit beeinträchtigt. In den USA und inzwischen auch in Europa haben die Investitionen aber wieder angezogen.

Die Sparer zahlen die Zeche. Sie erhalten keinen Zins mehr oder werden für Erspartes gar bestraft.

Die Zentralbanken haben als Mandat die Erhaltung der Preisstabilität und müssen dabei die Konjunktur berücksichtigen. Daraus kann es sich ergeben, dass die Nominalzinsen länger tief bleiben. Aber eine isolierte Zinserhöhung der SNB träfe die Schweizer Sparer ebenfalls negativ: Der Franken würde stärker, die Wirtschaft sich abkühlen, die Arbeitslosigkeit steigen. Wegen der schlechteren Wirtschaftslage sänken die langfristigen Zinsen zudem wieder. Dank tiefer bis negativer Zinsen sind die letztlich entscheidenden Realzinsen – Zinsen abzüglich Teuerung – im historischen Vergleich gar nicht aussergewöhnlich tief. Wir hatten Phasen, in denen die Inflation wesentlich höher war als die Nominalzinsen und die Ersparnisse real spürbar an Kaufkraft verloren. Man darf auch nicht vergessen: Kleinanleger werden von den Banken gar nicht mit Negativzinsen belastet.

Finden Sie, die Sparer in der Schweiz sind undankbar? Da verdanken sie Ihnen vielleicht den Erhalt ihres Jobs und beklagen sich wegen tiefer Zinsen!

Insgesamt ist das Verständnis in der Schweiz für die Nationalbankpolitik gross. Die Menschen sehen die Komplexität der Situation, in der die SNB im Interesse des Landes handeln muss. Es ist nachvollziehbar, dass sich jemand aus individueller Sicht lieber höhere Zinsen wünscht oder einen schwächeren Franken. Wir aber müssen im Gesamtinteresse der Schweiz handeln.

Die Pensionskassen verdienen kaum mehr Geld. Der Marktzins, der dritte Beitragszahler neben Arbeitgeber und Arbeitnehmer, fehlt.

Das ist zweifelsohne eine Herausforderung. Aber diese wird nur bedingt von den Negativzinsen der SNB verursacht, sondern vom weltweiten Tiefzinsumfeld. Wenn der Unterschied zwischen den Auszahlungsversprechen der Kassen und dem am Markt erzielbaren Anlageertrag zu lange zu gross ist, müssen die Pensionskassen zwangsläufig Anpassungen vornehmen, sei es beim technischen Zinssatz, beim Umwandlungssatz oder bei den Beiträgen.

Die Wirtschaft beschäftigt nach wie vor die Aufhebung des Euro-Mindestkurses von Fr. 1.20 im Januar 2015. Deflationsrisiken waren Begründung für seine Einführung 2011 und dreieinhalb Jahre lang für seine «Unverzichtbarkeit.» Ausgerechnet bei seiner Aufhebung waren Deflationsrisiken kein Thema mehr. War das konsequent?

Die SNB hat den Mindestkurs aufgehoben, weil er nicht mehr nachhaltig war angesichts der immer weiteren Lockerung der Geldpolitik der Eurozone. Der Euro hatte in kürzester Zeit zu allen wichtigen Währungen massiv Wert verloren. Wir sind damals von einer Situation der Frankenstärke in eine allgemeine Euroschwäche übergegangen. Durch die Aufhebung des Mindestkurses und die daraus folgende Aufwertung wurde die Inflation in der Schweiz sofort negativ, aber nur für beschränkte Zeit. Diese Entwicklung war angesichts der Umstände unvermeidbar und war Teil des Anpassungsprozesses nach der Aufwertung.

Wichtig war nach der Finanzkrise auch die stärkere Regulierung der Banken. Nun möchten der neue US-Präsident und das republikanisch dominierte US-Parlament die Regulierung wieder lockern. Was tun Sie, wenn der Ruf nach einer Lockerung des Korsetts für die Banken auch hierzulande laut wird?

Ich glaube, dass wir uns in der Schweiz heute auf eine sehr vernünftige Regulierung stützen. Der Bundesrat hat vor kurzem die revidierte «Too big to Fail»-Regelung in Kraft gesetzt. Sie zwingt systemrelevante Banken, die zu gross sind, als dass man sie einfach so untergehen lassen könnte, Notfallpläne für den Krisenfall zu haben und mehr eigenes Kapital zu halten. Die Banken haben bis 2019 Zeit, dieses Kapital fertig aufzubauen. Aber sie haben ihre Kapitalbasis bereits gefestigt und stehen schon jetzt wesentlich robuster da.

Die Banken sagen, man sei in der Schweiz zu weit gegangen?

Man darf nicht vergessen, dass der Bankensektor, gemessen an der Schweizer Volkswirtschaft, im Vergleich zu anderen Ländern ein sehr grosses Gewicht hat. Eine Schieflage wäre daher besonders gefährlich. Wir haben in der Schweiz nur wenig Details geregelt, dafür sehr grossen Wert auf ausreichende Kapitalisierung gelegt. Ausserdem verlangen wir von den Banken, dass sie die für das Land vitalen Bereiche im Konkursfall weiter betreiben können.

Ist es heute ausgeschlossen, dass man eine systemrelevante Grossbank retten müsste, so wie etwa die UBS 2008, mit Kosten oder einem Risiko für den Steuerzahler?

Es ist schwierig, solche Fälle vollständig auszuschliessen. Aber das Risiko ist heute weitaus geringer als damals.

Die Bilanzen der Grossbanken sind gigantisch. Jene der SNB aber auch, sie ist fast so gross wie das Bruttoinlandprodukt der Schweiz.

Die Grösse unserer Bilanz ist eine direkte Konsequenz der Geldpolitik.

Beeinflusst die Sorge um Bilanzverluste Ihre Arbeit?

Wir haben ein klares Mandat – die Preisstabilität – und unsere Bilanz müssen wir je nach Situation einsetzen, um es zu erfüllen. Kritik darf uns nicht davon abhalten. Aber wir wissen auch, dass es mit einer grossen Bilanz Jahre mit grossen Verlusten oder mit grossen Gewinnen geben kann. Wichtig ist es, dies der Öffentlichkeit gut zu erklären.

Die SNB besitzt US-Aktien im Wert von über 62 Milliarden Dollar, allein an Apple hält sie über 1,5 Milliarden Dollar. Spekuliert die SNB mit Volksvermögen?

Nein, wir wollen unsere Devisenreserven so anlegen, dass ihr Wert über die Zeit möglichst erhalten bleibt. Primär achten wir darauf, dass die Anlagen liquid und sicher sind. Unter dieser Voraussetzung streben wir die grösstmögliche Rendite an. Investitionen in verschiedene Anlageinstrumente und verschiedenen Währungen machen auch unter dem Gesichtspunkt der Diversifikation und des Risikoausgleichs Sinn.

Obwohl Gewinne Folge und nicht Ziel der SNB-Politik sind, erachten die Kantone diese Gewinne als eigene Pfründe. Einige Kantone budgetieren sie als Gewinne. Ist das klug?

Das ist Sache der Kantone. Wir schütten Bund und Kantonen in der Regel eine Milliarde Franken aus, manchmal zwei und manchmal gar nichts. Die Ausschüttungen erfolgen gemäss den gesetzlichen Bestimmungen und einer Vereinbarung, die wir mit dem eidgenössischen Finanzdepartment haben.

Behindert das nicht die Geldpolitik?

Nein. Wichtig ist, dass es Bund und Kantonen bewusst ist, dass es auch Jahre ohne Ausschüttung geben kann.