Von Daniel Meierhans

Am Ende dieses Jahrhunderts werden mit grosser Wahrscheinlichkeit wieder gleich viele Menschen auf der Erde leben wie heute. Danach zeigen die Kurven steil nach unten. 2300 werden wir demnach zurück auf dem Stand von 1900 sein, selbst wenn die durchschnittliche Lebenserwartung auf dem ganzen Planeten auf 120 Jahre ansteigt. Vielleicht schrumpft die Weltbevölkerung aber auch wesentlich schneller, falls das ostasiatische Familienideal immer mehr Schule macht.

Die Langzeitmodelle (Google: Very long range global population scenarios to 2300) eines internationalen Demografenteams um den Direktor des renommierten Vienna Institute of Demography, Wolfgang Lutz, zeigen eindrücklich, wie schnell der Schrumpfungsprozess Tempo aufnimmt, wenn einmal – bereits in rund 40 Jahren – der Bevölkerungspeak überschritten sein wird.

Natürlich kann man einwenden, der Rückgang der Geburtenraten könnte auch stoppen. Bloss, dafür lassen sich keine Anhaltspunkte finden, wie Lutz betont. Im Gegenteil: Die Tatsache, dass in den aufstrebenden Ländern immer mehr Paare die Ein-Kind-Familie zum Vorbild erheben, lässt eher vermuten, dass auch bei uns die Kinderzahl früher oder später noch weiter sinken wird.

Wenn die Menschheit schon bald aufhört zu wachsen, ist das sicher gut für die Umwelt. Es besteht Hoffnung, dass am Ende des Jahrhunderts am Amazonas noch Regenwald steht. Weniger klar ist, was ein anhaltender Rückgang für unsere Wirtschaft bedeutet. Viele beschäftigen sich heute zwar mit den Auswirkungen der Alterung der Gesellschaft, die dem Schrumpfungsprozess vorangeht. Ob mit einer derart stark abnehmenden Bevölkerung überhaupt noch Wachstum möglich sein wird, oder ob wir unweigerlich in eine jahrzehntelange Deflation hineinrutschen, scheint demgegenüber bisher erst wenige zu interessieren.

Dabei sind die Bremsspuren bereits heute sichtbar, wie Nicolas Eberstadt vom wirtschaftsliberalen Think-Tank American Enterprise Institute 2010 im Politik-Fachmagazin «Foreign Affairs» darlegte. Die künftige Weltwirtschaft kann nicht mehr auf den demografischen Treibstoff zählen, der bisher das Wachstum angetrieben und geholfen hat, Rezessionen schnell zu überwinden, so Eberstadt. Entsprechend lange zieht sich die aktuelle Schwächephase denn auch bereits hin.

Angesichts der weitgehenden Wirkungslosigkeit aller geldpolitischen Massnahmen hat der ehemalige US-Finanzminister Lawrence Summers Anfang November an einem Vortrag auf der jährlichen Research-Konferenz des IWF gar das Schreckgespenst einer säkularen Stagnation an die Wand gemalt. Demnach stösst unser Wirtschaftssystem an seine prinzipielle Wachstumsgrenze, wenn die Sparquote trotz Zinsen nahe null die Investitionen immer mehr übersteigt. Die Prognosen der Demografen um Lutz liefern nicht nur eine tiefer liegende Erklärung für die in den letzten Wochen viel diskutierte These Summers. Sie zeigen auch, dass wir uns künftig auf noch wesentlich negativere Entwicklungen einstellen sollten.

Als einen der demografischen Hauptgründe für das schwindende Wachstum identifiziert der Asienspezialist Eberstadt die Abnahme der Anzahl der Jungen, die neu in den Arbeitsmarkt eintreten. Weil Berufseinsteiger in der Regel besser ausgebildet sind als ihre Väter, sind sie für den grössten Teil der Produktivitätssteigerungen einer Volkswirtschaft verantwortlich.

In China beispielsweise wird die Zahl der 15- bis 29-Jährigen in den nächsten zwei Jahrzehnten um rund 30 Prozent oder 100 Millionen abnehmen. Das Einsetzen dieses von nun an immer schneller ablaufenden Prozesses korreliert auffällig mit dem Rückgang der chinesischen Wachstumszahlen in den letzten Jahren.

Oder wie es das Wissenschaftsmagazin «New Scientist» im vergangenen Juli in einem Artikel zum grundlegenden Einfluss der Bevölkerungsentwicklung auf praktisch alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ereignisse vom Nationalsozialismus bis zum Arabischen Frühling formulierte: «Die Demografie legt nahe, dass sich der chinesische Wirtschaftsboom schon bald in eine Krise verwandelt.»

Dabei unterschätzen Betrachtungen von Einzelzusammenhängen wie der Anzahl der Berufseinsteiger die tatsächlichen Auswirkungen in der Regel sogar massiv, weil sie Rückkopplungen ausblenden. Zu diesen gehört etwa, dass bei einer schrumpfenden Bevölkerung nicht nur die Zahl der gut ausgebildeten Jungen stetig abnimmt. Auch deren individuelles Produktivitätspotenzial sinkt, weil parallel die Innovationsrate zurückgeht.

Dass Innovation Wachstum schafft, ist nämlich nur eine Seite einer Wechselwirkung. Das demografische Wachstum hat auf der anderen Seite in den vergangenen Jahrhunderten genauso das Innovationstempo angetrieben. Ohne Wachstumsaussichten investieren die Unternehmen ganz einfach massiv weniger in Neuentwicklungen.

Ähnlich wie die Risikomodelle der Finanzindustrie in der Krise spektakulär versagten, weil sie derartige Rückkopplungen in keiner Weise berücksichtigten, gibt es bisher auch keine ökonomischen Modelle, welche die Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung inklusive ihrer Netzwerkzusammenhänge beinhalten. Wir drohen genauso blauäugig in die demografische Falle zu tappen, wie noch 2007 Topratings an Anlagevehikel verliehen wurden, die sich wenige Monate später als billiger Ramsch entpuppten.

Wie viele Bereiche von einer schrumpfenden Bevölkerung betroffen wären, lässt sich am Beispiel Japan abschätzen. Das demografisch am weitesten entwickelte und bereits schrumpfende Land dümpelt seit Jahren vor sich hin. Eine schwindende Binnennachfrage, permanente Überkapazitäten, lahmende Investitionen und sinkende Löhne – kurz eine Deflation – sind die offensichtlichen Symptome. Ohne die Exporte nach China und in die anderen aufstrebenden Schwellenländer wäre die Situation noch viel deprimierender.

Der «FAZ»-Wirtschaftsredaktor Johannes Pennekamp hat in einem Arbeitspapier für das deutsche Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung einige weitere Auswirkungen der japanischen Bevölkerungsschrumpfung zusammengestellt. Dazu gehören eine wachsende Einkommens-Ungleichheit, Altersarmut in Teilen der Bevölkerung und zunehmende Einschnitte im Rentensystem – notabene alles Folgen, mit denen sich auch Europa seit einigen Jahren immer häufiger auseinandersetzen muss. Sein kurzer Einblick lasse befürchten, dass die demografische Entwicklung das auf Wachstum basierende Wirtschaftsmodell vor immense Probleme stellen werde, so Pennekamps Fazit.

Das einzige heute verfügbare Modell, das nicht nur Einzelfaktoren betrachtet, sondern die weltweiten Zusammenhänge zwischen Ressourcen, Produktivität, Demografie und Wachstum einkalkuliert, hat sich dummerweise einen schlechten Ruf eingehandelt. Weil das Zahlenmaterial 1972 unvollständig war, haben sich viele Vorhersagen der «Limits to Growth»-Studie des Club of Rome als falsch erwiesen.

Dabei würde es sich durchaus lohnen, den Kern von deren Szenariensimulationen genauer zu studieren. Dieser besagt, dass ein Wachstumssystem, das ungebremst an eine Ressourcengrenze stösst, durch Rückkopplungseffekte zwangsläufig in sich zusammenbricht.

Zu diesen begrenzenden Ressourcen zählen aber nicht nur Energieträger, Rohstoffe und die Umwelt, auf die sich die «Limits to Growth»-Autoren beschränkt haben. Die Anzahl Menschen, die etwas tun, stellt im wirtschaftlichen Kontext einen genau so grundlegenden Parameter dar. Wenn dessen Entwicklung in absehbarer Zukunft sein Vorzeichen ändert, muss das weitreichende Folgen haben.

Bemerkungen wie jene des Nestlé-Managers Laurent Freixe vor kurzem an einer Telefonkonferenz könnten schon bald alltäglich werden: «Wir haben in den letzten Monaten den Aufbau von deflationären Spannungen beobachtet.»

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