Bald verschwinden sie, einer nach dem anderen, die grossen Basler Konzerne im Schweizer Börsenindex SMI. Nach dem Agrochemie-Konzern Syngenta, der an die chinesische Chem China geht, trifft es nun auch die Allschwiler Actelion. Der US-Riese Johnson & Johnson (J&J) übernimmt die Schweizer Biotech-Firma der ersten Stunde.

Die Basler Börsenpräsenz schwindet. Anders sieht es mit der globalen Präsenz der dortigen Pharma- und Biotechbranche aus: Sie gewinnt an Strahlkraft. J&J will am Actelion-Standort und damit an der Forschung vor Ort festhalten. Neben den etablierten Medikamenten, die der Konzern von Actelion erwirbt, zeigt die Transaktion dieser Woche klar: Basel ist für J&J ein strategisches Ziel, um von der starken Forschungs-Community zu profitieren. Einem Kosmos, den es offensichtlich auch aus Sicht eines US-Riesen weder in den USA noch anderswo gibt.

Grosse Pläne in Basel
«Wir wollen weiterhin von dem profitieren, was Actelion grossgemacht hat», sagt J&J-Forschungschef Paul Stoffels zur «Schweiz am Sonntag». Das sei eine starke Marketing- und Verkaufsmannschaft sowie ein grossartiges Forschungs- und Entwicklungsteam. «Wir werden dieses Wissen nutzen, um neue Produkte hier in die klinische Entwicklung zu bringen.»

Damit kommt der erste ausländische Pharmamulti ans Rheinknie. Für Rainer Füeg, Verfasser der Regio-Wirtschaftsstudie Nordwestschweiz, ist der Anziehungspunkt klar: «Der Vorteil von Basel ist die Nähe zu den Forschungseinheiten grosser Konzerne und der Austausch mit ihnen.»

Nicht einmal in der Heimat der Biotechnologie, in Boston oder San Francisco, befinden sich zwei der weltweit grössten Pharmakonzerne auf so engem Raum wie Novartis und Roche in Basel. «Ein erfolgreiches Cluster lebt von der Konzentration solcher Firmen», sagt Martin Eichler, Chefökonom beim Wirtschaftsforschungsinstitut BAK Basel. Actelion sei in den letzten 20 Jahren zur wesentlichen Stütze im Gefüge geworden. Für den Standort sei es deshalb wichtig, dass das so bleibe.

Normalerweise läuft es umgekehrt: Die Fusion von Ciba und Sandoz zu Novartis markierte 1996 einen tiefgreifenden Strukturwandel. Fortan bauen Schweizer Pharmafirmen vorwiegend mit Zukäufen aus dem Ausland an der fokussierten Stärkung ihres Pharmageschäfts. Prominentestes Beispiel ist Roche, die 2009 den weltweiten Biotech-Pionier Genentech aus San Francisco für 47 Milliarden Dollar kaufte.

Mit der Spezialisierung steigt Big Pharma zu einer der wachstumsstärksten Branche der Schweiz auf. Die Produktivität entspricht dem Vierfachen des gesamtwirtschaftlichen Durchschnitts. Das verdeutlicht der Blick an die Börse. Die Marktkapitalisierung der Schweizer Grossbanken beträgt im Vergleich zu Novartis und Roche einen Bruchteil (siehe Grafik) Auch wenn der Finanzsektor die zweithöchste Produktivität in der Schweiz zeigt, ist diese nur halb so hoch wie bei Pharma.

Die Novartis-Fusion sei ein Meilenstein für die neue, spezialisierte Pharmaindustrie ohne Chemie gewesen, sagt Tobias Straumann, Professor für Wirtschaftsgeschichte der Uni Zürich. «Nun markiert die Übernahme von J&J eine neue Etappe für die Life-Sciences-Branche am Rhein. Es kommt zum ersten Mal ein grosser ausländischer Konkurrent direkt nach Basel.»

Die Geschichte Actelions gilt in Europa als unübertroffenes Erfolgsbeispiel, wie ein Life-Science-Cluster funktionieren kann. Mit einem Molekül in der Tasche verliess Kardiologe und Pharmakologe Clozel mit seiner Frau und ein paar Kollegen 1997 den Basler Pharmamulti Roche, um auf eigene Faust durchzustarten. Heute erzielt die Firma einen jährlichen Umsatz von über zwei Milliarden Franken.

Freiheit und Kollaboration
In der frühen Medikamentenforschung brauche es eine erhöhte Flexibilität, sagt Eichler. Diese suchen Forscher mit einer konkreten Idee in der Hand gerne ausserhalb grosser Konzerne. Jedoch wird der Bedarf an Geld, Personal und Vertriebskraft immer grösser, je weiter Projekte in der klinischen Forschung fortschreiten. «Dann ist die Nähe zu Big Pharma wie in Basel für Kollaborationen, Lizenzvergaben oder Verkäufe zentral», so Eichler.

Doch das hochkarätige Forschungsumfeld in Basel ist noch lange kein Garant für Erfolg. Es kann auch viel harziger gehen als bei Clozel. Davon kann Basilea ein Lied singen. Das Biotech-Unternehmen wurde 2000 als Spinout des Infektiologie- und Dermatologiebereichs von Roche gegründet. Trotz immer neuer Projekte schreibt Basilea bis dato unter dem Strich keinen Gewinn. Andere Biotechs wie der Antibiotikaforscher Polyphor, Nachbar von Actelion und ebenfalls ein Roche-Spinout, sind praktisch von der Bildfläche verschwunden.

Der 68-jährige Vollblutwissenschafter Clozel will im Sommer mit seiner neuen Firma an der Börse notieren und richtig loslegen. «Es ist wichtig, dass der Standort Basel ein zusätzliches Forschungsprojekt erhält» sagt Ökonom Füeg, damit die bislang grösste Forschungs-Community der Schweiz weiter wachse. Ob Clozel Basel nochmals einen Coup bescheren kann, muss er in den kommenden Jahren zeigen. Trotz langjähriger Erfahrung ist im Biotech-Sektor alles andere als gewiss, ob allein eines der aktuell 14 Projekte von Clozel zum Erfolg wird.

Clozels Coup
Erfolgsmann der Stunde ist Clozel aber allemal. Sein Deal mit J&J hat institutionelle Investoren, Anleger und Branchenkenner gleichermassen verblüfft. Anders als in den vergangenen Monaten gerüchteweise berichtet, löst der Firmenlenker mit 30 Milliarden Dollar mehr als angenommen: volle 280 Dollar pro Aktie. Und das noch mit dem Zugeständnis von J&J, ihm die frühen Forschungsprojekte und das dazu nötige Forschungspersonal zu überlassen.

J&J hegt mit den bestehenden PAH-Medikamenten ambitionierte Expansionspläne: «Wir rechnen damit, die Arzneien künftig vermehrt als Kombinationstherapien mit einer besserten Verträglichkeit sowie für neuen Patientengruppen, die an einer Unterform der Krankheit leiden, anbieten zu können», sagt Forschungschef Paul Stoffels. Neue Studiendaten sollen das bald belegen.

Trotzdem: In Allschwil soll praktisch alles bleiben, wie es ist, sagt Noch-Chef und Actelion-Gründer Jean-Paul Clozel. Bis auf einen kleinen Zusatz am Logo soll der Actelion-Schriftzug weiterhin im gewohnten Rot leuchten. Hinter den Toren erhält J&J die etablierten Medikamente gegen Bluthochdruck in der Lungenarterie (PAH), die dazugehörende Marketing- und Vertriebsmannschaft sowie zwei Forschungsprojekte in der Endphase der Forschung. Von den aktuell 2500 Mitarbeitern arbeiten künftig etwa 1900 für J&J. Von den 1100 Stellen in Basel, die zum Grossteil in der Forschung angesiedelt sind, geht die Hälfte an J&J. Clozel zieht mit dem übrigen Team in eines der alten Gebäude auf dem Areal, um mit seiner neuen Firma bestehende Projekte der frühen Forschung voranzutreiben.

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