Die Versicherer reagieren schnell, wenn die Zinsen fallen. Alle haben sie darauf hingewiesen, dass der Mindestzins von 1,75 Prozent für Pensionskassengelder zu hoch sei. Mit Ausnahme der Allianz hat denn auch kein Versicherer im vergangenen Jahr mehr als das Minimum gezahlt. Ganz im Gegensatz zu betrieblichen Pensionskassen, die für 2014 teilweise Zinsen von bis zu 4 Prozent ausbezahlten.

Doch wer die Berichte der Lebensversicherer liest, staunt. Auch sie haben an der Börse hohe Renditen erzielt. Bei der Helvetia betrug die Marktrendite im vergangenen Jahr 8,8 Prozent, bei der Swiss Life sogar 11,4 Prozent. Aktien und Obligationen gewannen stark an Wert. Denn wenn die Zinsen fallen, kann man für solche Papiere mehr verlangen.

Doch die Versicherer halten diese Gewinne zurück. Sie nützen aus, dass sie nach Gesetz Kurssteigerungen teilweise nur dann verbuchen müssen, wenn diese mit einem Verkauf «realisiert» werden. Und weil man das steuern kann, lassen sich auch die Zinszahlungen beeinflussen, die an die Versicherten ausgeschüttet werden müssen.

Am grössten war die Differenz bei Marktführerin Swiss Life. Von den 11,4 Prozent hat sie 3,5 Prozent verbucht und somit fast 8 Prozent nicht realisiert. Helvetia lag mit 6 Prozent Differenz dahinter auf Rang 2. Am kleinsten war die Differenz 2014 bei der Axa, die aber auch eine eher tiefe Marktrendite erzielt hat.

Nun war 2014 sicher ein spezielles Jahr mit hohen Kursgewinnen. Doch die Analyse der letzten Jahre zeigt meist ein ähnliches Bild. Trotz stark fallenden Börsenkursen im Jahr 2008 lagen die Marktrenditen seit 2005 bei allen Versicherern deutlich über den Buchrenditen. Und gleichzeitig deutlich über dem BVG-Zins, mit dem die Sparguthaben der Versicherten verzinst wurden.

Und so haben sich Milliarden aufgehäuft, die nicht ausgeschüttet wurden. In der Bilanz der Swiss Life stehen sogenannte Bewertungsreserven von 8,6 Milliarden Franken, bei der Axa sind es 5 Milliarden. Gemeinsam haben die Versicherer 18 Milliarden Franken nicht verteilte Bewertungsreserven in den Bilanzen. Pro Versicherten macht das schnell einen fünfstelligen Betrag aus. Die Vorsorgevermögen wären zwischen 10 und 15 Prozent höher, würden die Kursgewinne realisiert.

Thomas Gerber, Leiter des Lebensversicherungsgeschäfts von Axa, bestätigt, dass man «eher vorsichtig» sei beim Realisieren von Kursgewinnen. Vielleicht habe man als Axa-Kunde deswegen in der Vergangenheit etwas weniger Zins erhalten, sagt er. «Dafür haben Sie aber die Aussicht darauf, dass auch in Zukunft noch Geld für die Verzinsung vorhanden ist.» Die Swiss Life argumentiert, eine Marktbetrachtung sei insbesondere bei Obligationen trügerisch, da dort Buchgewinne über die Zeit wieder verschwinden, wenn man eine Obligation bis zur Rückzahlung hält. Allerdings gilt das nur für Obligationen, die zu einem Kurs von über 100 Prozent gekauft wurden. Auch werden längst nicht alle Papiere bis zur Endfälligkeit gehalten.

die Versicherten werden so an ihren Anbieter gebunden. Denn wer pensioniert wird oder wegen eines Jobwechsels in eine andere Pensionskasse geht, verliert seinen Anteil an diesen Gewinnen. Das bestätigt auch Axa-Manager Gerber. «Wir sind eher die Versicherung für einen Kunden, der noch zwanzig Jahre bei uns sein will und nicht für einen, der in zwei Jahren wieder wechselt.»

Weil eine höhere Buchrendite automatisch dazu führt, dass mehr Gewinn an die Versicherten ausgeschüttet wird, richten die Versicherer ihre Anlagepolitik darauf aus. «Man schaut schon genau hin, welche Gewinne man Ende Jahr noch realisiert und welche nicht», sagt der Finanzchef eines Versicherers.

Für die Versicherungsgesellschaften hat diese Glättung der Erträge noch einen weiteren Vorteil. Sie können die Gewinne in Jahre verschieben, in denen sie wegen zu tiefer Anlagerenditen einen Teil der Verzinsung vielleicht aus der eigenen Kasse bezahlen müssten. So erhöhen sie ihre eigenen Erträge.

Der Vergleich zeigt auch: Zwischen den Versicherern gibt es Unterschiede bezüglich des ausbezahlten Zinses im Obligatorium. Bei der Allianz waren dies in den letzten zehn Jahren 2,43 Prozent, bei der Axa hingegen nur 2,04 Prozent. Dass gerade die Gesellschaft am besten abschneidet, die während der ganzen zehn Jahre immer nur das gesetzliche Minimum von 90 Prozent der Erträge an ihre Versicherten weitergab, zeigt, wie relativ gewisse Kennzahlen sind, über die in der Politik verhandelt wird. Oder wie beeinflussbar.

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