Peter Spuhler ist in die Wildnis verschwunden. In den Wäldern Kanadas gönnt sich der Unternehmer einige Tage Ferien, nachdem ihm ein riesiger Coup gelungen ist. Am Montag unterzeichnete der Inhaber des Thurgauer Bahnbauers Stadler Rail einen Vertrag über 500 Millionen Dollar mit dem US-Bahnbetreiber Caltrain. In wenigen Jahren werden 16 Doppelstock-Züge der Marke Stadler zwischen San Francisco und San Jose verkehren – mitten durch das Silicon Valley, wo Internetgiganten von Facebook über Google bis zu Uber zu Hause sind. Ihre Ingenieure und Entwickler werden in Zukunft in Schweizer Zügen pendeln.

Heute ist der öffentliche Verkehr in der Gegend nach Schweizer Verhältnissen eher bescheiden ausgebaut. Die chronisch unterfinanzierte Caltrain fährt auf der Strecke ins Silicon Valley mit altertümlich anmutenden, schwerfälligen und langsamen Dieselzügen – von Niederflur-Einstiegen oder einem Kundeninformations-System keine Spur. Kein Wunder, pendeln die Technik-Leute lieber mit den firmeneigenen Bussen oder mit dem Auto auf den riesigen, aber überfüllten Autobahnen.

Nun wird der Zugverkehr modernisiert. Die Strecke wird elektrisiert, und mit den schnelleren neuen Zügen soll in Zukunft ein Viertelstundentakt ermöglicht werden. Dass die Wahl auf Spuhlers Züge gefallen ist, ist ein Höhepunkt der Firmengeschichte. Seit 15 Jahren ist Stadler in den USA tätig. Doch einen so grossen Auftrag gab es noch nie.

Es warten Riesenaufträge
1989 übernahm Peter Spuhler die Firma mit Hauptsitz in Bussnang. Damals arbeiteten 18 Mitarbeiter für das Unternehmen. Heute sind es 7000, davon 3000 in der Schweiz. In den USA kommen nun neue Mitarbeiter dazu. Denn mit dem Caltrain-Auftrag muss Stadler zum zweiten Mal den «Buy America Act» erfüllen, der vorsieht, dass ein Grossteil der Wertschöpfung im Land geschieht. Deshalb hat sich Stadler Rail in Salt Lake City in einer Halle eingemietet. Man suche weiter nach Kapazitäten, sagte Spuhler am Montag an der Vertragsunterzeichnung. Wird eine weitere Option eingelöst, könnte seine Firma 96 weitere Wagen für knapp 400 Millionen Dollar liefern. Und Stadler schielt auf einen weiteren Riesenauftrag aus Kalifornien. Für 65 Milliarden US-Dollar baut der Bundesstaat derzeit eine neue Schnellstrecke zwischen Anaheim, Los Angeles und San Francisco. Schon ab 2025 werden für den ersten Teilabschnitt Züge benötigt. Stadler will sich darum bewerben.

Damit verlässt Stadler das bisher bekannte Terrain. Konzentrierte sich die Firma bisher auf S-Bahnen, Regionalzüge, Trams und seit 2012 auch verstärkt auf U-Bahnen, ist derzeit der erste Hochgeschwindigkeits-Zug im Bau. Für fast eine Milliarde Franken bestellten die SBB vor zwei Jahren 29 Züge des neuen «EC 250». Sie sollen ab 2019 vorrangig am Gotthard, aber auch nach Italien und Deutschland unterwegs sein. Wie sich Stadler im neuen Metier schlägt, wird genau beobachtet. Der SBB-Auftrag könnte die Tür ins Hochgeschwindigkeits-Land öffnen. Die Thurgauer sind auf Kurs: Alles sieht nach planmässiger Ablieferung aus – keine Selbstverständlichkeit in diesem Geschäft. An der weltgrössten Eisenbahnmesse Innotrans in Berlin wird Stadler im September bereits einen ersten verkürzten Zug präsentieren.

Ein Drittel geht in die Schweiz
Auch eine weitere Lücke im Angebot hat Stadler geschlossen. Produzierte das Unternehmen bisher keine Lokomotiven, hat sich das mit der Übernahme der spanischen Rail Vehicles von Vossloh Ende letztes Jahr geändert. Das Sortiment wird immer breiter – genau so wie die Einsatzländer.

Nichtsdestotrotz ist Westeuropa nach wie vor die wichtigste Verkaufsregion für Stadler. Knapp 70 Prozent der Fahrzeuge, bei denen Stadler Rail Auftragnehmer war, gingen in der Vergangenheit in die Schweiz, nach Deutschland oder in die Niederlande. Über ein Drittel der verkauften Fahrzeuge blieb im Land. Die Schweiz ist vor allem am Anfang wichtig. Die beiden Blockbuster im Sortiment von Stadler – der einstöckige «Flirt» und der doppelstöckige «Kiss» – wurden beide erstmals von den SBB bestellt. Von Letzteren orderten sie erst 29 und vor zwei Jahren 19 weitere Exemplare für die S-Bahn Zürich – einer der grössten Aufträge in der Geschichte von Stadler. Die SBB sind überzeugt vom Zug: Weitere 24 «Kiss»-Züge kauften sie in der Zwischenzeit für Regio-Express-Züge. Auch Caltrain orderte nun «Kiss»-Züge. Mit dem Auftrag aus Kalifornien werden bald 260 Exemplare der Doppelstock-Züge verkehren. Noch erfolgreicher ist der «Flirt». Seit 2004 hat Stadler über 1000 Stück des laufend weiterentwickelten Zugs verkauft. Sein Ersteinsatz fand auf der S-Bahn Zug statt.

100 Millionen Franken fehlen
In der Schweiz muss funktionieren, was rollen soll in der ganzen Welt. Und das tut es: Als vor einigen Monaten der 50. «Kiss»-Zug den SBB übergeben wurde, kam schon fast Trauer auf. Einige Leute seien froh, dass die Ablieferung der 50 Züge schon erreicht worden sei, sagte die Regionalverkehrs-Leiterin der SBB. Bei anderen käme eben auch ein bisschen Wehmut auf.

Es bleibt aber eine Herausforderung, insbesondere das heimische Werk in Bussnang genügend auszulasten. Darauf wies Spuhler an der Medienkonferenz zum Jahresergebnis vor zwei Monaten hin. Für 2,1 Milliarden Franken gingen letztes Jahr neue Bestellungen ein – weniger als in den beiden Vorjahren. Und wegen des Frankenschocks verlor das Unternehmen nach eigenen Angaben 100 Millionen Franken – Geld, das für Innovationen, aber auch als Polster fehle. Trotzdem wurden in der Schweiz noch nie Mitarbeiter entlassen, wie Peter Spuhler der «Schweiz am Sonntag» kürzlich sagte. Das werde wohl auch so bleiben. Und schon bald dürfte Stadler den Gewinn des nächsten Grossauftrags kommunizieren. Die Weichen in Bussnang wurden offenbar richtig gestellt.

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