So hatte sich René Ilg das Ende seiner Karriere nicht vorgestellt. Der 62-Jährige aus Zufikon AG ist arbeitslos. Während 25 Jahren transportierte er zuvor Möbel, vor allem für die Migros-Tochter Interio. Doch 2014 schrieb Interio den Auftrag neu aus. Der Händler wollte einen günstigeren Anbieter als die bisherigen elf Transportpartner. Fündig wurde er bei der Schweizerischen Post, die in den zwei Jahren zuvor in Dintikon AG einen Möbeltransportdienst auf die Beine gestellt hatte, als Teil der Geschäftssparte Post Logistics. Er übernahm den schweizweiten Service für Interio.

Den elf bisherigen Interio-Partnern wurde von der Post eine Kooperation angeboten. «Aber bei den geforderten Konditionen konnte ich nicht mithalten», sagt René Ilg. Der 50-jährige Balz Döbeli ist ebenfalls ein Opfer der Expansion des gelben Riesen. «Wir arbeiten noch diesen Monat für die Post, aber Ende Jahr geben wir das Geschäft nach 18 Jahren auf.» Nach dem Verlust des Interio-Auftrags habe man ein halbes Jahr mit der Post zusammengearbeitet. «Aber die Konditionen sind so hart, dass wir nicht rentabel wirtschaften können.» So sei es nun mal. «Jeder sucht den billigsten Anbieter.» Zu den besten Zeiten hatte die Firma Döbeli Transport sechs Fahrzeuge und 14 Mitarbeitende. Anfang Jahr waren es nur noch 7. Der Einkaufstourismus im Möbelbereich machte Interio zu schaffen, was die Partner zu spüren bekamen. Auch der Tessiner Marco Bennardo ist traurig. «Interio war wie eine Familie.» Sein Transportunternehmen ist von fünf auf drei Angestellte geschrumpft.

Die «Schweiz am Sonntag» hat mit weiteren der elf ehemaligen Interio-Partnerfirmen gesprochen, von denen manche ganz aufgeben mussten. Viele möchten nicht zitiert werden. Doch überall klingt es ähnlich. Der Frust ist gross. Und hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, dass es beim Dienst der Post, der von Drittfirmen ausgeführt wird, Qualitätsprobleme gäbe. Oft würden die Transporteure keine Landessprache sprechen.

Bruno Schmucki, Sprecher der Gewerkschaft Syndicom, kennt das Problem, dass die Post Aufträge an Subunternehmen auslagert. Die Post hat zwar mit Syndicom einen GAV ausgehandelt. Aber: «Sie ist nicht in der Lage, die Arbeitsbedingungen dieser Subunternehmer zu kontrollieren und Standards zu garantieren.» Anfang September hatte die Post bereits bekannt gegeben, dass sie ab Ende 2016 keine eigene Lastwagen-Flotte mehr betreiben will. 187 Stellen fallen damit weg, die Arbeit wird von externen Firmen übernommen.

Kritik kommt auch von Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler. «Die Post hat in den vergangenen Jahren ihre Tätigkeitsgebiete laufend ausgedehnt.» Dabei habe sie sich als Staatsbetrieb immer mehr vom Kernauftrag entfernt, und sie konkurrenziere vermehrt gewerbliche Klein- und Mittelbetriebe.

Post-Sprecher Oliver Flüeler bestätigt, dass man mit externen Transportpartnern zusammenarbeite, die Entschädigungen seien branchenüblich. Man könne den Partnern keine Vorschriften machen, welches Personal diese rekrutieren, man verlange aber, dass die Mitarbeitenden in der Landessprache kommunizieren können. Fragen zur Umsatzgrösse beantwortet die Post nicht. Nur: Das Geschäft wachse. Der Transport- und Aufstellservice entspreche einem Bedürfnis von Geschäftskunden und damit dem vom Bundesrat formulierten Ziel, wonach die Post rentabel wachsen soll. Dies erhöhe die Wettbewerbsfähigkeit und sichere langfristig Arbeitsplätze.

René Ilg aus Zufikon AG ist derweil auf Stellensuche. Sein Sohn, dem er sein Transportgeschäft hatte überlassen wollen, hat eine Stelle als Abwart gefunden. Noch vor kurzem zählte seine Firma drei Autos, vier Mitarbeitende und machte einen Umsatz von 350 000 Franken. Ab und zu könne er heute Bluttransporte übernehmen. «Aber das reicht zum Leben nicht aus. Nun muss ich mir mit 62 Jahren eine neue Büez suchen.»

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