Laut Investorenkreisen handelt es sich beim Interessenten nicht um einen Finanzinvestor, der das Unternehmen zerstückelt, sondern um eine international aufstrebende Modekette aus dem Süden Europas. Mit einer Übernahme von Vögele käme der Käufer in den Besitz von 800 Standorten in der Schweiz und im Norden Europas. Neben dem Heimmarkt gibt es Vögele-Läden auch in Österreich, Deutschland, Holland, Belgien, Slowenien, Polen, Ungarn und Tschechien.

Als Käufer kommt unter anderen die Inditex-Gruppe aus Spanien infrage, welche die Modelabels Zara, Massimo Dutti, Pull & Bear, Oysho, Uterqüe, Stradivarius und Bershka kontrolliert. Inditex wächst rasant: Im ersten Halbjahr steigerte die Gruppe den Umsatz um 17 Prozent auf 7,2 Milliarden Euro, der Gewinn nahm um 32 Prozent auf 944 Millionen Euro zu. Über 9000 Mitarbeiter wurden eingestellt, 166 neue Geschäfte eröffnet. Insgesamt betreibt die Gruppe 5700 Shops in 85 Ländern. Laut Experten könnte Inditex ein Interesse haben, die in der Schweiz kaum vertretene Marke Bershka (Läden in Lausanne und Genf) aufzubauen.

Den bisherigen Aktionären wäre eine Übernahme wohl recht, da sie viel Geld verloren haben. Die wichtigsten sind Tito Tettamanti, Bestinver und Blackrock, der US-Vermögensverwaltungsgigant, bei dem Ex-SNB-Präsident Philipp Hildebrand als Vizepräsident angeheuert hat. Sowie die Migros, die 25 Prozent an der Firma hält und kein Interesse bekundet, Vögele ganz zu übernehmen. Laut der «Bilanz» verbuchten die Genossenschafter auf ihrer Beteiligung einen Buchverlust in der Region von 30 bis 80 Millionen Franken.

Aktuell ist die Firma noch mit 130 Millionen Franken an der Börse bewertet. Ein Käufer kommt damit mit einem relativ geringen Mitteleinsatz in den Besitz von Top-Lokalitäten. Angesichts der teilweise horrenden Schlüsselgelder erscheint Vögele als Schnäppchen. Das Immobilienportfolio hat einen Wert von 130 Millionen Franken. Allerdings ist unklar, wie stark die Liegenschaften belehnt sind. Eine Vögele-Sprecherin sagt: «Wir wissen von nichts, uns liegt kein Angebot vor.»

Der abrupte Abgang von CEO Frank Beeck von letzter Woche wird als Zeichen gewertet, dass sich der Verwaltungsrat unter der Leitung von Hans Ziegler offenbar durchgerungen hat, den Verkauf von Charles Vögele vorzubereiten. «Vögele macht damit den Weg frei für eine freundliche Übernahme», sagt ein Insider.

Verschwindet Charles Vögele, geht damit ein Stück Schweizer Bekleidungsgeschichte zu Ende. Gegründet im Jahr 1955, verkaufte Vögele zunächst Spezialkleider für Rollerfahrer. Während Jahrzehnten galt die Kette mit Hauptgeschäft in der Zürcher Innenstadt als «Hosenkönig» der Schweiz, weil in den Filialen die Auswahl an Hosen besonders gross war. Den Schritt ins Ausland wagte Vögele Ende der 1970er-Jahre mit ersten Läden in Deutschland.

Probleme entstanden mit dem Börsengang 1999. Nach dem Crash im Jahr 2003 übten Investoren, die viel Geld verloren hatten, Druck auf die Firma aus. 2008 gaben die damaligen Verwaltungsräte nach und holten mit Hans Ziegler einen knallharten Sanierer an Bord.

Doch dem Unternehmen geht es seit dem Engagement von Ziegler Jahr für Jahr schlechter. In seiner Ära schrumpfte der Bruttoumsatz im ersten Halbjahr von 792 Millionen Franken auf zuletzt 578 Millionen; der Betriebsgewinn verwandelte sich von 46 Millionen in einen Verlust von 22 Millionen Franken. Die Zahl der Mitarbeiter schrumpfte von 7715 auf 6883.

Den vielleicht grössten Fehler, der dem Verwaltungsrat um Hans Ziegler angelastet werden kann, ist die 2010 gestartete Offensive in die Welt des Glamours. Der Textilhändler, der als Anbieter unaufgeregter Mode gute Geschäfte machte, startete mit den «Vögele Fashion Days» plötzlich eigene Modeschauen und engagierte Penelope Cruz als Werbeaushängeschild. Die Stammkundinnen wurden vergrault. Im Verwaltungsrat wird diese verlustreiche Übung inzwischen als «exotischer Exkurs» bezeichnet.

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