Der Fall lässt aufhorchen: Am 12. März schilderte Novartis-Präsident Daniel Vasella vor rund sechzig Parlamentariern im Berner Nobelhotel Bellevue, wie sein Unternehmen daran scheiterte, einen türkischen Mitarbeiter in die Zentrale nach Basel zu holen. Der Akademiker hätte dort ein zehnköpfiges Controlling-Team leiten sollen. Doch das Bundesamt für Migration lehnte die Arbeitsbewilligung und zwei Wiedererwägungsgesuche im Oktober 2011 ab – mit der Begründung, Novartis könne die Stelle ebenso gut einem Schweizer oder einem EU-Bürger anbieten. Der betroffene Mitarbeiter musste die Schweiz innert Wochenfrist wieder verlassen.

Das liess sich Novartis, die den Mitarbeiter unbedingt fördern wollte, nicht bieten. Kurzerhand verlegte der Konzern das ganze Team von Basel nach Boston in den USA, wo der Mann jetzt wie gewünscht als Abteilungschef arbeitet. Pikant: Wochen nach dem Ausschaffungsentscheid und nachdem der Betroffene bereits nach Boston in die USA umgezogen war, habe das Bundesamt dann doch noch eine Aufenthaltsverlängerung von vier Monaten gewährt, sagt Novartis-Sprecher Satoshi Sugimoto.

Vasella geisselte am Parlamentarieranlass die restriktive Vergabe von Arbeitsbewilligungen für nichteuropäische Spezialisten durch die Schweiz scharf, wie sich mehrere Nationalräte erinnern. Novartis sei auf einen freien Fluss von Talenten und Spezialisten angewiesen. Doch der Bund setze die Bestimmungen unflexibel und bürokratisch um. Er schade damit der Wirtschaft und fördere die Abwanderung von Arbeitsplätzen, warnte Vasella.

Im konkreten Fall stellt sich Novartis auf den Standpunkt, ein global tätiges Unternehmen müsse in allen Weltgegenden über kompetente lokale Führungskräfte verfügen. Dazu gehöre zwecks Weiterbildung auch eine längere Rotation in der Konzernzentrale in Basel. «Der geschilderte Vorgang ist für Novartis daher so nicht haltbar und für die Schweiz von Nachteil», sagt Sprecher Satoshi Sugimoto.

Von den Parlamentariern verlangte Vasella, die bestehende Kontingentierung für Nicht-EU-/Efta-Bürger zu überdenken. Heute dürfen die Schweizer Unternehmen pro Jahr höchstens 8500 Spezialisten aus den sogenannten Drittstaaten rekrutieren. Den Hauptharst stellten letztes Jahr die Inder und US-Amerikaner. Das Kontingent für Langzeitaufenthalter wurde in den letzten zwei Jahren voll ausgeschöpft.

Damit sei es schwierig, bestqualifizierte Mitarbeitende zu rekrutieren, sagt Novartis-Sprecher Sugimoto. «Zudem entspricht die Bevorzugung von Schweizern und EU-Bürgern weder der Ausbildungsqualität noch der geografischen Talentverteilung. Dadurch wird ein globales Unternehmen in seinen Tätigkeiten in der Schweiz behindert und kann sich so in unserem Land leider nicht weiterentwickeln.»

CVP-Präsident Christophe Darbellay, der am Anlass dabei war, pflichtet bei: «Im Fall Novartis habe ich für sture Behörden absolut kein Verständnis. Es sollte doch möglich sein, Topleute aus dem Ausland, die für den Erfolg des Wirtschaftsstandorts Schweiz unabdingbar sind, kommen zu lassen.»

Mit seiner Kritik ist Vasella nicht allein. Es sei in letzter Zeit schwieriger geworden, Nicht-EU-Bürger in die Schweiz zu holen, klagen der Industriekonzern Sulzer und der Liftbauer Schindler. Der Zementhersteller Holcim hat gar einen ähnlichen Fall erlebt wie Novartis.

«Ich höre im Moment viele Klagen, dass der Prozess schwieriger geworden ist», sagt Martin Naville, Direktor der Handelskammer Schweiz–USA. Zum Teil vergingen bis zu sechs Monate, bis die Migrationsbehörde einem Nicht-EU-Bürger eine Arbeitsbewilligung erteile.

Probleme hätten nicht nur Schweizer Konzerne, sondern auch ausländische Firmen mit einem Europasitz in der Schweiz, sagt Christian Stiefel, Direktor der Konzerne-Vereinigung Swissholdings. So habe der brasilianische Bergbaukonzern Vale, der im Waadtland seinen europäischen Sitz unterhält, Schwierigkeiten gehabt, brasilianische Mitarbeiter in die Schweiz zu holen.

Die restriktive Politik des Bundes habe die Schweiz bereits etliche Arbeitsplätze gekostet, sagt Ruth Derrer, Geschäftsleitungsmitglied des Schweizerischen Arbeitgeberverbands. «Es gibt immer wieder Fälle, wo Unternehmen schon zum Voraus Projekte im Ausland statt in der Schweiz ansiedeln, weil sie befürchten, dass die Schweizer Migrationsbehörde die ausländischen Projektmitarbeiter ablehnt.» Betroffen seien vor allem Informatikprojekte der Banken und Versicherungen im Raum Zürich.

Sulzer droht nun gar mit der Verlagerung ganzer Teams ins Ausland, so wie es Novartis vorgemacht hat. «Auch uns könnte es zukünftig passieren, dass wir zu einer solchen Massnahme greifen müssten, wenn wir über Monate hinweg zentrale Funktionen nicht besetzen können», sagt Sprecherin Verena Gölkel. Für ein internationales Unternehmen wie Sulzer sei es wichtig, dass es Mitarbeiter für eine gewisse Zeit an den Hauptsitz holen könne, um sie zu fördern. Die Hürden bei Rekrutierungen ausserhalb Europas seien aber zu hoch. «Aus unserer Sicht sollte hier von der Politik eine vernünftige Lösung gefunden werden und die administrativen Hürden gesenkt werden.»

Wie eine solche Lösung aussehen könnte, skizziert Daniel Müller, Zuwanderungsspezialist bei der wirtschaftsnahen Denkfabrik Avenir Suisse. «Die Migrationsbehörde muss firmeninterne Transfers anders behandeln als Neurekrutierungen. Da gibt es Qualifikationen, die nicht austauschbar sind und die weniger formalistisch beurteilt werden sollten. Es muss auf jeden Fall gewährleistet sein, dass firmenintern jederzeit Personal wechseln kann, zum Beispiel von einer Tochtergesellschaft in die Zentrale.»

Unter Parlamentariern hat Daniel Vasellas scharfe Kritik für Aufsehen gesorgt. «Wir haben Verständnis für das Anliegen von Novartis», sagt SP-Fraktionschef Andy Tschümperlin. «Das Beispiel von Novartis zeigt, dass die Wirtschaft nicht nur europäisch, sondern übereuropäisch ist.» Das Zwei-Kreise-Modell der Schweiz (Personenfreizügigkeit mit der EU, Kontingentierung bei Drittstaaten) sei langfristig nicht haltbar und müsse überwunden werden.

Nicht ganz so weit geht FDP-Nationalrätin Doris Fiala, welche die überparteiliche Arbeitsgruppe «Migrationspolitik 2030» präsidiert. In dieser sind Vertreter der grossen Parteien, der Kantone, der Wirtschaftsverbände und der Gewerkschaften, der Bundesverwaltung und der Hilfswerke versammelt. «Das Zwei-Kreise-Modell muss flexibilisiert werden», fordert Fiala. Beispielsweise müssten die Kontingente für aussereuropäische Spitzenkräfte vergrössert werden. «Es ist kurzsichtig, wenn wir so bürokratisch sind, wie es Novartis erlebt hat. Für die Exportindustrie ist es wichtig, dass sie unkompliziert die besten Mitarbeiter einstellen kann. Andernfalls droht die Abwanderung von Industriebetrieben aus der Schweiz.»

Selbst SVP-Politiker vertreten die Linie, dass die Schweiz bei Drittstaatsangehörigen lockerer werden sollte. «Es ist nicht zulässig, wenn die Firmen gute Amerikaner, Inder oder Türken nicht nehmen können», sagt der Zürcher SVP-Nationalrat Alfred Heer. «Wenn man multinationale Firmen haben will, dann muss man ihnen die Bewilligungen für die besten Mitarbeiter geben.»

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