Christophe Cornu ist seit einem Jahr Schweizer Länderchef von Nestlé. Mit Interviews hat er sich Zeit gelassen. Jetzt spricht er erstmals über seine Pläne für Cailler und verrät, dass Thomy-Mayonnaise und Leisi-Teig bald nicht mehr als Schweizer Produkt gelten.

Herr Cornu, Sie sind Franzose und haben für Nestlé in verschiedenen Ländern gearbeitet. Nun leiten Sie das Schweizer Geschäft. Wie unterscheidet sich der hiesige Detailhandel von anderen Märkten?
Christophe Cornu: Der Schweizer Kunde ist sehr anspruchsvoll, er erwartet hohe Qualität und probiert gern neue Produkte. Und er will, dass lokal produziert wird. Die Authentizität spielt eine wichtige Rolle.

Am 1. Januar 2017 tritt das neue Swissness-Gesetz in Kraft. Es verlangt, vereinfacht gesagt, dass 80 Prozent der Rohstoffe aus der Schweiz stammen müssen, damit ein Produkt das Schweizerkreuz tragen darf. Was bedeutet das für Nestlé?
Wir haben insgesamt 650 unserer Rezepturen analysiert, was einiges an Personalaufwand bedeutet. Die meisten erfüllen die Swissness-Bestimmungen, bei anderen haben wir die Rezeptur angepasst. Aber bei 80 Rezepturen war das nicht möglich, darunter Thomy und Leisi und manche Glacen von Frisco. Sie verlieren das Schweizerkreuz. Das ist natürlich sehr schade, da die Produkte wie bis anhin mit der gleichen Rezeptur am gleichen Ort hergestellt werden.

Welche Rohstoffe sind bei Thomy das «Swissness-Problem»?
Wir verwenden für unsere Thomy-Produkte ausschliesslich Eier aus Freilandhaltung und brauchen dafür insgesamt 34 Millionen Eier jährlich. Diese Menge kann durch die Schweiz allein nicht abgedeckt werden. Deswegen müssen wir mit europäischen Lieferanten zusammenarbeiten, welche den Schweizer Qualitätsstandards entsprechen.

Das Schweizerkreuz gilt als wichtiges Verkaufsargument. Lohnt es sich für Sie noch, Thomy-Mayonnaise und Leisi-Teige in der teuren Schweiz zu produzieren?
Wir halten an unseren Fabriken in Basel und Wangen fest. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass die Kunden Leisi und Thomy die Treue halten.

Nestlé ist ein internationaler Grosskonzern mit rund 90 Milliarden Franken Umsatz. Hierzulande sind Sie aber mit zwei dominierenden Händlern konfrontiert, Migros und Coop. Wie schwierig ist das?
Das ist in der Tat eine spezielle Eigenschaft des Schweizer Markts. Ich sehe es aber nicht als Problem.

So nett klingt es sicher nicht immer in den Preisverhandlungen mit Coop, dem mit Abstand grössten Markenhändler.
Preisverhandlungen sind generell hart, nicht nur hier. Aber wir arbeiten seit vielen Jahren mit Coop eng und gut zusammen.

Viele Konsumenten gehen nach wie vor hinter der Grenze einkaufen. Wie stark spüren Sie den Einkaufstourismus?
Es ist schwierig, diesen Effekt zu quantifizieren. Aber der Einkaufstourismus schadet dem Detailhandel stark. Die Rede ist von elf Milliarden Franken für die ganze Branche. Wir haben nach der Mindestkursaufhebung bei 600 Import-Produkten unsere Listenpreise gesenkt. Dennoch denke ich nicht, dass der Einkaufstourismus auf hohem Niveau stagnieren wird, solange der Franken so stark ist.

Welche Ihrer Marken leiden denn ganz besonders?
Das lässt sich wie gesagt schwer ausweisen. Tatsache ist, dass wir dieses Jahr in fast allen Segmenten Marktanteile gewinnen. Das zeigt, dass unsere Marken auch unter schwierigen Marktbedingungen bei den Kunden einen hohen Stellenwert haben. Nur das Glace-Geschäft hat wegen des schlechten Wetters gelitten.

Das heisst, 2016 resultieren mehr als 1,5 Milliarden Franken Umsatz, wie im Vorjahr?
Wir ziehen erst Ende Jahr Bilanz, aber wir sind auf gutem Weg. Nichtsdestotrotz bleibt der starke Franken eine grosse Herausforderung für unsere Wettbewerbsfähigkeit, auch da 60 Prozent unserer Produktion in den Export gehen.

Seit einiger Zeit investieren Sie stark in die Werbung für die Schokoladenmarke Cailler. Mit welchem Erfolg?
Die Umsätze entwickeln sich sehr gut, und wir sind bereit fürs Weihnachtsgeschäft, von dem wir uns einiges erhoffen. Unsere neuen Premium-Tafeln der Linie «Les Recettes de L’Atelier» mit ganzen Frucht- und Nussstücken entwickeln sich gut. Da werden in Zukunft weitere Produkte folgen.

International ist die Marke aber praktisch unbekannt.
Wir sind daran, das zu ändern, unter anderem mit dem Verkauf in Duty-free-Geschäften an internationalen Flughäfen. Und in den USA und in China verkaufen wir die Tafeln über die Onlineshops von Amazon und Alibaba. Das ist eine neue Herangehensweise, die wir proben. Bis jetzt sind wir zufrieden.

Lindt ist Cailler im Ausland weit voraus. Reicht der Online-Kanal, um mit Cailler durchzustarten?
Der nächste Schritt ist nun, auch im stationären Handel präsent zu sein.

Mit eigenen Cailler-Shops?
Nein, mit Premium-Partnern in San Francisco oder Schanghai. Um Cailler als Super-Premium-Marke international zu etablieren, braucht es Zeit und Geduld.

Im Kaffeekapsel-Geschäft wird die Konkurrenz grösser. Verzeichnen Sie bei Nespresso und Dolce Gusto Einbussen?
Nein, wir sind sehr glücklich mit der Umsatzentwicklung.

Nicht glücklich sind Sie wohl mit dem Entscheid des St. Galler Bundespatentgerichts, dass die Migros ihre Kapsel-Klone Twin für das Dolce-Gusto-System weiter verkaufen darf.
Wir begrüssen fairen Wettbewerb, aber wenn wir finden, dass unser geistiges Eigentum missbraucht wird, werden wir aktiv. Das war unserer Meinung nach hier der Fall, und wir werden in den kommenden Wochen das Verfahren weiterziehen.

Die Masseneinwanderungsinitiative ist noch immer nicht umgesetzt. Wie schwierig ist es für Sie, ausländische Fachkräfte einzustellen?
Wenn die Initiative strikt umgesetzt würde, hätten wir grosse Probleme. Zwei Drittel unseres Personals im Bereich Forschung und Entwicklung der Schweiz sind Ausländer. Wir sind auf diese Leute angewiesen. Sollten wir sie nicht erhalten, hätte dies starke Auswirkungen auf unser Geschäft.

Sie geben dieses Interview auch, weil Nestlé seine Job-Initiative für unter Dreissigjährige in Europa erneuert hat. Bis 2020 möchten Sie in der Schweiz 500 neue Stellen und 850 Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche schaffen. Das sind weniger als in den letzten drei Jahren. Weshalb?
Das hat organisatorische Gründe, da unser Eiscreme- und Tiefkühlgeschäft neu in einem Joint Venture geführt wird, eigenständig von unserem Bereich. Aber 850 Praktikanten sind noch immer ein starkes Bekenntnis. Wir möchten der jungen Generation beim Übergang von der Schule in die Wirtschaft helfen. Wir haben in der Schweiz in den letzten drei Jahren rund 300 Veranstaltungen durchgeführt und waren mit 12 000 jungen Menschen in Kontakt, halfen ihnen, ihren CV zu gestalten oder sich auf Jobinterviews vorzubereiten. In Europa sind 35 000 neue Lehrplätze und Stellen unser Ziel.

Was ist mit Menschen über 50, deren Stellen häufig der Automatisation und der Digitalisierung zum Opfer fallen?
Wir fokussieren bei dieser Initiative auf die Jugend, denn auch in der Schweiz ist die Jugendarbeitslosigkeit grösser als der Durchschnitt an Arbeitslosen. Bei uns können sie in verschiedensten Bereichen Erfahrungen sammeln, sei es in der Lebensmittelwissenschaft oder im Marketing. 40 Prozent können wir am Schluss weiterbeschäftigen.

Man könnte auch sagen, Nestlé profitiere von der Job-Krise in Europa, denn Sie erhalten junge, gut ausgebildete Arbeitskräfte zu tiefen Löhnen.
Nein, sie erhalten branchenübliche Löhne, wie wir sie auch sonst bieten. Wir möchten unseren Beitrag leisten, der jungen Generation Perspektiven zu bieten.

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