Der Amerikaner Bradley Birkenfeld tourt derzeit durch Deutschland, um sein Buch «Des Teufels Banker» zu promoten. Darin beschreibt der ehemalige UBS-Private-Banker, wie er reichen Landsleuten geholfen hat, Milliarden auf Schweizer Konten zu verstecken. Zum Zeitpunkt des Gesprächs befindet er sich in München. Wir erreichen ihn auf seinem Mobiltelefon.

Herr Birkenfeld, diese Woche wurde bekannt, dass Sie die UBS wegen übler Nachrede auf 20 Millionen Dollar verklagen wollen. Was konkret werfen Sie der Bank vor?

Nun, aus der Klageschrift geht das genau hervor. Im Kern geht es darum, dass ein Sprecher in den USA wiederholt falsche und verleumderische Aussagen über mich und mein Buch gemacht hat.

Ist für Sie die Geschichte mit ihrem Ex-Arbeitgeber noch nicht vorbei?

Nein, das ist sie noch lange nicht. Ich arbeite mit verschiedenen Regierungen zusammen, die Ermittlungen gegen die UBS führen.

Wo haben Sie schon ausgepackt?

Ich arbeite mit Regierungen in Deutschland, Frankreich, England, Belgien, Kanada und Südkorea zusammen. Speziell gross ist die Wut bei den Kanadiern und den Franzosen. In
Paris wurde ich zehn Stunden lang angehört. Ich habe Dokumente übergeben und Strategien erklärt. Die Franzosen haben einen riesigen Stapel Informationen von mir erhalten.

Haben Sie auch Namen geliefert?

Ich habe ihnen Dokumente gezeigt, in denen es Namen gab. Für die UBS wird die Auseinandersetzung in Frankreich noch zu einer riesigen Peinlichkeit.

Wieso?

Zunächst wurde die UBS dazu gezwungen, eine Milliarde Euro auf ein Sperrkonto einzuzahlen. Die Bank wollte das unter allen Umständen verhindern, kam aber nicht durch. Das allein unterstreicht die Tragweite des Falls. Zweitens: Angesichts der Geschäfte, die die Bank dort tätigte – und ich kann das beurteilen –, wird die UBS nicht mit einer Busse unter 1,6 bis 1,8 Milliarden Euro wegkommen. Sie läuft Gefahr, in Frankreich die Banklizenz zu verlieren. Das wäre dann der Super-GAU.

Sie sagen, die arbeiten mit deutschen Behörden zusammen?

Ich habe sie zweimal getroffen und ihnen Informationen übergeben.

Welche Informationen?

Dazu kann ich nichts sagen, weil das laufende Verfahren sind.

Sie arbeiteten lange als Banker, jetzt sind sie eine Art professioneller Whistleblower. Ist das Ihre neue Karriere?

Das kann man so sehen. Ich war ein sehr erfolgreicher Whistleblower in den USA und stelle jetzt ich mein Wissen auch anderen Staaten zur Verfügung.

In Ihrem Buch beschreiben Sie Ihr Leben in Genf in den allerschönsten Farben. Sie wohnten in einem Luxusappartement, dinierten in piekfeinen Restaurants, hatten ein Chalet in Zermatt und fuhren Ferrari, Sie gönnten sich Trips nach Saint-Tropez und hatten, wie es schien, an jedem Finger eine schöne Frau. Bereuen Sie nicht, dass es ein für alle Mal Schluss ist mit diesem James-Bond-Leben?

Okay, die Zeit war tatsächlich toll. Aber Genf ist nicht mehr der gleiche Ort wie damals. Die Art, wie man das Banking betreibt, hat sich komplett gewandelt, viele Institute sind bankrott. Die meisten meiner früheren Freunde sind weggezogen.

Was bedeutet Ihnen Geld?

Wie singt Liza Minelli so schön: ‹Money makes the world go round›... (überlegt) Wir alle brauchen Geld, um zu leben. Aber es kann einen schlechten Einfluss auf Menschen haben. Reiche Leute werden entweder geizig oder können damit nicht umgehen. Geld ist ein sehr gefährlicher Rohstoff. Ich habe grosse Summen verwaltet in meiner Banker-Karriere und kenne viele reiche Leute. Das Wichtigste ist, dass man sich bewusst wird, für welchen Zweck man das Geld ausgibt.

Sie selber sind sehr reich geworden. Welchen Einfluss hatte Geld auf Ihr Leben?

Ich gehe mit dem Geld haushälterisch um. Ich versuche es möglichst so einzusetzen, dass auch andere Menschen einen Nutzen davon haben, indem ich beispielsweise andere Whistleblower oder humanitäre Organisationen unterstütze. Das habe ich vom ersten Tag an gemacht, an dem ich den Check der US-Steuerbehörde erhalten habe. (Birkenfeld erhielt 104 Millionen Dollar Abfindung und bekam dafür einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde, siehe auch Abbildung rechts, Red.)

Werden Sie jemals wieder in die Schweiz reisen?

Natürlich. Ich werde zurückkommen. Ich habe keine Gesetze gebrochen.

Können Sie frei in die Schweiz einreisen?

Mein Anwalt hat das vor Jahren abgeklärt. Ihm wurde von offizieller Seite bestätigt, dass ich nichts zu befürchten habe. Ich bin seither zwar nie mehr in die Schweiz gereist, aber ich werde wieder kommen.

Stört es Sie, dass Sie in der Schweiz nicht willkommen sind?

Das Banken-Establishment mag an mir keine Freude haben. Es gibt aber auch Leute, die gut finden, was ich getan habe. Normalen Bürgern war es immer ein Dorn im Auge, dass die Banken die Gesetze für ihre krummen Schwarzgeld-Geschäfte missbraucht und damit das ganze Land in Verruf gebracht haben. Schweizer Steuerzahler finden es sicher auch nicht okay, dass Banken Dienstleistungen anbieten, damit Firmen und reiche Individuen keine Steuern bezahlen müssen. Es war höchste Zeit, diesen Machenschaften endlich ein Ende zu bereiten.

In Ihrem Buch behaupten Sie, Sie hätten das Bankgeheimnis zu Fall gebracht. Wie kommen Sie darauf?

Das Schweizer Bankgeheimnis existiert nicht mehr. Fertig. Durch die Dinge, die ich offengelegt habe, musste das schweizerische Parlament unter Anwendung von Notrecht und unter Aushebelung der Verfassung 4700 Kundendaten an die USA ausliefern. Das ist einmalig in der Geschichte der Schweiz und brach dem Bankgeheimnis das Genick. Zudem führt die Schweiz nun den automatischen Informationsaustausch ein, damit ist das Zeitalter des Bankgeheimnisses definitiv vorbei. Hätte das jemand vor zehn Jahren gesagt, er wäre für verrückt erklärt worden.

Ist die Schweiz heute ein sauberer Finanzplatz?

Nein. Die Schweiz ist immer noch schmutzig. Kundengelder aus Osteuropa, dem Nahen Osten, Afrika und Asien können weiterhin versteckt werden. Und das wird auch gemacht, obwohl die Banken das Gegenteil behaupten. Daher ist es wichtig, dass der Druck auf den Finanzplatz hoch bleibt.

Wie denken Sie über Ihr eigenes Land. Sind die USA die neue Schweiz, wie hierzulande viele behaupten?

Absolut! Die USA sind seit Jahren eine riesige Steueroase. Speziell stossend finde ich, dass Kriminelle in Nevada und Delaware weiterhin und ohne Probleme Geld waschen können. Es ist so heuchlerisch, wenn die USA andere Staaten an den Pranger stellen. Sie sollten lieber vor der eigenen Tür kehren. Joe Biden, der ehemalige Vizepräsident der USA, kommt aus Delaware. In den letzten acht Jahren hat er nichts unternommen, um die Geschäfte zu stoppen. Biden hat eine grosse Klappe, aber er hat nichts gemacht. Er ist ein Betrüger – genauso wie Präsident Obama auch einer ist.

Das meinen Sie jetzt nicht im Ernst?

Doch, er hat Gelder von der UBS für seinen Wahlkampf angenommen. Er machte dies zu einem Zeitpunkt, als der Staat Untersuchungen gegen die UBS anstellte. Die Amerikaner sind noch schlimmer als die Schweizer, weil sie behaupten, so sauber zu sein. Dabei haben sie extrem schmutzige Hände. Das aber wird unter den Teppich gekehrt, niemand will darüber reden – die Banken nicht, Anwälte, die Treuhänder, Buchhalter. Sie machen alle gutes Geld damit.

Wird Trump aufräumen oder wird es mit ihm nur noch schlimmer?

Das ist schwer zu sagen. Ich denke, das werden wir sehr bald erfahren.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren früheren Kunden?

Nein.

Einer Ihren bekanntesten Kunden, Milliardär Igor Olenicoff, sagt, Sie seien ein Lügner und Narzisst.

(unterbricht) Olenicoff ist selbst ein notorischer Lügner. Er log beim Ausfüllen seiner Steuererklärung. Dafür musste er eine Busse von 52 Millionen Dollar bezahlen. Und dieser Mann behauptet nun, er habe nichts Falsches gemacht. Das ist absolut unglaubwürdig. Lange bevor ich ihn kennen lernte, hatte er bereits Offshore-Strukturen auf den Bahamas. Olenicoff ist einfach sauer, weil er aufgeflogen ist. Er ist ein Lügner und ein Betrüger. Ich habe immer noch einen offenen Rechtsfall gegen ihn am Laufen.

In Ihrem Buch können Sie keine Beweise liefern, dass das damalige UBS-Topmanagement von den Machenschaften im US-Geschäft gewusst hat. Ärgert Sie das?

Wenn die obersten Chefs nichts wussten, dann haben sie ihren Job nicht gemacht. Wie viele Millionen haben die nochmals verdient? Es gab Powerpoint-Präsentationen, Memoranden,
Meetings, Trainings. Das Argument, dass das Topmanagement von all dem nichts gewusst haben soll, ist einfach lächerlich.

Bereuen Sie in der Rückschau, jemals einen Fuss auf Schweizer Boden gesetzt zu haben?

Nein, überhaupt nicht.

Aber wegen Ihrer Arbeit in Genf verbrachten Sie zwei Jahre Ihres Lebens in einem US-Gefängnis.

Das war, weil wir in den USA ein korruptes Justizsystem haben. Wir hatten die grösste Finanzkrise der letzten Jahrzehnte, aber nur ein einziger Banker musste dafür ins Gefängnis: der UBS-Whistleblower (lacht). Der Staat hat alle gedeckt, CEOs, hohe Politiker, Prominente. Und dann haben diese Leute noch die Frechheit zu behaupten, sie hätten aufgeräumt. Dabei waren es Whistleblower wie ich, die das gemacht haben. Das nenne ich politischen Plagiarismus.