Die Lohnrunde 2016 beginnt unter schlechten Vorzeichen. Noch ist der Frankenschock nicht verdaut. Nach den Sommerferien werden die Unternehmen über die Bücher gehen und ihre Planungen an den starken Franken anpassen. Viele Ökonomen gehen davon aus, dass in der zweiten Jahreshälfte noch mehr Stellen abgebaut werden.

Mit entsprechend leisen Tönen läuteten die Gewerkschaften die Lohnrunde ein. Der vergleichsweise kleine Verband Angestellte Schweiz schien sich schon vor den Verhandlungen fast geschlagen zu geben. Er fordert «moderate» und «bescheidene» Lohnerhöhungen für die Angestellten. Für die Maschinenindustrie wären dies 0,5 Prozent.

Hans Hess, Präsident der Swissmem, scheint für die Maschinenindustrie eine Nullrunde zu erwarten. «Es ist naheliegend, dass bei jenen Firmen, die in diesem Jahr aufgrund der Frankenstärke in die Verlustzone geraten sind, nur sehr wenig Spielraum für Lohnerhöhungen bestehen dürfte.» Hess schränkt allerdings ein: «Die Unternehmen der MEM-Industrie sind sehr unterschiedlich von der Frankenstärke betroffen.»

Tatsächlich hat auch die Syna – mit 60 000 Mitgliedern zweitgrösste Gewerkschaft der Schweiz – Verständnis für die Nöte der Industrie. Syna-Präsident Arno Kerst sagt: «Es ist klar: Von Unternehmen, die mit dem starken Franken zu kämpfen haben, werden wir keine kräftigen Lohnerhöhungen verlangen.» Schliesslich wolle man keine Arbeitsplätze gefährden.

Ähnlich wie Hess will auch Kerst von Unternehmen zu Unternehmen schauen, wo Lohnerhöhungen möglich sind und wo nicht. Allerdings ist an diesem Punkt auch schon Schluss mit der Eintracht. «Ein Unternehmen muss schon die Karten auf den Tisch legen. Sonst können wir nicht abschätzen, ob tatsächlich keine Lohnerhöhnungen drinliegen.»

Zudem fordere man Arbeitsplatzgarantien, wenn es zu Nullrunden komme. «Das ist gerechtfertigt, da die Angestellten häufig länger arbeiten müssen.»

Die Maschinenindustrie ist besonders vom überbewerteten Franken betroffen. In anderen Branchen sieht Kerst hingegen genug Spielraum. «Der Baubranche etwa geht es nach wie vor gut. Wir werden für den Bau deshalb 100 Franken mehr pro Monat verlangen. Und auch für das Baunebengewerbe fordern wir deutliche Erhöhungen.»

Auch andere Branchen seien vom überteuerten Franken kaum betroffen. «Oder sie haben gelernt, das Beste aus den widrigen Umständen zu machen. Etwa, indem sie den starken Franken nutzen, um günstig Vorprodukte aus dem Ausland zu beziehen», sagt Kerst. Er ist daher für viele Branchen zuversichtlich. «Für Pharma, Chemie und Gesundheitswesen fordern wir deutliche Lohnerhöhungen. In Detailhandel und Gastgewerbe müssen insbesondere die tiefen Löhne weiter steigen.» Die Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) ist für die anstehende Lohnrunde weniger zuversichtlich. Für 2016 erwartet sie ein Lohnplus von bloss 0,3 Prozent. Die diesjährige Lohnrunde wird noch nicht einmal die Hälfte dessen bringen, was die Arbeitnehmer in den Vorjahren jeweils erhielten. Damit wirkt sich die Überbewertung des Frankens auch aufs Portemonnaie aus.

Allerdings kam den Arbeitnehmern in den letzten Jahren regelmässig ein Sondereffekt zu Hilfe. In den Lohnverhandlungen überschätzten die Sozialpartner regelmässig die Teuerung. Das führte dazu, dass die Löhne real höher ausfielen als erwartet. So geschehen etwa in den Verhandlungen für 2015.

Gewerkschaften und Arbeitgeber hatten sich gemäss KOF auf eine Zunahme von 0,8 Prozent geeinigt. Doch die Teuerung dürfte nun 2015 negativ ausfallen. Und zwar deutlich. Um 0,8 Prozent werden die Preise übers Jahr hinweg fallen. Damit steigt die Kaufkraft des Geldes. Mit dem gleichen Lohn können die Arbeitnehmer so 0,8 Prozent mehr kaufen. Und so werden die Löhne bis Ende dieses Jahres real um 1,6 Prozent steigen, wenn man die höhere Kaufkraft berücksichtigt.

Etwas Ähnliches erlebten die Arbeitnehmer bereits vor drei Jahren. 2012 stiegen die Löhne um 0,9 Prozent. Gleichzeitig nahm die Kaufkraft um 0,7 Prozent zu. Unter dem Strich gab es damals ebenfalls real um 1,6 Prozent mehr Lohn.

Überhaupt hält sich die Schweiz gemäss KOF erstaunlich gut, was die Löhne angeht. Die KOF bezeichnet sie in einer Studie gar als «Sonderfall».

In der Schweiz ist der Anteil der Löhne am Gesamteinkommen deutlich gestiegen. Während die Arbeitnehmer im Jahr 1980 auf einen Anteil von 59 Prozent kamen, waren es 2012 65 Prozent. Das macht die Schweiz zu einem Sonderfall unter den OECD-Industriestaaten. In diesen war die Entwicklung genau umgekehrt. Der Anteil der Arbeitnehmer am Einkommenskuchen nahm ab. 1980 hatten sie noch 71 Prozent des Gesamteinkommens für sich. 30 Jahre später waren es dann noch 62 Prozent.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper