Der Frankenschock hat dem Bündner Bergtourismus seine politische Verletzlichkeit schonungslos aufgezeigt. «Wir haben keine eigenen Leute im Parlament. So können wir uns in Bundesbern nicht durchsetzen», sagt Pascal Jenny, Tourismusdirektor von Arosa. Dagegen kämpft der ehemalige Captain der Schweizer Handballnationalmannschaft nun an.

Gestern Samstag hat Jenny in Chur die «Tourismus-Partei» ins Leben gerufen. An seiner Seite standen dabei der Geschäftsführer von Surselva Tourismus und der Direktor des Sunstar Hotels in Arosa. Im kommenden Wahlkampf will die neue Partei bereits Druck ausüben. «Die Politiker sollen öffentlich sagen, was sie für den Tourismus tun.»

Eigene Kandidaten für National- und Ständerat will Jenny in vier Jahren aufstellen. «Für diese Wahlen war die Zeit zu knapp. Aber nächstes Mal werden wir bereit sein, wenn sich in Bern nichts bessert.» Inzwischen will Jenny in den grossen Tourismuskantonen die Partei aufbauen und über amtierende Parlamentarier die Branche besser vertreten.

Jenny will mit seiner Partei die Branche auf eine Linie bekommen. «Es darf nicht sein, dass jeder allein kämpft. Wir müssen uns auf wenige Anliegen einigen und diese geschlossen vertreten.» Sonst werde die Vielfalt, wie es sie heute im Schweizer Tourismus gebe, in fünfzig Jahren verschwunden sein. «Dann überleben bloss ein paar Topdestinationen.»

Gegen den Wandel stemmt sich Jenny indessen nicht. Im Gegenteil. «Was seit Jahrzehnten nicht wirtschaftlich betrieben wird, gehört weg», sagt er. In dieser Krise komme man nicht mehr darum herum, sich zu fragen: «Welchen Tourismus können und wollen wir uns noch leisten?»

In der Branche bestreitet niemand, dass es an politischer Durchschlagskraft fehlt. Andreas Züllig, Präsident von Hotelleriesuisse und Hotelier in der Lenzerheide, sagt: «Wir haben keine Hoteliers in Bern. Das merkt man gerade in dieser Krise.» Die anderen Wirtschaftsvertreter würden nur für sich schauen. «Da versucht jeder, zu retten, was zu retten ist.»

Der Tourismus müsse sich von der Hoffnung verabschieden, andere würden ihm die politische Arbeit abnehmen, sagt Züllig. «Wir müssen selber in die Hosen steigen: in der Gemeinde, im Kanton, in Bern.» Echte Hoteliers könnten die eigenen Anliegen besser vertreten. «Das hat mehr Kraft, als wenn ein Branchenfremder das vermittelt.»

Züllig selbst musste seine Kandidatur für den Nationalrat indessen aufgeben. «In dieser Krise muss ich mich auf das Verbandspräsidium beschränken. Daneben reicht die Zeit für ein Nationalratsamt nicht.» Hotelleriesuisse will nun wenigstens indirekt den Wahlkampf beeinflussen. Auf einer neuen Website gibt der Verband seit kurzem an, wer aus seiner Sicht «geeignete Kandidaten» sind.

Der Hotellerie geht es etwa um das neue Lebensmittelgesetz, es mache unsinnige Vorschriften zu den Speisekarten. «Bald soll wohl drin stehen, dass Essen die Gesundheit gefährden könne.» Einen reduzierten Satz bei der Mehrwertsteuer will der Verband ins Gesetz geschrieben haben. Derzeit muss er alle vier Jahre um eine Verlängerung kämpfen. «Obschon unsere ausländischen Konkurrenten das alle auch haben.» Letztlich gehe es um Geld, um den Schweizer Tourismus neu ausrichten zu können. «Ohne finanzielle Mittel kann man keine 100 Jahre alten Strukturen umbauen.»

Zülligs Rückzug ist exemplarisch. Den Hoteliers fehlt für politisches Engagement zumeist die Zeit. Ernst Wyrsch, Präsident des Hotelierverbandes Graubünden, erklärt das so: «Von einem Hotelier erwarten die Gäste, dass er jeden Abend von Tisch zu Tisch geht. Wie soll er daneben noch in Bern politisieren?» Da hätten es die Bauern einfacher. «Sie werden von ihren Kühen offensichtlich nicht wirklich vermisst», sagt Wyrsch in Anspielung auf die starke Bauernlobby in Bundesbern.

Jenny weiss mittlerweile, wie er derartige Hindernisse elegant umschiffen kann. «Ich würde gar nicht erst probieren, Hoteliers für eine Kandidatur zu gewinnen», sagt er. Hoteliers hätten tatsächlich meist keine andere Wahl als die meiste Zeit im Hotel präsent zu sein. Jenny will deshalb lieber Tourismusdirektoren nach Bern schicken. «Sie haben den Blick für ganze Regionen und für die wirtschaftlichen Zusammenhänge dort.» Sie hätten auch eher Zeit für politische Arbeit, wenn «ihnen ihre Vorstände diese bewilligen».

Nirgendwo hin führe laut Jenny der Weg über bestehende Parteien. Das habe man nach der Aufhebung des Mindestkurses wieder gesehen. «Es vergingen Wochen, bis man alle an einem runden Tisch hatte. Dann nochmals Wochen, bis man das Protokoll im Briefkasten hatte. Und das war es dann. Nichts geschah.» Das sei alles viel zu langsam, viel zu schwerfällig. «Es braucht neue Wege, sonst bleibt alles beim Alten.»

Die Sommersaison zeigt ihm die Dringlichkeit auf. Der schöne Sommer habe den Schaden durch den Frankenschock bloss in Grenzen gehalten. «Der Gastronomie und den Bergbahnen hat es geholfen. Mehr Gäste machten Tagesausflüge und gönnten sich etwas.» Hingegen hat die Hotellerie gelitten. Gemäss Bundesamt für Statistik sank die Zahl der Logiernächte in Graubünden im Juni gegenüber dem Vorjahr um 12 Prozent. «Bei solchem Traumwetter hätte es ein kräftiges Wachstum geben sollen.»

Ernst Wyrsch ist überrascht, wie «erwachsen» die Hoteliers mit der Krise umgehen würden. «Doch die Lage ist ernst, die Erträge lassen doch sehr zu wünschen übrig.» In den nächsten drei, vier Jahren stehe der Branche ein Überlebenskampf bevor. «Wer danach noch steht, der hat eine gute Zukunft vor sich. Aber erst einmal muss er kämpfen.»

Wyrsch ist überzeugt, dass es viele nicht schaffen werden. «Der Strukturwandel wird sich beschleunigen. Das ist klar», sagt Wyrsch, der auch Verwaltungsratspräsident der Tophotels Arosa Kulm und der Seehof Selection Group ist. Er rechnet damit, dass deutlich mehr Hotels werden aufgeben müssen als bislang. «Vor dem Frankenschock waren es jährlich 50 bis 60 Schliessungen. Dabei wird es nicht bleiben.»

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