Der Wuschelkopf mit hellblau-weiss gepunkteter Fliege – sie ist sein Markenzeichen – und bordeauxroten Socken sitzt im kanariengelben Ikea-Sessel. Hier im Start-up-Büro in Zürich Wipkingen, im Wohn- und Geschäftshaus Röschibachstrasse 24/26, spricht Nicola Forster über die Zukunft des Forums für Aussenpolitik (Foraus), das der 31-Jährige 2009 gegründet hat. Noch bis Mitte 2018 kann die Denkfabrik im Kulthaus bleiben, in dem sich auch andere unkonventionelle Mieter einquartiert haben wie der Verein revamp-it, der alte Computer repariert.

Forster hat Grosses vor. «Wir wollen, dass wir Tinder oder AirBnB der Aussenpolitik werden», sagt er. In Zürich Wipkingen haben er und seine Mitstreiter eine globale Expansion des Thinktanks angedacht: Das Forum soll unter dem Begriff «Foraus global» zu einem globalen Netzwerk offener Thinktanks werden, das sich für eine «durchdachte Zukunft» einsetzt. In der Schweiz selbst hat die Denkfabrik immer wieder mit Studien Anstösse für die Politik geliefert – wie mit einem Gegenentwurf zur Rasa-Initiative, an dem sich alle Parteien mit Ausnahme der SVP beteiligten.

Plattform für junge Talente
Die Vision der Foraus-Leute um Forster und Regula Hess, die im Vorstand für «Foraus global» verantwortlich ist: 2030 gibt es auf allen Kontinenten der Welt 30 Denkfabriken nach dem Muster von Foraus. Als «Open Thinktanks» setzen sie – gemäss der Idee des Crowdsourcing – auf die Weisheit vieler. Sie bieten jungen Talenten eine Plattform für ihre Ideen. 50 000 Mitglieder möchte Foraus gewinnen. Das Forum will die Welt der Thinktanks nach dem Muster des Silcion Valley disruptiv unterwandern: Statt von oben nach unten soll der Prozess von unten nach oben verlaufen. Forster: «Wir wenden ein Sharing-Modell an, weil wir mit einem Netzwerk Tausender kluger Köpfe mehr gute Ideen produzieren können.»

Mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA könnte der Zeitpunkt für die Gründung eines weltweiten Netzwerks offener Thinktanks nicht besser sein. Das zeigt sich bei der USA-Reise, auf der sich eine achtköpfige Foraus-Delegation zurzeit befindet. Das US-Aussenministerium hat sie eingeladen. Möglich gemacht hat den Trip Ex-US-Botschafterin Suzi LeVine – noch zu Barack-Obama-Zeiten.

Das Programm umfasst in Washington Besuche bei Thinktanks in Philadelphia (Pennsylvania) und Boston (Massachusetts), von Universitäten wie Harvard. Geplant sind auch Treffen bei der Heritage Foundation, aus der viele Leute in die Trump-Administration wechseln. Und im Center for American Progress, das Obamacare entworfen hat.

Am Freitag gab Martin Dahinden, Schweizer Botschafter in Washington, einen Empfang, an dem Foraus die globalen Pläne vorstellte. «Das Interesse, in den USA einen neuen Thinktank zu etablieren, ist enorm gross», sagt Forster. «Das Momentum ist definitiv vorhanden nach der Wahl von Donald Trump und nach dem Brexit.» Viele Leute seiner Generation realisierten, dass sie sich jetzt engagieren müssten. «Im Gegensatz zu den zahlreichen Protesten kann man sich bei uns konstruktiv mit Ideen und Wissen einbringen.»

Das Forum für Aussenpolitik war 2009 im Rahmen der Abstimmung zur Erweiterung der Personenfreizügigkeit auf Rumänien und Bulgarien gegründet worden. Acht Jahre später hat die kleine Studentenorganisation den Schritt geschafft zu einem Thinktank mit Büros in Zürich und Genf. Sie ist mit Regio-Gruppen in allen Universitäts-Städten präsent, zählt 1000 Mitglieder und 13 Angestellte. Und sie verfügt über ein Jahresbudget von 1,2 Millionen Franken, das über Beiträge von Mitgliedern, Stiftungen und Einzelgönnern finanziert wird.

Vom Aussenministerium (EDA) erhält Foraus Lob. «Das EDA begrüsst sämtliche Initiativen, die sich wie Foraus aktiv mit der schweizerischen Aussenpolitik befassen und sich um ein tieferes Verständnis bemühen», sagt Sprecher Pierre-Alain Eltschinger. Geld vom EDA erhält Foraus nur in einem Fall: Das Forum organisiert für das EDA eine Reihe von Veranstaltungen mit externen Persönlichkeiten im Rahmen einer internen Weiterbildung. «Foraus erhielt diesen Auftrag Ende 2015 auf der Basis einer öffentlichen Ausschreibung gemäss WTO-Kriterien», sagt Eltschinger.

Foraus sei «auf die Aussenpolitik fokussiert und damit komplementär zu uns», sagt Peter Grünenfelder, Direktor von Avenir Suisse. Seine Denkfabrik sei, zusätzlich zur Aussenwirtschaftspolitik, «breiter aufgestellt und sehr stark auch ökonomisch fundiert». Skeptisch zu Foraus und deren globalen Plänen äussert sich einzig SVP-Nationalrat Roland Büchel, gleichzeitig Präsident der Aussenpolitischen Kommission. «Die Bedeutung des Thinktanks Foraus ist gering», sagt er. Er begrüsse es zwar, wenn junge Menschen Visionen hätten. «Wenn sie wirklich offen denken, ist das gut», sagt er. «Doch solche Leute tendieren manchmal dazu, sich zu überschätzen.»

Parteipolitisch unabhängig
Die globale Expansion hat Foraus in den letzten zwei Jahren sachte vorbereitet. Im Sommer 2015 leistete es Anschubhilfe für die Gründung des Berliner Grassroots-Thinktank Polis180. Das ist ein erster internationaler Spin-off. Verschiedene Polis-Mitglieder von heute waren zuvor im Umfeld von Foraus aktiv. «Die Ergebnisse der europäischen Parlamentswahlen 2014 rüttelten uns wach», sagt Polis-Geschäftsleiterin Kassandra Becker. «Wir suchten nach Möglichkeiten, wie wir jungen Menschen uns stärker einbringen können.» Polis180 war die Lösung. Man habe dafür «einige Ideen und Impulse» von Foraus aufgenommen, aber auch «eigene Elemente» einfliessen lassen.

Polis180 beschäftigt sich mit EU, Migration, Digitalisierung und Cybersicherheit sowie Frieden und Sicherheit. Die Denkfabrik ist damit thematisch breiter aufgestellt als Foraus: Der Schweizer Thinktank fokussiert stark auf die Beziehungen Schweiz - EU. Gut eineinhalb Jahre nach der Gründung zählt Polis180 200 Mitglieder – und wurde im «2016 Global Go To Think Tank Index Report» der University of Pennsylvania zum achtbesten Thinktank weltweit ernannt.

Polis180 versteht sich, wie auch Foraus, als parteipolitisch unabhängig. «Es ist durchaus denkbar, dass Polis180 zu einem bestimmten Thema zwei verschiedene Papiere veröffentlicht», sagt Becker. Polis180 sehe sich grundsätzlich als «sehr weltoffen» und als Teil jenes Milieus, das stark in Europa lebe, «ohne Kritik an der EU zu scheuen», wie es Julian Zuber formuliert, Mitglied des Polis-Präsidiums. «Polis180 ist auch Teil des globalen Foraus-Netzwerks.»

Dass die deutsche Denkfabrik zum Fliegen kam, war für Forster entscheidend, um ernst zu machen mit den globalen Ideen. «In der Schweiz kann man einen Nationalrat anrufen und auch treffen, selbst wenn man keine Lobby-Power im Rücken hat», sagt er. Unklar war für ihn, ob dieses Modell, das auf den Schweizer Ideen der Bürgerbeteiligung und direkten Demokratie fusst, auch in anderen Länder anwendbar ist. «Mit Polis180 ist der Beweis erbracht», sagt er, «dass es in einem grösseren Land mit steileren Hierarchien wie Deutschland funktioniert.»

Inzwischen ist Foraus auch in Paris aktiv. Dort steht die Gründung eines Thinktanks kurz bevor. Unter dem Arbeitstitel «Alors on pense» arbeitet eine Gruppe junger Intellektueller seit vier Monaten daran. Als in der Bar «Le Trente Neuf» das allererste Treffen stattfand, stauten sich die jungen Leute bis auf die Strasse. Der aussenpolitische Aufklärungsbedarf in Frankreich ist gross, vor allem an den Schulen.

Nächste Gründung in den USA
Vor ein paar Monaten hatten sich zudem junge Leute aus der Schweiz, Österreich, Deutschland, Frankreich, Mazedonien und Israel im Genfer Thinktank Hub getroffen. Sie diskutierten über die Gründung von Denkfabriken in anderen Ländern. Zur Diskussion stehen – neben den USA – England, Österreich, Israel und Mazedonien. Für die Foraus-Leute sind auch Denkfabriken in Afrika ein Thema, sei es in Nairobi (Kenia) oder Dakar (Senegal). Und langfristig Thinktanks auf allen Kontinenten.

Das Beispiel in Berlin machte den Foraus-Leuten klar, dass Denkfabriken in anderen Ländern nur dann erfolgreich sein können, wenn sie mit Menschen vor Ort gegründet werden. Foraus komme nur ins Spiel, wenn es darum gehe, das Modell zu übertragen, sagt Forster. Foraus will dafür ein Starter-Kit (für Homepage, Datenbank, Newsletter und Blog) und ein Developer-Kit (für interne wie externe Kommunikation) zur Verfügung stellen. Langfristig schwebt Foraus vor, dass die besten der Tausenden von Experten für ein bestimmtes Thema in den Spin-offs via künstliche Intelligenz erkannt und vernetzt werden. Sie sollen in kurzer Zeit Analysen zu brennenden Themen verfassen, interdisziplinär und mehrsprachig.

Zunächst steht nun aber eine Gründung in den USA an. New York, Washington und Boston sind für Forster wahrscheinlichste Destinationen für Spin-offs. New York als internationaler Schmelztiegel mit unzähligen Talenten. Washington als «Weltstadt der Thinktanks» (Avenir-Suisse-Direktor Grünenfelder). Und Boston als Stadt mit den vielen Universitäten.

Die ersten Erfahrungen in den USA lassen Nicola Forster träumen. «New York und Washington DC sind die offensichtlichsten Optionen», sagt er. «Boston und San Francisco sind aber ebenfalls sehr spannend.» Temporär will er nun sehr schnell in New York aktiv werden. In der Stadt, in der bereits seine Freundin lebt.

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