Die Schlange vor dem Buffet ist lang. Gut zehn Minuten dauert es, bis man sich zu den Köstlichkeiten vorgekämpft hat. Ganz hinten stellt sich ein älterer, etwas gebeugter Mann an: Unternehmer Hansjörg Wyss, laut «Bilanz» 10 Milliarden Franken schwer, nimmt nicht etwa am VIP-Essen des Swiss Economic Forum teil, sondern mischt sich unter die Hunderte ganz normale Teilnehmer, die mit dem Teller durch den Kursaal in Interlaken schwirren.

Die Szene aus dem Juni 2012 ist typisch: Wyss gibt sich betont bescheiden und sparsam. Es ist ihm unangenehm, dass er es mit der Medizinaltechnikfirma Synthes, die er 2011 an den US-Konzern Johnson & Johnson verkauft hat, zu einem der reichsten Schweizer gebracht hat. «Mir wurde viel Geld in die Schuhe geschaufelt. Ich kann dieses Geld nicht gebrauchen», sagte er diese Woche im «Blick».

Am Swiss Economic Forum 2012 trat der öffentlichkeitsscheue Unternehmer erstmals vor grossem Publikum auf, diese Woche folgte der zweite Auftritt. An einer Konferenz in Bern hielt der 79-Jährige ein Referat mit dem Titel: «Wir verbauen unseren Kindern die Zukunft».

Anlass: Das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative, das laut Wyss einen «Scherbenhaufen» hinterlassen hat. Wyss ärgerte sich über das negative Bild, das die EU hierzulande hat: «Wir profitieren von der EU, der offenen Welt und der Personenfreizügigkeit», sagte er. «De facto» sei die Schweiz Mitglied der EU. Auch auf die Ausländerfrage kam er zu sprechen: «Wir vergessen immer wieder, dass uns Ausländer über die Jahrhunderte viel gebracht haben.»

Wyss wäre bereit, mit eigenem Geld in den nächsten Abstimmungskampf einzugreifen. Er würde eine Initiative zur Rettung der bilateralen Verträge mit der EU begrüssen. In den Kommentar-Foren der Onlineportale entzündete seine Ankündigung kontroverse Diskussionen: Nun haben nicht nur die Rechtskonservativen ihren Milliardär, sondern auch Mitte-Links.

Während man über Christoph Blocher fast jedes Detail kennt, auch was die Entstehung seines Reichtums betrifft, ist Hansjörg Wyss ein Buch mit sieben Siegeln. Eine vor wenigen Wochen erschienene Biografie seiner Schwester Hedi Wyss hilft nicht weiter. Die «NZZ» schrieb dazu: «Weshalb aus dem leidlichen ETH-Ingenieur Wyss ein erfolgreicher Unternehmer und einflussreicher Mäzen geworden ist, bleibt ein Geheimnis.»

Umstritten ist, wie seine Firma an das Know-how kam, das sie so wertvoll machte. Wyss reagiert heftig auf den Vorwurf, dass er sich das Wissen des Berner Starchirurgen Maurice E. Müller angeeignet habe, den er 1975 kennen gelernt hatte. Müller gilt als Pionier, er behandelte als einer der Ersten Knochenbrüche mit Schrauben und Platten. Auch von einem Patentstreit ist die Rede. 2010 ging Wyss in die Offensive und gab der «Berner Zeitung» ein Interview, in dem er die Vorwürfe energisch bestritt.

Der Unternehmer reagierte auch vehement, als die «Schweiz am Sonntag» vor zwei Jahren berichtete, dass er zu den grössten Profiteuren der Unternehmenssteuerreform II gehöre und Dividenden in der Höhe von 129 Millionen Franken steuerfrei erhält. Am Tag nach der Publikation rief Wyss aus den USA, wo er wohnt, auf der Redaktion an und beschwerte sich.

Sein Ruf ist ihm wichtig. Wyss will kein Steueroptimierer sein – er, der sich in Amerika für die Kunst, die Forschung und den Umweltschutz engagiert. Wyss gehört zu den schwerreichen Männern, die sich der Initiative «Giving Pledge» von Bill Gates angeschlossen haben und sich damit verpflichten, einen Grossteil ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden.

In der Schweiz ist sein Engagement für die Fondation Beyeler in Riehen bekannt. Mit seiner Heimatstadt Bern aber hat er seine liebe Mühe. Dem dortigen Kunstmuseum stellte er für einen Anbau 20 Millionen Franken in Aussicht, doch er kündigte die Schenkung wieder auf, weil der Anbau in der Planung immer teurer geworden sei. Dazu sagte er: «Ich bin in Bern zu gar nichts verpflichtet.»

Auch wenn er sich seit langem vor allem in den USA aufhält, ist Wyss wichtig, dass man ihn als stolzen Schweizer wahrnimmt. Seine Rede diese Woche begann er mit der Bemerkung, er habe «nur den Schweizer Pass, keine Green Card, keinen amerikanischen Pass».

Sind von ihm weitere Auftritte zu erwarten, wird er der Pro-Europa-Blocher? Angesichts seines Alters scheint das unwahrscheinlich, und Wyss ist auch kein grosser Rhetoriker. Ein Duell mit Blocher in der «Arena» wäre ein Risiko für ihn. Doch wenn Wyss nur schon in Sachen Kampagnen-Sponsoring den Part von Blocher abdeckt, wäre das für die Pro-Europäer ein Segen. Einen glaubwürdigen Unternehmer aber, der das Schweiz- und Europa-Bild von Wyss in der Öffentlichkeit vertritt, müsste man erst noch finden.

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