VON BENJAMIN WEINMANN UND FLORENCE VUICHARD

Swisscom-Chef Carsten Schloter legt sich bis Ende 2010 eine «Kriegskasse» an – gefüllt mir einer Milliarde Franken. Bri-sant ist, was er damit vorhat: Die Swisscom möchte im italienischen Breitband-Markt Zukäufe tätigen. Infrage kämen die Anbieter Vodafone, BT Group oder Wind. Schloter im O-Ton: «Einer dieser Player könnte plötzlich seine Fixnet-Pläne ändern. Kommt es dazu, möchten wir nicht in einer Position sein, in der wir nicht handeln können.» Es sei wichtig, dass man zusätzliche Einkünfte für die hohen Fixkosten von Fastweb erhalte.

Diese in der Öffentlichkeit bisher nicht wahrgenommene Aussage machte Schloter vor Finanzanalysten am Donnerstag vergangener Woche, mit eindeutigem Bezug auf den italienischen Markt – noch bevor die Vorwürfe gegen Fastweb bekannt wurden. Doch die Aussage gilt nach wie vor, wie die Pressestelle bestätigt.

Die Milliarde, mit der die Swisscom Firmen aufkaufen will, holt sie sich, indem sie statt 26 Franken nur 20 Franken Dividende ausschüttet. Schloter spricht nicht von Kriegskasse, sondern von «strategischer Flexibilität». Nebst Akquisitionen in Italien stehen für die Swisscom auch Übernahmen im Schweizer IT-Sektor zur Debatte.

Bei ihren Übernahmeplänen muss sich die Swisscom an die Zielvorgaben des Bundes halten: «Der Bundesrat erwartet, dass Swisscom Beteiligungen nur eingeht, wenn sie zur nachhaltigen Steigerung des Unternehmenswertes beitragen, führungsmässig gut betreut werden können und dem Risikoaspekt genügend Rechnung tragen.» Die Frage stellt sich, ob das Risiko im Fall Fastweb korrekt beurteilt wurde. CVP-Nationalrätin Chiara Simoneschi-Cortesi schlägt neue Bedingungen für Übernahmen vor: «Zum Beispiel könnte der Bundesrat eine Länderliste anhand des Korruptionsindexes erstellen, in welche die Bundesbetriebe nicht investieren dürfen.» 2009 belegte Italien Rang 63, noch hinter Polen, Tschechien und Samoa. Die Schweiz rangierte auf Platz 5.

Die Swisscom kaufte Fastweb 2007 für 6,9 Milliarden Franken. Seither ist der Aktienkurs von Fastweb auf einen Drittel geschrumpft. Nach der Übernahme etablierte die Swisscom bei Fastweb ein internes Kontrollsystem. Kommunikationschef Sepp Huber: «Es wurden mehrere Überprüfungen durchgeführt, die keinen Anhaltspunkt auf rechtswidrige Machenschaften ergaben.» Auch die beiden Gutachten, die vor dem Kauf bei zwei renommierten Steuerberatungsgesellschaften erstellt wurden, nannten keine Hinweise auf Geldwäscherei.

«Es besteht der Eindruck, dass das Ganze oberflächlich überprüft wurde und man ein Auge zugedrückt hat, weil die Technologie und das Know-how von Fastweb äusserst attraktiv waren», sagt SP-Präsident Christian Levrat. Zusammen mit anderen Politikern ist er am kommenden Donnerstag zu einem Gespräch mit Swisscom-Vertretern eingeladen. Mit dabei: Carsten Schloter. Die Telekomfirma hat eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, welche die Vorwürfe im Detail analysiert. Im Zentrum dürfte die Rolle von drei Herren stehen:

MARIO ROSSI: Die italienischen Behörden ermitteln gegen den früheren Finanzchef der Swisscom, der 2007 zu Fastweb wechselte. Ihm wird vorgeworfen, kurz nach seinem Antritt ein Steuerformular für 2006 unterschrieben zu haben – angeblich das letzte Jahr, in dem das Geldwäscherei-Netz aktiv war. Seit einem halben Jahr ist Rossi wieder bei der Swisscom tätig.

STEFANO PARISI: Die Justiz ermittelt gegen den aktuellen Fastweb-Chef Stefano Parisi. Laut Swisscom wurde Parisi von der Justiz noch nicht befragt.

GUIDO GARRONE: Der heutige Leiter Netze Swisscom Schweiz und Konzernleitungsmitglied war 1999 Mitgründer von Fastweb und wechselte erst 2008 zur Swisscom. Was wusste er.

Vorerst schaut die Swisscom am Dienstag gebannt nach Italien. Dann wird entschieden, ob ein Kommissar zur Zwangsaufsicht von Fastweb eingesetzt wird. «Die Folgen sind derzeit nicht abschätzbar und wir hoffen, dass es nicht zu einer solchen Massnahme kommt», sagt Swisscom-Sprecher Sepp Huber, «schliesslich beziehen sich die Vorwürfe auf den Zeitraum von 2003 bis 2006.»

Analysten bezeichneten Fastweb bisher als Erfolgsstory für Swisscom. Zieht sich die Affäre aber über Monate hin und beginnen Kunden abzuspringen, wäre ein Abschreiber wohl unausweichlich. Laut Panagiotis Spiliopoulos, Telekomspezialist der Bank Vontobel, könnte der im schlimmsten Fall 1,3 Milliarden Franken betragen. Dabei werden böse Erinnerungen wach an frühere Auslandabenteuer der Swisscom. 1999 kaufte sie die deutsche Debitel für 4,3 Milliarden Franken. Fünf Jahre später wurde sie mit einem Verlust von 3,3 Milliarden abgestossen.

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