Ein Klick, und schon wars geschehen. Am Freitagmorgen vor einer Woche drückte Alexander Arafa, Chef des Swiss-Kabinenpersonals, aus Versehen auf Senden. Das E-Mail, das eine geheime Präsentation von Chief Operating Officer Rainer Hiltebrand enthielt, ging an alle rund 3500 Flight Attendants, wie «Der Sonntag» aus mehreren Quellen erfahren hat.

Der Aufruhr bei den Angestellten ist gross. In der Präsentation werden Überlegungen der Airline aufgezeigt, wie man sich die langfristige Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern in Zukunft vorstellen könnte – mit dem Ziel, die Effizienz zu steigern. Vor allem beim Kabinenpersonal ist die Angst gross vor einer Nivellierung des Berufsbildes. Denn unter dem Namen «Swiss Light» ist in einem Modell-Entwurf die Rede davon, dass die Berufsprüfung nicht mehr Bestandteil des Karrierepfads wäre. Gewisse Ausbildungsschritte würden beschnitten. Und beim Lohn würde die Swiss auch sparen wollen.

Die Cabin-Crew-Gewerkschaft Kapers reagierte diese Woche mit einem Schreiben an ihre Mitglieder: «In aller Regel werden den Angestellten die Absichten, wie die Fluggesellschaft auf das unternehmerisch schwierige Umfeld zu reagieren gedenkt, nicht auf solch schonungslose Weise vermittelt.» Jetzt wisse man explizit, worauf man sich einstellen müsse. «Wir werden nun mit der Geschäftsleitung über diese konkreten Themen Gespräche aufnehmen.»

Ganz überrascht sei man nicht, schreibt die Kapers. «Die Reaktionen unseres Top-Managements auf das momentan schwierige wirtschaftliche Umfeld haben uns längst darauf hingewiesen, dass eine massive Strukturanpassung eine realistische Option ist.» Kapers befürchtet «schwerwiegende Konsequenzen auf die Anstellungs- und Arbeitsbedingungen, wie auch auf Karrieremodell und Löhne». Letztere sind bereits jetzt nicht sehr hoch bei einem Einstiegssalär von 3300 Franken.

Auch bei den Piloten denkt das Management über Änderungen nach. So zeichnet der COO in der Präsentation ein Modell, in dem die sogenannten Shorthaul-Flüge, bestimmte Kurz- und Mittelstreckendestinationen, neu der Swiss European zugeordnet wären. Sie ist sozusagen das Überbleibsel der Crossair, deren Piloten einen günstigeren Gesamtarbeitsvertrag (GAV) haben. Heute werden die Shorthaul-Flüge von den Airbus-Piloten der Swiss International geflogen. Ein heisses Eisen, schliesslich besteht zwischen den beiden Corps aus früheren Swissair-Crossair-Zeiten noch immer ein gewisser Klassen-Gedanke.

Bei der Swiss spricht man in Bezug auf das E-Mail von einem «bedauerlichen Fehler»: Beim genannten Dokument handle es sich um ein Arbeitspapier, das verschiedene mögliche Zukunftsmodelle skizziert, die erst diskutiert würden. Ob und wie diese umgesetzt werden, sei nicht entschieden. Deshalb nehme man zum Inhalt auch keine Stellung.

Die Überlegungen zeigen jedoch, unter welchem Druck sich die Schweizer Airline befindet. Einerseits ist sie von der Lufthansa verpflichtet, 100 Millionen Franken dem konzernweiten Sparprogramm Score beizusteuern. Und das, obwohl die Swiss in der Branche noch immer als Musterschülerin gilt. Schliesslich schnitt sie in den letzten Jahren immer überdurchschnittlich gut ab. Auch sind Stimmen beim Personal zu hören, die Verständnis für die Weitsicht des Managements zeigen oder diese sogar loben.

Die Swiss profitierte in den letzten Jahren davon, dass sie nach der Geburt als Swissair-Phönix in der Turnaround-Phase von den Mitarbeitern viele Zugeständnisse erhielt und ein straffes Kostenmanagement durchsetzen konnte. Während etablierte Airlines wie die Lufthansa alte Strukturen wie einen schweren Klotz hinter sich her ziehen müssen, konnte die schlanke, durchsanierte und durchstrukturierte Swiss abheben und satte Gewinne einfahren.

Doch dieser Vorsprung droht zu schmelzen. Denn die Gewinne weckten auch Gelüste. Zum Beispiel bei den Langstrecken-Piloten, die sich zunehmend ausgenutzt fühlten. Gerade noch vor Score gelang es der Gewerkschaft Aeropers vergangenen Sommer, einen weitaus besser dotierten Gesamtarbeitsvertrag herauszuholen, welcher die Swiss jährlich 22 Prozent mehr kostet als zuvor. Swiss-Chef Harry Hohmeister nannte die Einigung danach aus kommerzieller Sicht «einen Schritt in die falsche Richtung». Mit der Pilotengewerkschaft IPG Cockpit der Swiss-European-Crew befindet sich das Management zurzeit in Verhandlungen über einen neuen GAV.

Bereits Ende 2011 warnte Hohmeister. Der Gewinn sackte im vierten Quartal von 135 Millionen Franken im Vorjahr auf 18 Millionen ab. Und von Januar bis März resultierte zuletzt gar ein operatives Minus von 4 Millionen Franken – die ersten roten Zahlen seit zwei Jahren für die erfolgsverwöhnte Swiss. Und am Horizont warten weitere dunkle Wolken, denn die Airline ist mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert:

Der starke Franken macht einen grossen Teil der Euro-Einnahmen zunichte und benachteiligt die Swiss auf der Kostenseite gegenüber der ausländischen Konkurrenz.

Das von der EU Anfang Jahr lancierte CO-Handelssystem für den Tausch von Emissionszertifikaten kostet die Swiss jährlich bis zu 15 Millionen Franken.

Wegen des steigenden Ölpreises musste die Swiss die Treibstoffzuschläge erhöhen. Doch decken diese die Kosten noch immer «bei weitem nicht», wie Hohmeister vergangene Woche sagte.

Billigairlines wie Easyjet und vermehrt arabische Fluggesellschaften, die sich auf die Ölmillionen ihres Staates verlassen können, machen der Swiss mit günstigen Preisen das Leben schwer.

Zudem stehen für die Swiss Investitionen in Milliardenhöhe an, unter anderem ab 2014 mit den neuen Bombardier-Maschinen als Ersatz für die alten Jumbolinos. Und für 2016 ist der Ersatz der A340-Flotte vorgesehen. Kostenpunkt: rund 4 Milliarden Franken.

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