Die Swatch Group hat im vergangenen Geschäftsjahr Umsatz und Reingewinn auf neue Rekordwerte hochgeschraubt. Der Genfer Uhren- und Schmuckkonzern Richemont tat es ihr gleich, ebenso der Luxusgüterhersteller LVMH, dem die Schweizer Uhrenmarken Hublot, Zenith und TAG Heuer gehören.

Während die Aktionäre von deutlich höheren Dividenden profitierten, haben die Mitarbeiter das Nachsehen. Ihr Medianlohn ging in diesem Jahr um fast 300 Franken zurück. Das zeigen gemeinsame Berechnungen des Arbeitgeberverbandes der Schweizerischen Uhrenindustrie und der Gewerkschaft Unia. «Der Medianlohn ist gesunken», bestätigt die Präsidentin des Uhren-Arbeitgeberverbandes, die frühere Berner Regierungsrätin Elisabeth Zölch.

Medianlohn bedeutet, dass je die Hälfte der Lohnempfänger mehr beziehungsweise weniger als diesen Wert erhalten. Bis zum vergangenen Jahr war er dank dem Uhrenboom fast stetig gestiegen, auf den Rekordwert von 5301 Franken. Doch in diesem Jahr gab es eine deutliche Senkung auf noch 5012 Franken. Die Uhrenbranche ist damit nicht allein. Gesunken ist der mittlere Lohn auch bei den Bekleidungsherstellern und in der Metallindustrie. Doch diese Branchen kriseln seit längerem, während die Uhrenindustrie floriert.

Gerade das rasante Wachstum sei schuld am sinkenden Medianlohn, sagt Elisabeth Zölch. «Weil die Branche stark gewachsen ist und mehrere tausend Arbeitsplätze geschaffen hat, wurden vor allem auch weniger Qualifizierte und Grenzgänger eingestellt, was den Medianlohn drückt.» Tatsächlich hat die Branche wegen der steigenden Nachfrage nach Schweizer Uhren in den vergangenen drei Jahren den Personalbestand um 8738 auf 57 286 Mitarbeiter erhöht, vor allem in der Produktion, wo tendenziell tiefere Löhne bezahlt werden.

Die negative Entwicklung des Medianlohns bedeute nicht, dass individuelle Lohnsenkungen vorgenommen worden seien, sagt Zölch. Es sei nichts als logisch, dass der Medianlohn sinke, wenn der Anteil von Ungelernten und Neueinsteigern steige, da diese tendenziell tiefere Löhne erhalten als die Mitarbeiter mit vielen Dienstjahren.

Doch ein genauer Blick auf die Zahlen stützt diese Aussage nicht – im Gegenteil: Auch bei den Mitarbeitern mit langer Berufserfahrung nahm der Medianlohn ab, namentlich bei jenen mit fünf bis neun Jahren Berufserfahrung sowie bei jenen, die seit zwanzig und mehr Jahren in der Branche arbeiten.

Ausgerechnet bei den Hochqualifizierten mit einem Universitäts- oder Fachhochschulabschluss sowie bei Maturanden und Mitarbeitern mit einem Berufsbildungsdiplom sind die Löhne überdurchschnittlich gesunken, während die Abnahme bei den Ungelernten nur sehr gering war. Auch der Zustrom von Grenzgängern liefert keine Erklärung für die sinkenden Löhne: Die Schweizer Mitarbeiter mussten einen fast gleich starken Rückgang hinnehmen.

Der wahre Grund für das sinkende Lohnniveau sei, dass die Uhrenfirmen neue Leute zu schlechteren Bedingungen anstellten, sagt Pierluigi Fedele, Verantwortlicher für die Uhrenindustrie bei der Gewerkschaft Unia. «Das geschah massenhaft.» Gemäss der letzten Lohnstrukturerhebung des Bundesamts für Statistik vom Jahr 2012 arbeiten 35 Prozent der Beschäftigten seit weniger als zwei Jahren in der Branche. Zwei Jahre zuvor waren es erst 27 Prozent gewesen. Auch der Anteil der Unqualifizierten ist in diesem Zeitraum angestiegen.

«Die Industrie drückt damit das Lohnniveau für alle in der Branche», sagt Fedele. «Es gibt einen eigentlichen Lohnzerfall.» Firmennamen will er zwar keine nennen, aber diese Entwicklung sei in der gesamten Branche zu beobachten, gerade bei den grossen Uhrenherstellern. Also bei Swatch, Rolex, IWC. Keines dieser Unternehmen wollte zum Vorwurf Stellung nehmen.

Einen Lohndruck bewirkt auch die beschleunigte Automatisierung. Den klassischen Uhrenmacher sieht man in den Fabriken immer weniger, da heute selbst feinste Teile von Maschinen und Robotern hergestellt und zusammengebaut werden können. «Die zunehmende Automatisierung bei der Produktion von Billiguhren drückt tendenziell auf die Löhne», bestätigt Elisabeth Zölch. Das stimme aber nicht bei den teuren Luxusuhren, die nach wie vor fast ausschliesslich Handwerk seien.

Die Löhne in der Schweizer Uhrenindustrie sind schon länger ein Thema. Denn sie sind teilweise sehr tief, während die Firmen mit ihren «Swiss-made-Produkten» Milliarden verdienen. Der Mindesteinstiegslohn beträgt für Ungelernte im Tessin 3000 Franken. Gleich viel erhalten Einsteiger von unter 19 Jahren im Jura und im Berner Jura, für Gelernte gibt es dort 3940 Franken. Unter 4000 Franken verdienen auch die Mitarbeiter mit einer dreijährigen Berufslehre in den Kantonen Solothurn, Baselland, Basel-Stadt, Freiburg, Waadt sowie in Lengnau BE, wo sich mehrere grosse Uhrenfabriken befinden.

Häufig zahlten die Unternehmen auch gut qualifizierten Grenzgängern nur den Mindestlohn, sagt Unia-Mann Pierluigi Fedele. Nun fordert die Unia bei den bald beginnenden Verhandlungen für einen neuen Gesamtarbeitsvertrag jährliche Lohngespräche auf Sozialpartnerebene. Bisher ist die Lohnpolitik Sache der Betriebe, mit Ausnahme der jährlichen Verhandlungen für Einstiegslöhne. Das soll so bleiben, finden die Arbeitgeber. Sie lehnen die Forderung der Unia strikt ab. «Bei uns wird das auf grossen Widerstand stossen», sagt Elisabeth Zölch.

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