Der Unternehmer und Präsident des Wirtschaftsverbandes Handel Schweiz, Jean-Marc Probst, wählt deutliche Worte: «Ein Brexit, also ein Austritt Grossbritanniens aus der EU, könnte die gleichen Folgen haben wie sie letztes Jahr der 15. Januar hatte.» Damals schaffte die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Mindestkurs ab. Der Franken wertete sich dramatisch auf. «Ein Brexit würde ebenfalls dramatische Kursveränderungen bedeuten und eine erneute Erstarkung des Schweizer Frankens gegenüber anderen Währungen.» Aktuell sei ein Brexit am 23. Juni das grösste Risiko für die Schweizer Wirtschaft.

Hinter Handel Schweiz stehen 30 Verbände und 3800 Unternehmen. Darunter die Nahrungsmittelunternehmen Fenaco, Emmi oder Bel; aus der IT-Branche Canon, Panasonic oder IBM; Manor, Ikea, Maus Frères, Volg vertreten den Detailhandel. Probst als Präsident sitzt in den Vorständen des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse und des Arbeitgeberverbandes.

Gegen einen Brexit sollte sich die Schweizer Wirtschaft wappnen, so Probst. Handel Schweiz rät seinen Mitgliedern explizit dazu, Abwehrmassnahmen zu prüfen. Probst selbst hat als Präsident und CEO von Probst Maveg, einem Baumaschinenhändler mit 120 Mitarbeitern, Vorkehrungen getroffen. «Ich habe schon im Januar eigens dafür ein Team aufgestellt. Es sucht nach Möglichkeiten, wie wir vor dem 23. Juni unser Lager möglichst tief halten können.»

Dieses Mal sind alle gewarnt
Probst will nicht noch einmal erleben, dass ihm ein erneuter Frankenschock die gelagerten Maschinen und Vorprodukte abwertet. «Nach dem 15. Januar wollten unsere Kunden auf einmal Preisabschläge auf alle Maschinen. Dabei hatten wir alles noch zum alten Wechselkurs eingekauft.» Seiner Ansicht nach tun auch andere Unternehmen gut daran, ihre Möglichkeiten zu einer Lagerreduktion auszuloten. Wobei dies nicht allen gleichermassen möglich sei.

Die Angst vor dem Brexit treibt die Grossen und Mächtigen der Welt um. Der Internationale Währungsfonds, US-Präsident Barack Obama, Mario Draghi als Präsident der Europäischen Zentralbank – alle warnen sie. «Wir erleben mehrere Krisen, die alle zusammenhängen und sich gegenseitig verstärken», sagte Draghi diese Woche. «Umso wichtiger ist es, jedem Nationalismus und Isolationismus zu widerstehen. Beide sind aber auf dem Vormarsch. Das ist meine grosse Sorge.»

Immerhin käme ein Brexit nicht aus heiterem Himmel: «Im Unterschied zum 15. Januar als die Mindestkursaufhebung unvermittelt kam, können sich alle wappnen», sagt Probst. Es sei geradezu unternehmerische Pflicht, die Reaktion auf einen Brexit zu planen. Ob sich Grossbritannien tatsächlich dazu entschliesse, wisse natürlich niemand. «Die Abstimmung wird hochemotional, irgendwelche zufälligen Ereignisse kurz vor dem Termin können entscheiden.»

Ein Brexit werde das ohnehin wacklige Konstrukt EU weiter schwächen. «Andere werden sich fragen, warum sie sich von der EU das Budget diktieren lassen», sagt Probst. Der Nationalismus werde nicht nur in Grossbritannien, sondern auch in anderen Ländern an Stärke gewinnen. «Dadurch wird wiederum der Euro schwächer, der sich ja letzten Endes auf die EU stützt.» Es sei bereits heute bekannt, dass das finnische Parlament über einen Austritt aus der Eurozone debattieren werde.

Dagegen würden die Negativzinsen der SNB nicht viel ausrichten können, ist Probst überzeugt. Der Franken werde noch stärker. «Stellen Sie sich einen Rentner in Spanien vor, dessen Rente an die 20 Prozent an Kaufkraft verlieren könnte. Wird es ihn davon abhalten, sein Geld in die Schweiz zu bringen, wenn er dort einen winzigen Negativzins zahlen muss? Ich glaube nicht.»

Ein Euro für 90 Rappen
Marcel Zahner, CEO von Robert-Aebi, wie das Unternehmen von Probst ein Händler von Baumaschinen, findet die Warnung von Handel Schweiz berechtigt. «Es sollte jeder Schweizer Unternehmer wissen, wie er auf eine erneute Erstarkung des Schweizer Frankens reagieren würde.» Noch seien zu wenige dazu in der Lage. Zahner selber hat bereits vorgesorgt. «Ich weiss heute genau, was Robert-Aebi tun würde, wenn ein Euro nur noch 90 Rappen wert wäre», sagt der Chef von 430 Mitarbeitern. Was genau, will er nicht sagen.

Ein Euro für 90 Rappen – für Zahner ist das alles andere als ein Schreckgespenst, das gottlob nie in Erscheinung treten wird. «Eine weitere Aufwertung erachte ich als wahrscheinlicher als eine Abschwächung.» Zwar nicht nächste Woche, aber in fünf Jahren. «Der Aufwertungsdruck auf den Franken bleibt sicherlich bestehen.» In der Zwischenzeit rechnet Zahner mit einem Kurs von einem Franken pro Euro – «plus oder minus 10 Prozent.»

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