Der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) drückt sein Unbeghagen klar und deutlich aus. Gewerbedirektor Hans-Ulrich Bigler wirft dem Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) «gezielte Desinformation» vor. Das Amt werbe mit unvollständigen Statistiken für seine Rentenreform «Altersvorsorge 2020». Und zwar im Bericht, den das Amt diese Woche publizierte, bisher aber kaum beachtet wurde.

Das BSV beschreibt anhand konkreter Szenarien, wie sich die Rentenreform auf die Bevölkerung auswirkt: von der alleinerziehenden Mutter mit 4000 Franken Monatslohn bis zum 18 000-Franken-Doppelverdienerpärchen. Das BSV zeigt nicht nur, wie stark die Kosten für die Finanzierung der Renten steigen, sondern auch, was das für die Leistungen bedeutet, die dereinst bezahlt werden. So geht daraus hervor, dass am Beispiel der alleinerziehenden Mutter jährlich zusätzliche Kosten von 1260 Franken anfallen. Dafür erhalte diese später eine um jährlich 4524 Franken höhere Altersrente als ohne Reform.

Im Falle eines Paars mit einem Einkommen von monatlich 13 000 Franken errechnet das BSV Mehrausgaben von 2184 Franken pro Jahr. 1512 Franken für Pensionskassenbeiträge sowie 672 Franken für die zusätzliche Mehrwertsteuer. Dafür erhält das Paar pro Jahr 7272 Franken mehr Rente als ohne Reform.

Die Rentenreform basiert hauptsächlich auf zwei Säulen: Zusätzliche Mehrwertsteuerprozente sollen die AHV stabilisieren, höhere Lohnabzüge sollen bewirken, dass mehr Geld für die Pension zur Seite gelegt wird, das tiefere Umwandlungssätze ausgleichen kann.

Gewerbedirektor Bigler kritisiert die Rechenspiele. Sie seien «nicht transparent» und man wisse nicht, wie das Amt rechne. Sie seien daher «nichts wert». Er verweist auf den eigenen Rechner, den der Verband im Netz aufgeschaltet hat und der die «wahren» Kosten der Reform zeige. Dort werden aus den 1260 Franken des BSV-Beispiels mit der alleinerziehenden Mutter je nach Alter und Umsetzung der Rentenreform 1492 bis 4164 Franken zusätzliche Kosten pro Jahr.

Dass der Gewerbeverband auf höhere Kosten kommt, hat mehrere Gründe:

> Mehrwertsteuer: Der Bund rechnet mit der Erhöhung der Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt. Der SGV weist daneben die Kosten des späteren Schritts mit einem weiteren Prozentpunkt aus.

> Arbeitgeberbeiträge: Der Bund blendet Arbeitgeberbeiträge aus und zeigt nur die Kosten für Angestellte.

> Interventionsmechanimus: Die Rentenreform sieht vor, dass bei einer hohen Unterdeckung der AHV ein automatischer Interventionsmechanismus ausgelöst wird, der bis zu einem Lohnprozent an Zusatzabgaben vorsieht. Die Bundesszenarien blenden auch das aus.

> Übergangsmassnahmen: Während 25 Jahren wird die Rentenreform über Zusatzzahlungen abgefedert. Deren Kosten seien im SGV-Modell abgebildet, nicht aber beim Bund, sagt Bigler.

BSV-Sprecher Rolf Camenzind bestätigt die Unterschiede, verteidigt aber den Ansatz des BSV. Dass man nur mit einem Mehrwertsteuerprozent rechne, sei «klar deklariert». Das BSV gehe von den als sicher zu erwartenden Massnahmen aus. Das zweite Mehrwertsteuerprozent sei jedoch nur fakultativ. Camenzind bestätigt auch, dass die Kosten der Übergangsmassnahmen nicht enthalten seien. Auch sei korrekt, dass das Bundesamt nur mit den Arbeitnehmerkosten rechne, die Arbeitgeberbeiträge aber weglasse. «Unsere Absicht ist, die direkten Kosten der Versicherten aufzuzeigen.» Zu den Kosten für die Arbeitgeber laufe zudem noch eine Studie.

Zwischen dem Amt und dem Gewerbeverband schwelt ausserdem ein Streit um die Methodik. Während der Gewerbeverband eine Stichtagsbetrachtung macht, rechnet das BSV mit Szenarien, die ein fiktives Erwerbsleben über alle Altersstufen hinweg abbilden.

Das seien «nichtssagende Durchschnittswerte», moniert Bigler. Der eigene Lohnrechner zeige jedem Angestellten, abhängig von dessen Alter, genau, wie viel mehr er konkret nach der Annahme des Rentenpakets bezahlen müsse. Amtssprecher Camenzind wiederum beschuldigt den Gewerbeverband der «Scheingenauigkeit». Es könnte der Eindruck entstehen, als liessen sich exakte Aussagen machen. «Es wird aber ausgeblendet, dass es Pensionskassen gibt, die beispielsweise mehr zahlen als das Minimum.»

Der Gewerbeverband bekämpft die Rentenreform weiterhin grundsätzlich. Sie müsse überarbeitet werden, sagt Bigler. Zumindest aber müsse der Bund mit transparenten Rechenbeispielen agieren. «Das ist bei den veröffentlichten Zahlen eindeutig nicht der Fall.»

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