Ein Ende des Konflikts um Sika ist auf Monate hinaus nicht in Sicht. Die Unsicherheit droht das Industrieunternehmen zu lähmen. Jetzt versucht Saint-Gobain-Präsident Pierre-André de Chalendar, den Stillstand zu durchbrechen. In einem offenen Brief, den die «Schweiz am Sonntag» einsehen konnte, bietet er Gespräche an. Die Zeit sei reif für einen Dialog mit dem Sika-Verwaltungsrat.

Auch wenn es im Brief nicht geschrieben steht: De Chalendar nimmt damit offensichtlich Stellung auf die schweren Vorwürfe, die Sika-Präsident Paul Hälg an einer Generalversammlung vor vier Wochen gegen Saint-Gobain erhoben hatte.

Dort hatte Hälg gewarnt, eine Übernahme von Sika durch Saint-Gobain werde kaum Synergien ergeben. Im Gegenteil, sie entbehre jeglicher industriellen Logik. Hälg vermutete daher andere, finstere Beweggründe. Sika verliere die Kontrolle über ihre Wertschöpfung und ihr Know-how. Ein Werttransfer drohe. «Das Sika-Modell ist akut gefährdet.»

De Chalendar stellt diesem Szenario die Geschichte von Saint-Gobain in der Schweiz entgegen. Bereits seit 1937 sei man hierzulande tätig. «Wussten Sie, dass bekannte und erfolgreiche Schweizer Unternehmen wie Vetrotech, Sanitas Troesch, Rigips, Weber-Marmoran und Isover alle Mitglieder der Saint-Gobain-Familie sind?»

Was de Chalendar damit offensichtlich sagen will: Schaut her, wir arbeiten seit bald acht Jahrzehnten mit Schweizer Unternehmen zusammen. Wäre das möglich gewesen, wenn wir wie eine Finanzheuschrecke nur darauf aus wären, kurzfristigen Gewinn herauszupressen?

Dann gibt de Chalendar eine Reihe von Versprechen ab. «Sika soll wie bisher geführt werden: von den existierenden Niederlassungen in der Schweiz und im Ausland aus – und weiterhin als Schweizer Unternehmen mit Sitz in Baar.» Die Kotierung der Sika-Aktien an der Swiss Exchange SIX bleibe unberührt.

Damit will de Chalendar offenbar die Befürchtung nehmen, Sika könne zu einem rein französischen Unternehmen werden. Sozusagen ferngesteuert vom Saint-Gobain-Sitz nahe Paris aus.

Eine zentrale Steuerung sei für Saint-Gobain ohnehin nicht üblich, argumentiert de Chalendar. «Saint-Gobain war schon immer ein hochgradig dezentralisiertes Unternehmen.» So habe man auch die Organisation der Schweizer Tochtergesellschaften geregelt.

Auch im Fall der Sika habe man die Absicht, «die dezentrale Struktur von Sika mit ihren hochkompetenten Management-Teams auf der ganzen Welt beizubehalten». Man sei vom derzeitigen Geschäftsmodell «felsenfest überzeugt».

Auch den Sika-Mitarbeitern gibt de Chalendar ein Versprechen ab. «Es ist unsere klare Absicht, weder Entlassungen von Sika-Mitarbeitenden noch irgendwelche Restrukturierungen aufgrund unseres Kaufs vorzunehmen.» Sämtliche vertraglichen Rechte der Mitarbeitenden würden uneingeschränkt fortgeführt.

De Chalendar zeigt auch auf, welche industrielle Logik seiner Ansicht nach hinter der Übernahme steht. Synergien will er vor allem im Verkauf erzielen. Produkte von Sika sollen über Saint-Gobain-Kanäle vertrieben werden – und umgekehrt. Über einen gemeinsamen Einkauf will de Chalendar zudem Ersparnisse herausholen.

Diese Synergien sollen «angemessen» aufgeteilt werden, verspricht de Chalendar. Dafür würden Geschäfte zwischen Saint-Gobain und Sika «der Zustimmung des Sika-Verwaltungsrates unterstehen, der eine starke unabhängige Vertretung aufweisen wird».

Zum Schluss appelliert de Chalendar direkt an den Sika-Verwaltungsrat. Dessen Verzögerungstaktik sei letztlich zum Schaden aller. «Sowohl das Management als auch die Mitarbeitenden würden dadurch länger im Ungewissen belassen.»

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