Es war das Jahr 2008. Die Unternehmenssteuerreform II sollte die Wirtschaft entlasten. Detailliert listete der Bundesrat damals die Kosten auf, das Volk stimmte ab. Bald darauf zeigte sich: Die Experten hatten sich verschätzt. Die Reform wurde letztlich um Milliardenbeträge teurer.

Nun könnte sich die Geschichte wiederholen. Experten warnen davor, dass die am Montag vorgestellte dritte Reform Kosten nach sich ziehe, die nicht ausgewiesen werden. Zwar listet der Bund zu den meisten Massnahmen auf, wie teuer sie Bund und Kantone zu stehen kommen sollen. So führe etwa die neue Möglichkeit, Zinskosten des Eigenkapitals steuerlich abzuziehen, zu Steuerausfällen von 610 Millionen Franken. Gleichzeitig solle die neue Kapitalgewinnsteuer 1,1 Milliarden Franken zusätzliche Steuern generieren.

Doch dabei blendet der Bund einen wichtigen Punkt aus. Die dynamischen Auswirkungen der Vernehmlassungsvorlage seien noch wenig geprüft worden, warnt Kaspar Sutter, Generalsekretär des Finanzdepartements Basel-Stadt.

Was meint er damit? Der Bundesrat berücksichtigt in den Prognosen nicht, dass Steuerpflichtige nach der Reform ihr Verhalten ändern. «Es ist eine Binsenwahrheit, dass Firmen und Privatpersonen auf eine Veränderung der Steuerregeln reagieren», sagt Peter Uebelhart, Chef der Steuerberatung von KPMG. Und Andreas Staubli, oberster Steuerberater von PWC, sagt, er habe grosse Zweifel. «Es ist schwer absehbar, was für dynamische Effekte die Reform mit sich bringt. Das kann noch deutlich teurer werden.»

Der Bund bestätigt, dass diese dynamischen Effekte nicht berücksichtigt wurden. Die tatsächlichen Auswirkungen könnten noch von der Prognose des Bundesrates abweichen, sagt Thomas Brückner, Sprecher der Eidgenössischen Steuerverwaltung (EStV). Das macht die Reform zu einer Wundertüte. Besonders kritisch mit Blick auf dynamische Effekte sei etwa die Zinsbereinigung der Gewinnsteuer, sagt Sutter.

Der Effekt ist einfach: Können Firmen Kosten des Eigenkapitals abziehen, wird es interessant, das Eigenkapital dahin zu verschieben, wo die Gewinne entstehen. Heute ist das nicht zwingend so.

Im Fokus stehen auch Rabatte bei der Versteuerung von Dividenden. Heute werden Dividenden reduziert oder gar nicht versteuert, falls ein Aktionär mehr als 10 Prozent einer Firma besitzt. Nun fällt die 10-Prozent-Regel weg, was den Rabatt auf alle Aktionäre ausweitet. Diese Neuerung habe «massive dynamische Effekte zur Folge», sagt Staubli. Die Steuerausfälle dürften die dort budgetierten 766 Millionen Franken klar übersteigen.

Staubli erklärt es an einem Beispiel: Hält eine Privatperson Aktien verschiedener Firmen, muss sie Dividenden heute versteuern. Künftig sinkt die Besteuerung auf 70 Prozent. Bringt die Person die Aktien zusätzlich in eine Firma ein, werden die Dividenden ganz steuerfrei an diese ausbezahlt. Erst falls die Firma selber eine Dividende zahlt, muss diese versteuert werden. Ein solches Konstrukt lohne sich schon bei kleineren Vermögen, sicher aber ab einer Million Franken, sagt Staubli. Auf dem gleichen Weg lasse sich die geplante Kapitalgewinnsteuer umgehen. Das relativiert die dort budgetierte zusätzliche Einnahme von 1,1 Milliarden Franken stark. EStV-Sprecher Brückner bestätigt, dass auch bei der Kapitalgewinnsteuer dynamische Effekte nicht berücksichtig sind.

«Diese neue Lösung ist zwar nett, aber sie hat mit dem eigentlichen Ziel, mit der Reform Statusgesellschaften vom Abwandern abzuhalten, gar nichts mehr zu tun», sagt Staubli. Auslöser der Reform war einst, internationale Konzerne zu entlasten, die heute von Steuerrabatten profitieren, die künftig wegfallen.

In Bern zeigen sich Parlamentarier von diesen Effekten überrascht. BDP-Parteipräsident Martin Landolt hält fest: «Wir müssen tunlichst verhindern, dass sich Überraschungen wie bei der Unternehmenssteuerreform II wiederholen.» Und SP-Präsident Christian Levrat kündigt an, dass die Experten seiner Partei nun nach solchen versteckten Pferdefüssen suchen werden. Diese Arbeiten liefen aber erst an.

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