Der Schock in der Region Solothurn ist gross. Auf einen Schlag werden mit der angekündigten Schliessung der Papierfabrik Biberist 550 Arbeitsplätze vernichtet. Gemeindepräsident Martin Blaser befürchtet, dass auch das lokale Gewerbe bluten wird. Die Betreiberin des Werks, der südafrikanische Konzern Sappi, begründete die Schliessung mit Überkapazitäten für Papier auf den europäischen Märkten sowie stark steigenden Kosten für Rohstoffe und Energie.

Die Recherchen zeigen, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Denn unter steigenden Kosten leiden die anderen europäischen Werke von Sappi genauso wie Biberist. Wieso also traf es ausgerechnet den Schweizer Standort?

Den Ausschlag gab – nebst der vergleichsweise schlechten Lage abseits der grossen Häfen – die Frankenstärke. Das bestätigt Werkleiter Nicolas Mühlemann: «Der Schweizer Franken war für uns ein Nachteil. Im Gegensatz zu den anderen europäischen Werken müssen wir die Lohn- und die Energiekosten in Franken zahlen.»

Einen guten Teil der Einnahmen erzielte die Papierfabrik Biberist aber in Euro. Seitdem der Euro gegenüber dem Franken schwächelt (der aktuelle Kurs liegt bei Fr. 1.31), ist sie gegenüber den in Euro rechnenden Sappi-Werken in Deutschland, Österreich, Belgien, Finnland und den Niederlanden nicht mehr konkurrenzfähig.

Ein Opfer des starken Frankens ist auch der grösste Arbeitgeber des Kantons Uri, der Kabel- und Gummihersteller Dätwyler. Er zog vor einer Woche wegen des ungünstigen Wechselkursverhältnisses die Notbremse und gab bekannt, dass er in Altdorf rund 100 Arbeitsplätze abbaut. Schuld sei der tiefe Euro, liess Konzernchef Paul Hälg verlauten. Dieser lasse den Gewinn schrumpfen. «Da Dätwyler auch 2011 mit einem tiefen Euro rechnet, bleibt die wirtschaftliche Situation am Standort Altdorf äusserst kritisch.»

Alarmiert über die Frankenstärke zeigt sich der Verband der Maschinenindustrie, Swissmem. Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage unter den Mitgliedern zeigte ein erschreckendes Resultat: 87Prozent der antwortenden Firmen gaben an, sie litten unter der Abwertung des Euros. 28 Prozent planen einen Personalabbau oder haben bereits mit Entlassungen begonnen, 41 Prozent wollen ihre Werke ganz oder teilweise in den Euroraum verlagern. In einer Umfrage der Freiburger Industrie- und Handelskammer gaben sogar sieben von zehn Mitgliedern an, sie überlegten sich Verlagerungen und Entlassungen.

«Das langfristige Überleben vieler Betriebe ist gefährdet», sagt Swissmem-Präsident Hans Hess. «Wir gehen davon aus, dass sich die Situation in den kommenden Monaten noch verschlechtern wird. Denn die negativen Auswirkungen der Frankenstärke schlagen erst mit einer Zeitverzögerung von mehreren Monaten voll durch.»

Bewahrheitet sich diese Befürchtung, sind Biberist und Dätwyler erst der Anfang einer grossen Entlassungs- und Verlagerungswelle. «Die Swissmem-Umfrage ist alarmierend», sagt Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. «Aufgrund dieser Erhebung müssen wir damit rechnen, dass noch Gewaltiges auf uns zukommt, wenn sich der Schweizer Franken nicht bald abschwächt.» Lamparts Prognose ist düster: «Je länger die Frankenstärke anhält, desto mehr Fälle von Insolvenzen und Stellenverlagerungen ins Ausland werden wir erleben.»

Der Abbau von Arbeitsplätzen ist aber nur die eine Seite. Weniger beachtet wird, dass die Frankenstärke die Schaffung neuer Stellen verhindert hat. «Der starke Franken bremst den Stellenaufbau», sagt Lampart. Aktuell schätzt er, dass die Schweizer Firmen 20000 bis 30000 Stellen mehr geschaffen hätten, wenn der Franken nicht so stark wäre.


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