Millionen Schweizer leisten sich eine Zusatzversicherung. Als halbprivat oder privat versicherte Patienten erhoffen sie sich bessere medizinische Leistungen und etwas mehr Komfort. Neue Zahlen zeigen nun erstmals: Zusatzversicherungen haben üble Nebenwirkungen.

Da ist einmal das Übernachten in Spitälern. Für privat versicherte Patienten ist die Wahrscheinlichkeit bedeutend höher, dass das Spital sie stationär behandeln will. Sie müssen also eher über Nacht im Spital bleiben. Allgemein Versicherte hingegen dürfen öfter nach dem Eingriff nach Hause (ambulante Behandlung). Das zeigt eine neue Auswertung der Einkaufsgemeinschaft HSK, die Leistungen für die drei Krankenversicherer Helsana, Sanitas und KPT einkauft.

HSK-Geschäftsführer Peter Graf sagt dazu: «Die Übernachtung im Spital entspricht in den meisten Fällen nicht dem Bedürfnis der Patienten; die meisten würden lieber zu Hause im eigenen Bett schlafen.» Und der Gesundheitsökonom Heinz Locher sagt: «Das Übernachten im Spital ist nicht allein eine Unannehmlichkeit: Das Risiko von Infektionen ist dadurch deutlich erhöht.» Ein gesundheitlicher Mehrwert stationärer Behandlungen sei hingegen bei vielen Eingriffen nicht nachweisbar.

Hinweise für eine Überversorgung der privat versicherten Patienten gab es schon länger. Die HSK-Auswertung liefert erstmals verlässliche Zahlen. Ein eindrückliches Beispiel ist die Arthroskopie von Knien. Bei diesem möglichst schonend ausgeführten Eingriff am Knie müssen in der Grundversicherung im Schnitt maximal 2,5 Prozent der Patienten bis zu drei Tage im Spital bleiben. Und das über alle Altersklassen hinweg. Hingegen sind es in der halbprivaten Versicherung etwa 8 Prozent der Patienten im Alter von 40 bis 49 Jahren; oder 18 Prozent der Patienten im Alter von 70 bis 79 Jahren.

In der privaten Versicherung sind die Unterschiede noch krasser. Fast 30 Prozent der Patienten im Alter von 40 bis 49 Jahren werden von den Spitälern stationär behandelt. Das heisst: Privatversicherte werden in dieser Alterskategorie elfmal häufiger über Nacht im Spital behalten als allgemein Versicherte (siehe Grafik). Die Knie-Arthroskopie sei ein Beispiel unter vielen, so Peter Graf. «Es gibt leider eine lange Reihe von Operationen, bei denen das gleiche Missverhältnis zu beobachten ist.»

Die Spitäler haben an stationären Behandlungen ein handfestes finanzielles Interesse. An einer ambulanten Knie-Arthroskopie verdient ein Spital in der Grundversicherung im Schnitt nur rund 2350 Franken. Hingegen erhält es für die gleiche Operation eine Entschädigung von 7200 Franken, wenn es einen halbprivat versicherten Patienten stationär behandelt.

Nochmals mehr Geld erhält es, wenn es die Knie-Arthroskopie stationär an einem privat Versicherten vornimmt, nämlich 9890 Franken. Mit anderen Worten: Für die gleiche Operation entstehen fast vier Mal so hohe Kosten. Diese Kosten konnte die Einkaufsgemeinschaft HSK erstmals nachweisen, weil unter dem neuen Fallpauschalen-System SwissDRG die nötigen Zahlen erhoben werden.

Fantasie-Honorare
Wie solch horrende Beträge entstehen können, zeigt Graf anhand eines Extrembeispiels auf: eine Knie-Arthroskopie zu Kosten von 11 324 Franken. An diesem Eingriff hat etwa der Anästhesist rund 900 Franken verdient; vor allem aber der fallführende Arzt: rund 5416 Franken. Für Graf ist klar: «Solche Beträge sind nicht mit den Fähigkeiten des operierenden Arztes erklärbar.» Zumal es sich bei Knie-Arthroskopien mittlerweile um stark standardisierte Operationen handle. Gesundheitsökonom Locher bezeichnet solche Entschädigungen als «Fantasie-Honorare».

Der Direktor des Spitals Uster im Kanton Zürich, Andreas Mühlemann, sagt zu diesen Zahlen: «Es ist nun einmal so: In der Grundversicherung können auch gut geführte Spitäler die Behandlungskosten mit den heutigen Tarifen nicht decken – weder für ambulante noch für stationäre Behandlungen.» Daher müssten sie bei den privat versicherten einen Gewinn machen. «Nur so können sie sich finanziell über Wasser halten.» Die Folge: Privat versicherte Patienten würden die allgemein versicherten querfinanzieren. «Sie zahlen mehr, als es rein von ihren Kosten her nötig wäre.» Mühlemann betont: «Wir machen das, was für die Patienten medizinisch richtig ist. Nur dort, wo es einen medizinischen Grenzbereich gibt, können finanzielle Anreize eine Rolle spielen.»

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